Meine Querschnittlähmung und ich: „Von Verschwörungstheoretikern und Risikogruppen“

„Aluhut statt Maske“ – so war die Kolumne betitelt, die ich kürzlich im PARAplegiker las. Und nicht genau wusste, ob ich nun lachen oder mich wundern sollte. Weil ich Alu überwiegend dafür verwende, meinen Grillkäse einzupacken, und irgendwie Mitglied der Risikogruppe bin (ich mein: Wer ist das nicht?) trete ich heute meinen Autorenplatz ab und machen den Platz frei für besagte Kolumne.

Neulich vernahm ich als ein der Wissenschaft zugeneigter Leser, dass die Frage, seit wann Menschen an Verschwörungstheorien glauben, in der Forschung noch nicht abschließend geklärt sei. Lange Zeit hielt sich die Meinung, dass es diese immer schon und in allen Kulturen gegeben habe. Gesichert ist, es gab Vorläufer in der römischen und griechischen Antike. Und sie breiten sich in der jüngsten Zeit gedeihlich aus. Der Homo conspiratorius hat eine erstaunliche Karriere hingelegt und nun hat diese „Berufsgruppe“, befeuert durch die Corona-Krise, den langersehnten medialen Durchbruch geschafft.

Opfer des Erfolges

Deutschland scheint dabei das Opfer des erfolgreichen Umgangs mit der Pandemie zu sein. Dank der getroffenen Maßnahmen verlief die Pandemie hierzulande bisher glimpflicher als anderswo. Die vergleichsweise geringe Zahl der Personen, die an Covid-19 erkrankten, und leerstehende Krankenhausabteilungen werden von geneigten Kreisen dahingehend interpretiert, dass die Maßnahmen völlig übertrieben gewesen seien. Seit Corona nach Deutschland schwappte, kämpft das Land nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen einen Riss in der Gesellschaft. Zwei Gruppen stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber: Diejenigen, die Covid-19 für eine leichte Grippe oder gar eine Erfindung halten und diejenigen, die sich und andere aktiv schützen wollen. Dabei gerät selbst etwas so Harmloses wie das Tragen von Masken zum Schutze seiner Mitmenschen zum Glaubenskrieg.

Zur Corona-Verschwörungstheorie gehört wahlweise die Vorstellung, bestimmte Personen oder Gruppen hätten das Virus absichtlich über die Welt gebracht, um von der Pandemie zu profitieren, oder dieses wäre lediglich eine Erfindung von dunklen Kräften. In der Vorstellung der Verschwörungstheoretiker sind letztere geheime Eliten und fraternisierende Virologen, die nach der Weltherrschaft trachten. Diese wollten uns verstrahlen, zwangsimpfen und uns Mikrochips implantieren, dazu unsere Bürgerrechte und – noch schlimmer – das geliebte Bargeld abschaffen.

Virus im Kopf

Gemeinsam ist allen Verschwörungserzählungen, dass sie durch teils erstaunliche Zusammenhänge die Komplexität der Geschehnisse zu simplifizieren suchen. Früher wurde gegen angebliche Chemtrails gewettert, die Existenz der BRD bestritten oder die Mondlandung in Frage gestellt. Der Umgang mit der Pandemie ist sehr viel aggressiver. Vielen Teilnehmern der (Hygiene-)Demos blieb aber verborgen, dass ihr sorgenvoller Protest längst von rechtsextremen Spinnern und Möchtegern-Promis gekapert wurde. Corona wird zu einem ertragreichen Nährboden für deren Wahn. Experten dagegen werden angefeindet. Wer braucht schon Wissenschaftler, wenn mir doch prominente Barden, vegane Köche und verwirrte Schauspieler die Welt erklären können? Wie ihre Jünger tragen sie lieber den Aluhut als eine Schutzmaske.

Gemeinsam ist diesen Menschen, dass sie stets neue Feindbilder suchen und die eigenen geistreichen Überlegungen im Internet und in den Sozialen Medien mit der Weltöffentlichkeit teilen. Verständnis und Verstand sucht man in deren Beiträgen meist vergeblich. Vielleicht ist aber eben dies der Beweis für die Gefährlichkeit des Corona-Virus? Seriöse Medien berichten, es befalle auch das Gehirn.


Diese Kolumne wurde in Ausgabe 3/2020 der Zeitschrift PARAPLEGIKER: Das Magazin für den Querschnitt erstveröffentlicht. Der-Querschnitt.de dankt Autor Kevin Schultes (Vorstandsmitglied der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V., FGQ) für die Überlassung des Textes.

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