Notfälle bei Querschnittlähmung und wie man damit umgeht

Eine Querschnittlähmung kann mit verschiedenen Komplikationen einhergehen. Davon können einige schnelle Hilfe erforderlich machen und wenige eine akut lebensbedrohende Situation hervorrufen. Und auch auf nicht-querschnittspezifische Notfälle sollte man vorbereitet sein.

Im Folgenden werden Vorschläge* gemacht, wie man sich auf eventuell eintretende Notfälle so vorbereitet, dass Helfer möglichst schnell reagieren können.

Zunächst sollte ein Hausnotruf vorhanden sein. Dies ist vor allem für Menschen mit Assistenzbedarf sinnvoll, die nicht rund um die Uhr betreut werden, sondern auch einige Stunden, z. B. nachts, alleine verbringen. (Für mehr Informationen hierzu siehe: Notrufsysteme fürs eigene Heim.)

Alternativ kann die Nummer des Notfallkontaktes auf die Schnellwahltaste des Telefons gespeichert werden, so dass man im Ernstfall keine Zeit verliert.

Der Notfallkontakt muss im Vorfeld natürlich festgelegt werden. Wenn keine Familienmitglieder im selben Haushalt wohnen, müssen sich Betroffene überlegen, wer am ehesten in Frage kommt. Aspekte wie die Eignung des Einzelnen, aber auch seine anzunehmende Verfügbarkeit oder seine räumliche Nähe zur Wohnstatt des Betroffenen müssen berücksichtigt werden. Diesem Notfallkontakt sollte ein Wohnungsschlüssel anvertraut werden.

Der Notfallkontakt sollte über alle gesundheitlichen Eventualitäten, die bei dem Betroffenen auftreten können, informiert sein. Da sich diese Daten ständig ändern können, obliegt es dem Betroffenen z. B. eine Liste anzufertigen, in der alle aktuellen Diagnosen und aktuell verwendete Medikamente inkl. Einnahmeplan nachzulesen sind. Diese Liste muss mit anderen wichtigen Dokumenten, wie Impfpass, Allergieausweis, Patientenverfügung (siehe: Patientenverfügung) und Informationen zur Generalvollmacht, wenn diese nicht dem Notfallkontakt erteilt wurde.

Der-Querschnitt.de Leser, Felix Esser, sagt zu seiner persönlichen Strategie: „Auch stehen dort Besonderheiten, wie zum Beispiel eine Warnung vor der Autonomen Dysreflexie oder dass ich zur Dekubitusprophylaxe auf einer viskoelastischen Matratze nicht länger als fünf Stunden auf einer Seite liegen kann. Diese Liste habe ich unter meinen Hausnotruf und in die Dokumentationsmappe meines Assistenz-Dienstes gelegt. Zudem habe ich eine sogenannte Notfall-Dose. Auch darin befindet sich die Liste. Die Dose stellt man einfach in den Kühlschrank. Ein Aufkleber an der Kühlschrank- und an der Haustür weisen jeden Rettungsdienst darauf hin, wo er suchen muss.“ Siehe auch: Leben mit Querschnittlähmung: “Mein Plan, wenn ein Notfall eintritt.”

Dieses Konzept der Notfall-Dose in der Kühlschranktür und einem entsprechenden Aufkleber an der Haustür und ein weiterer an der Tür des Kühlschranks, gibt es schon seit einigen Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Rettungskräften wird es so ermöglicht wichtige Informationen den Gesundheitszustand des Betroffenen zu finden, da die Unterlagen an einem festen Ort hinterlegt sind, der sich für jeden Haushalt etablieren sollte. Für mehr Informationen und Bezugsquellen von Dosen und Aufklebern siehe: www.notfalldose.de (externer Link).

Notfallsituationen, die bei Querschnittlähmung auftreten können.

Aufgrund der Querschnittlähmung kann es u. a. in Abhängigkeit von der Lähmungshöhe zu verschiedenen Komplikationen, Folge- und Begleiterkrankungen kommen,

Was tun bei…

… Autonomer Dysreflexie?

Eine Autonome Dysreflexie kann bei Menschen mit Querschnittlähmung mit einer Lähmungshöhe von Th 6 und darüber auftreten. Es handelt sich dabei um einen unaufhörlich steigenden Blutdruck, ausgelöst durch einen Reiz unterhalb der Lähmungshöhe. Für Ursachen und Symptome siehe: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie?. Eine Autonome Dysreflexie kann zu Herz-, Hirninfarkten und Hirnblutungen führen und kann schlimmstenfalls eine lebensbedrohende Situation darstellen.

Wenn eine Autonome Dysreflexie festgestellt wird, sollte sich der Betroffene sofort aufrecht hinsetzen, die Beine senken und enge Kleider lösen. Der Blutdruck muss kontinuierlich beobachtet werden.

Dann muss die Ursache gefunden werden. Da die Autonome Dysreflexie sehr oft von einer übervollen Blase oder einer Ansammlung von Stuhl oder Luft im Enddarm ausgelöst wird, sollte dies zuerst überprüft werden, aber auch andere Reize sind möglich. Ist die Ursache gefunden, müssen sofort Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Wenn sie nicht gefunden wird und/oder die Symptome anhalten, können blutdrucksenkende, im Vorfeld verschriebene Medikamente eingesetzt werden, z. B. Nifedipine, 10 mg.

Sollte der Blutdruck trotz der Medikamenteneinnahme nicht sinken und die Ursache für die Autonome Dysreflexie nicht gefunden werden, muss der Notarzt gerufen werden.

Was tun bei…

… orthostatischer Hypotonie?

Die orthostatischer Hypotonie ist der plötzliche Blutdruckabfall beim Aufsetzen oder bei zu schnellen Transfers in oder aus dem Rollstuhl. Da die Regulationsmechanismen des Körpers im Falle einer Querschnittlähmung gestört sein können (z. B. wegen fehlender Muskelpumpfunktion in den unteren Extremitäten), kann es kurzzeitig zu einem ungenügenden Blutzufluss zum Gehirn kommen, was Schwindel und Benommenheit auslöst.

Beim Auftreten akuter orthostatischer Beschwerden, muss sich der Betroffene soweit wie möglich selbst in die Horizontale bringen bzw. von Helfern gebracht werden. Dies kann auch bei im Rollstuhl sitzenden Personen durchgeführt werden, ohne dass diese den Stuhl verlassen muss, eine Aktivität, die für den Körper zusätzlichen Stress bedeuten würde. Dabei muss bei angezogener Rollstuhlbremse der Rollstuhl nach hinten gekippt und auf die Arme einer hinter dem Rollstuhl knienden Person gestützt werden. Dann wird der Kopf des Patienten auf die Schultern der Hilfsperson gelegt und falls möglich die Beine von einer zweiten Hilfsperson hochgehoben bis die Symptome abklingen.

Was tun bei…

… Hitzschlag?

Menschen mit Querschnittlähmung haben bei hohen Außentemperaturen und/oder starker Sonneneinstrahlung ein höheres Risiko für Überhitzungen, da der Körper unterhalb der Lähmungshöhe nicht in der Lage ist zu schwitzen. Dies kann zu der sog. Hitze-Erschöpfung aber auch zu einem Hitzschlag führen. Es ist wichtig, den Unterschied zwischen beiden zu kennen, denn während eine Hitze-Erschöpfung noch gut mit Hausmitteln in den Griff zu bekommen ist, muss im Fall eines Hitzeschlages ein Arzt alarmiert werden.

Wenn ein Hitzeschlag festgestellt wird, muss sofort der Notarzt alarmiert werden. Bis dieser eintrifft sollte der Betroffene aktiv gekühlt werden. Kühlende Elemente, z. B. Kühlpacks, sollten aber nie direkt auf der Haut aufliegen, da sonst Erfrierungen drohen. Wasser zum Trinken sollte bei einem Hitzeschlag nur dann gereicht werden, wenn keine starke Übelkeit und/oder Erbrechen gegeben sind, da sonst die Gefahr einer Aspiration besteht. Falls eine Ohnmacht eintritt, muss der Betroffene in die stabile Seitenlage gebracht werden; falls ein Herzstillstand eintritt, müssen sofort Wiederbelebungsmaßnahmen vorgenommen werden (netdoktor.de, 2020).

Was tun bei…

…Verbrennungen und Verbrühungen?

Dass bei Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko besteht, sich thermische Verletzungen zuzuziehen, liegt zum einen am teilweisen oder vollständigen Verlust der Oberflächensensibilität (siehe: Die Haut bei Querschnittlähmung). Die Gefahrensignale Hitze und Schmerz können vom Körper nicht registriert werden, was die Haut und das darunterliegende Gewebe stark gefährden, wenn Verbrennungen vorkommen, der Betroffene sie aber nicht bemerkt. Die Gefahren und Risiken werden im Beitrag Mit Verbrennungen richtig umgehen beschrieben.

Wenn eine Verbrennung oder Verbrühung festgestellt wird, sollte man schnellstmöglich die Hitzequelle entfernen bzw. löschen. Bei Verbrühungen sollte die in Mitleidenschaft gezogene Kleidung entfernt werden, bei Brandwunden wird empfohlen sie am Körper zu belassen, damit beim Ausziehen keine zusätzlichen Verletzungen verursacht werden. Dann behandelt man die betroffene Stelle wenige Minuten mit Wasser, das eine Temperatur von ca. 20 Grad Celsius (nicht kälter) haben sollte, um zu vermeiden, dass sich die Hitzeschäden weiter ins umliegende Gewebe ausbreiten. Feuchte, locker aufgelegte Kompressen (im Idealfall mit physiologischer Kochsalzlösung auflegen) schützen die Wunde.

Auch ist bei der Erstversorgung, falls möglich, auf eine angepasste Umgebungstemperatur zu achten. Als Faustregel gilt: Wenn es für den Helfer angenehm ist, ist es für den Betroffenen meist zu kalt. Grund hierfür ist, dass (großflächige) Verbrennungen und Verbrühungen den Organismus in einen Schockzustand (hypovolämischen Schock) versetzen, der durch eine niedrige Umgebungstemperatur verschlimmert werden kann.

Bei thermischen Wunden, die handtellergroß oder größer sind, muss ein Arzt konsultiert werden.

Bei großflächigen Verbrennungen/Verbrühungen muss der Notarzt alarmiert werden. Dies gilt auch wenn sehr starke Schmerzen und/oder Schocksymptome (Zittern, Schüttelfrost) auftreten. Zudem ist zu beachten, dass eine thermische Wunde unterhalb der Lähmungshöhe im Fall einer Lähmungshöhe von Th 6 oder darüber eine Autonome Dysreflexie auslösen könnte (s.o.).

Da unterhalb der Lähmungshöhe die Wundheilung deutlich schlechter funktioniert, kann eine Verbrennung/Verbrühung bei Querschnittlähmung einen Krankenhausaufenthalt nötig machen.

Was tun bei…

… Notfällen nicht querschnittspezifischer Art?

Bei jedem medizinischen Notfall sollten Betroffene und Notfallkontakte nicht zögern den Notarzt zu alarmieren. Zur bestmöglichen Versorgung tragen alle Informationen bei, die den allgemeinen und querschnittspezifischen Gesundheitszustand des Betroffenen beschreiben. Diese alle Diagnosen und verwendete Medikamente, sollten wie oben erläutert an einem zentralen, dem Notfallkontakt bekannten Ort aufbewahrt werden und immer auf dem neusten Stand sein.

Häufig haben Patienten mit Querschnittlähmung den Wunsch in einer Klinik behandelt zu werden, in der man sich mit der besonderen Situation von Menschen mit Rückenmarksverletzungen auskennt. Auf eine Überweisung in ein Querschnittzentrum (siehe: Kliniken zur Behandlung von Querschnittlähmungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz) hat man als Patient grundsätzlich das Recht. Im Vorfeld sollte allerdings geklärt werden, ob und unter welchen Umständen das Querschnittzentrum der Wahl kurzfristig Patient mit nicht querschnittspezifischer Symptomatik aufnimmt.

Notfallkoffer

Da es möglich ist, dass nach der Behandlung des Notfalls ein anschließender Aufenthalt im Krankenhaus notwendig sein, ist das Packen eines Notfallkoffers ebenfalls sinnvoll. Der Aufbewahrungsort dieses Notfallkoffers, sollte dem Notfallkontakt und/oder anderen Vertrauenspersonen bekannt sein, sodass sie ihn nur abzuholen brauchen, sobald der Betroffene dies wünscht.

Niemand als der Betroffene selbst weiß besser, was er für die ersten paar Tage auf Normalstation braucht. Inspirationen für alles, was in den Koffer gehört, finden sich im Beitrag Kofferpacken für die Reha.

Falls sich Betroffene für das Bereitstellen eines Notfallkoffers entscheiden, kann dieser auch ein guter Platz für die wichtigen Dokumente sein.

*Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Hinweise zu weiteren Optionen nimmt die Redaktion gerne entgegen.


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch Fachspezialisten wie z. B. Ärzte oder Apotheker.