Bei Querschnittlähmung: Diese sechs Punkte helfen, die Schultern zu entlasten

Die Schulter ist – Achtung: Kalauer! – die Achillesferse des Querschnittgelähmten. Durch stete Be- und Überlastung von Sehnen, Muskeln und Gelenken kann es zu chronischen Schmerzen und einer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit kommen. Es macht also insbesondere für die Nutzer eines manuellen Rollstuhls Sinn, diese Körperpartie zu pflegen und zu stärken. Die Punkteliste nennt dafür einige Möglichkeiten.

In den Oberarmen von Rollstuhlfahrern steckt häufig sehr viel Kraft, müssen sie doch den Rollstuhl antreiben, den Körper bei Transfers von A nach B bewegen oder anheben, um zur Dekubitusprophylaxe die Position zu ändern. Sie müssen etwas hochheben, etwas runterheben und beim Sport das übernehmen, was beim Fußgänger die Beine machen. Dreh- und Angelpunkt dieser Bewegungen ist die Schulter mit ihrer Muskulatur und ihren Sehnen. Paraplegiker und Tetraplegiker mit Funktionalität in den oberen Extremitäten sollten daher diese Körperpartie trainieren, schonen – und dafür sorgen, dass sie die bestmöglichen Bedingungen für hat, um ihre Aufgaben zu erledigen.

Schmerzen in der Schulter, die insbesondere nachts auftreten, sowie beim Anheben des Armes, aber auch stechende Schmerzen, die bis in den Oberarm ausstrahlen können, weisen auf eine bereits bestehende Überlastung der Schulter hin. Treten derartige Symptome auf, sollten Betroffene sich baldmöglichst von einem erfahrenen Orthopäden untersuchen lassen (siehe auch Beitrag: Schulterproblematik bei Querschnittlähmung).

Zur Prophylaxe vor Schädigungen und Überbeanspruchungen könnten sie aus diese Punkte achten:

  1. Training der Rotatorenmanschette

In den Oberarmen von Rollstuhlnutzern kann es zu einer Dysbalance der Muskelgruppen kommen. Konkret: Der Muskel, der für das Anheben und Abspreizen des Arms zuständig ist (M. deltoideus), ist sehr stark ausgebildet, die vier Muskeln, die für die Rotationsbewegungen zuständig sind (die sogenannte Rotatorenmanschette), schwächeln.

Als Folge zieht der M. deltoideus, der ungefähr da sitzt, wo sich bei Damenblusen die Puffärmel aufbauschen, den Oberarmkopf zu stark nach oben, es wird eng für die Muskelgruppe der Rotatorenmanschette. „Es kann zu einem schmerzhaften Einklemmen der Weichteile kommen“, bis hin zu Rissen oder dem Abreißen der Sehnen, so Guido A. Zäch. Dieses neuromuskuläre Spätfolge einer Querschnittlähmung ist als Impingementsyndrom oder Engpasssyndrom bekannt.

Durch gezieltes Muskeltraining können Rollstuhlfahrer einiges tun, um zu verhindern, dass sie dieses schmerzhafte Syndrom entwickeln:  Schulterprobleme können „am ehesten vermieden werden, wenn man die Schultermuskulatur systematisch trainiert, mit Schwergewicht auf der Muskulatur der Rotatorenmanschette (Innen- und Aussenrotation)“, so Zäch. „Dies kann unter Anleitung in einer Physiotherapie, später auch selbstständig im Kraftraum oder auch mit einfachen Mitteln zu Hause durchgeführt werden.“  Auch der Deutsche Rollstuhl-Sportverband bietet ein Online-Trainingsprogramm für den Oberkörper an, das sich für Paraplegiker und moderat ausgeführt auch für den Tetraplegiker eignet. Mit dabei: Gezielte Übungen für die Außenrotatoren (siehe Beitrag: Rückentraining für Rollstuhlfahrer).

2. Sport: Ja, nein, vielleicht, auf jeden Fall

Oben genannter Tipp gilt übrigens und ganz besonders auch für querschnittgelähmte Menschen, die gerne und regelmäßig Sport treiben. Zum einen übernehmen im manuellen Rollstuhl die Arme den Job, den bei Fußgängern die Beine haben: Die Schulter hat keine Atempause. Hinzukommt oft ein relativ großer Kraftaufwand, der ausgeübt werden muss – zum Beispiel beim Handbiken. Und immer wieder Über-Kopf-Bewegungen, wie zum Beispiel beim Rollstuhl-Basketball.

Eine Studie aus Heidelberg attestiert sportlich aktiven Rollstuhlnutzern zwar, dass sie insgesamt fitter sind als Nicht-Sportler, jedoch ein hohes Risiko haben, sich einen Sehnenriss in der Schulter zuzuziehen. In Zahlen: Ohne regelmäßigen Sport traten bei 36 % der Untersuchten Sehnenrisse auf, in der Sport-Gruppe bei 76 %. „Daraus ergibt sich ein Dilemma: Wer als Rollstuhlfahrer Sport treibt, hat ein doppelt so hohes Risiko, sich einen Sehnenriss in der Schulter zuzuziehen. Auf der anderen Seite – auch das hat die Studie gezeigt – sind die sportlich aktiven Patienten insgesamt gesünder und fitter“, so Studienleiter Michael Akbar. Der Privatdozent leitet das Wirbelsäulenzentrums an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg. Seine Schlussfolgerung: „Es ist daher nicht sinnvoll, Querschnittgelähmten von Sport abzuraten. Vielmehr sind auch in diesem Bereich spezielle Trainingsprogramme, die Sehnenschäden vorbeugen, dringend notwendig.“ (Siehe auch Beitrag: Rollstuhlfahrer haben drastisch erhöhtes Risiko für Schulterverletzungen.)

3. Alltagsaktivitäten schulterfreundlich gestalten

Mit dem erhöhten Risiko von Verletzungen oder Verschleißerscheinungen in der Schulter müssen Rollstuhlfahrer wohl leben. Doch sie können auch im Alltag einiges zur Prophylaxe tun. Zum Beispiel ihre Alltagsaktivitäten auf ihre Schulterfreundlichkeit hin überprüfen. Zu diesen ADL (Activities of Daily Living/Aktivitäten des täglichen Lebens) zählen das Drehen aus Rückenlage in die Bauchlage und zurück, das Aufsitzen, der Transfer vom Rollstuhl ins Bett, ins Auto, auf die Behandlungsbank … im Laufe der Jahre können sich hier Bewegungsabläufe einschleichen,  die der Schulter nicht gut tun.

Querschnittgelähmte Menschen sollten, so der Tipp von Schulter-Expertin Karin Brüggemann (siehe Beitrag: Schulterproblematik bei Querschnittlähmung), bei allen ADL-Aktivitäten möglichst darauf achten, dass sie immer über die Arme stützen und sich niemals ziehen. Das heißt: Niemals einen Galgen benutzen oder sich am Autodach hochziehen. Denn dabei würde während des Transfers, so Brüggemann, mindestens das halbe Körpergewicht an nur 15 Schultermuskeln hängen. Sie rät dazu, wo möglich adäquate Hilfsmittel wie eine Rollstuhlverladehilfe im Auto oder einen Badewannenlift einzusetzen, um die Schulterbelastungen zu reduzieren. (Infos über verschiedene Systeme in den Beiträgen Transferhilfen für Rollstuhlfahrer, Rutschbretter für den Transfer im Sitzen sowie Badewannenlifte und Co.) Brüggemann selbst gibt regelmäßig – sofern die aktuellen Corona-Bestimmung dies Erlauben – Schulterkurse für querschnittgelähmte Menschen. Mehr dazu im Kursprogramm der Manfred-Sauer-Stiftung, das hier zum Download bereitsteht.

4. Rollstuhlanpassung überprüfen

Ein möglichst perfekt angepasster manueller Rollstuhl beugt Haltungsschäden vor, verringert die Dekubitusgefahr und sorgt dafür, dass Hals, Schulter-, Hand-, Ellbogengelenken nicht überlastet werden. Informationen, worauf bei der Anpassung geachtet werden sollte, im Beitrag Aspekte der Rollstuhlanpassung. Bei der Gelegenheit könnte es auch nichts schaden, den Rollstuhl einer Inspektion und Wartung zu unterziehen, um dafür zu sorgen, dass er mit möglichst wenig Kraftaufwand angetrieben werden kann, denn schlechte Rolleigenschaften und eine geringe Wendigkeit des Rollstuhls können die Mobilität deutlich einschränken (siehe auch: Energielabel für Rollstühle). Worauf beim Rollstuhl-Check zu achten ist, zeigt – saisonübergreifend – der Beitrag Rollstuhl-Frühjahrs-Check.

5. Fahrtechnik optimieren

Ein optimal angepasster und leichtgängiger Rollstuhl macht dem Motor der Bewegung – bei manuellen Modellen also den Armen und Schultern – das Leben leichter. Aber nicht nur die Hardware sollte stimmen, sondern auch die Fahrtechnik. In Mobilitätskursen wird die Beherrschung des Rollstuhls trainiert, einer wichtiger Punkt ist dabei meist auch eine energiesparende und schulterschonende Fahrtechnik. Wer Schulterprobleme befürchtet, kann sich die in einem Kurs gelernten Fähigkeiten in Erinnerung rufen – oder zur Auffrischung oder erstmals einen entsprechenden Kurs belegen. Diese werden – sofern die jeweils geltenden Corona-Bestimmungen dies zulassen – von verschiedenen Organisationen angeboten. U. a. von der Manfred-Sauer-Stiftung (siehe: Kursprogramm) und dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband (siehe externer Link Mobilitätskurse und anderes) – weitere Anbieter nennt zum Beispiel das Informationssystem Rehadat (siehe externer Link: Barrierefreies Leben/Weitere Angebote). Über das  theoretische Wissen und die Techniken, die bei derartigen Kursen vermittelt werden, informiert der Beitrag Rollstuhlhandhabung: Mobil im Rollstuhl. Dort können Interessierte sich auch einige Videos zu ausgewählten Inhalten der Kurse ansehen.6.

6. Gewichtsreduktion

Zugegeben: Trotz gründlicher Recherche konnte kein Beleg für einen Zusammenhang zwischen der Schulterproblematik eines Rollstuhlfahrers und seinem (Über-)Gewicht gefunden werden. Angesichts oben genannter Punkte, bei denen es immer wieder auch um die Körpermasse geht, die eine Schulter hochhieven, rüberziehen oder bewegen muss, wagen wir jedoch einfach die Behauptung: Ein paar Kilos weniger können nicht schaden. Entsprechende Tipps zur Ernährungsumstellung gibt es u. a. in den Beiträgen Was tun bei Übergewicht? Abnehmen bei Querschnittlähmung sowie 14 Regeln zur Ernährung bei Querschnittlähmung.


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch Fachspezialisten wie z. B. Ärzte oder Apotheker.