Game-Controller und Spiele für Zocker mit Tetraplegie

Game-Controller für Tetraplegiker und Spiele, die von vorneherein so angelegt sind, dass auch Menschen mit eingeschränkter Finger-, Hand- oder Armfunktion sie nutzen können, gibt es nur wenige. Aber es gibt sie. Was der Markt in diesem Segment hergibt und wo noch Luft nach oben ist, darüber hat Der-Querschnitt.de mit Dennis Winkens gesprochen. Der 32-Jährige mit hoher Tetraplegie ist leidenschaftlicher Gamer, Technik-Freak und Aktivist in Sachen Barrierefreiheit von PC- und Onlinespielen.

Winkens ist einer der Botschafter von „Gaming ohne Grenzen“. Das Projekt der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW will herausfinden, „welche digitalen Spiele mit verschiedenen Einschränkungen spielbar sind, welche Hürden vermeidbar sind oder mit Hilfe von Technologien überwindbar werden“, so die Webseite des Projekts.

Dazu testen Jugendliche und junge Erwachsenen in fünf wöchentlich stattfindenden inklusiven Gruppen im Raum Köln und Umgebung Spiele und bewerten diese nach vier Kriterien: Hören, Verstehen, Sehen und Steuern. Für Menschen mit Querschnittlähmung besonders relevant dürfte die Kategorie „Steuern“ sein. Wer Finger, Hände oder Arme wegen seiner Querschnittlähmung nur eingeschränkt oder gar nicht nutzen kann, ist darauf angewiesen, dass die Spielehersteller clevere alternative Steuerungsmöglichkeiten bereitstellen und/oder dass es Controller gibt, die sich auch mit anderen Körperteilen als den oberen Extremitäten bedienen lassen.

Der Wunsch: Mehr clevere Spiele mit einprogrammierter Unterstützung

Dafür haben einige Spielehersteller sich pfiffige Lösungen einfallen lassen: „Man wechselt zwischen Bewegungsmodus und Deckungsmodus – normalerweise hat man dafür zwei Joysticks zur Verfügung, eben einen für die Bewegung, einen für die Aktionen in der Deckung – ich hab das nicht. Manche Spiele erkennen die jeweilige Position bzw. Situation und wechseln automatisch den Joystick, ohne dass der Player etwas an der Steuerung ändern müsste“, sagt Winkens.

Gamer Mario kombiniert den Xbox Adaptive Controller mit der IntegraMous Plus von LIFEtool.

Für Gamer wie ihn sind solche Feature wichtig. Er ist ab C3/C4 gelähmt und kann nur eine deutlich kleinere Anzahl an Steuerungselementen verwenden, als sie Gamern mit voller Handfunktion zur Verfügung stehen. „Da sind meiner Meinung nach die Spielehersteller gefragt“, sagt Winkens. „Man kann noch so flink sein und der Controller kann noch so adaptiv sein – wenn das Spiel so gar keine Unterstützung anbietet, kommt man trotzdem nicht weit. Manchmal würden schon Kleinigkeiten genügen, und fast jeder könnte das Spiel spielen.“

Die passenden Controller

Die zweite Barriere für Gamer mit Tetraplegie: Sie müssen einen Controller finden, den sie bedienen können. Winkens selbst spielt mit einem „QuadStick“ – einem Controller, der mit Lippenbewegungen und Saugen/Pusten bedient wird. Ursprünglich war das Gerät für die Playstation gedacht, als der Entwickler die Weiterentwicklung einstellte, übernahm ein anderer Programmierer die Weiterentwicklung. Ein Crowdfunding-Projekt sorgte anschließend für mehr Aufmerksamkeit. Heute ist der QuadStick mit zahlreichen Konsolen kompatibel, immer mal wieder kommt eine neue dazu, genauso wie neue Funktionen, die kostenlos installiert werden können. Der QuadStick kostet um die 400 Euro, weitere technische Details sind auf Winkens Seite „Wheelyworld“ nachzulesen. Winkens fungiert auch als Markenreferent und Ansprechpartner DACH für Menschen, die an einem QuadStick interessiert sind – der sich übrigens nicht zur zum Zocken verwenden lässt, sondern mit dem man auch sämtliche PC- bzw. Office-Programme steuern kann.

Mit dem QuadStick kombinierbar ist u. a. der „Xbox Adaptive Controller“ (Kosten: Ca. 90  Euro ohne Buttons), an den man diverse externe Geräte wie Schalter, Tasten, Halterungen oder Mund-Joysticks wie den QuadStick anschließen kann. „Der X-Box adaptiv-Controller hat für jeden einzelnen Knopf einen Klinkenanschluss, an den man die Auslösesensoren anschließen kann: Dann kann man sich individuell was zurechtbasteln“, sagt Winkens. Wie er das genau macht, erklärt er in einem Produktvideo des Adaptive Controllers:

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Microsoft selbst widmet den vielfältigen Möglichkeiten, das Gerät an die individuellen Fähigkeiten anzupassen, einige sehr detaillierte Stories über den Adaptive Controller und Menschen mit eingeschränkter Mobilität, unter anderem (externer Link): Tipps für ein Xbox Adaptive Controller-Setup für Tetraplegiker.

Ebenfalls mit dem Xbox-Adaptive Controller kombinierbar: Die (externer Link) IntegraMouse Plus von LIFEtool, die mit dem Mund bewegt wird. Minimale Lippenbewegungen reichen laut Hersteller aus, um den Mauszeiger zu bewegen, leichtes Saugen oder Pusten setzt Links- oder Rechtsklicks. Die Mouse kann auch einen Joystick ersetzen und zum Zocken verwendet werden – und natürlich fürs Arbeiten im Büro.

Community von Gleichgesinnten

Zum Schluss noch ein paar Spieletipps für Leute, die sich mit obengenannten Hilfsmitteln langsam in die Gaming-Welt hineintasten wollen. Für sie nennt Winkens vier Spiele, die für Neulinge am Mund-Controller von Interesse sein könnten:

  • Mine Craft: Ein Klassiker. „Gut für den Start, denn da kann man sich Zeit lassen und spielt eher vor sich hin.“
  • Life is Strange: „Für Einsteiger interessant, steuerungsmäßig eher simpel, zum Trainieren, aber trotzdem sehr, sehr gutes Spiel von der Story und der Aufmachung her. Für den Einzelspieler, bietet sehr schöne Atmosphäre.“
  • Rocket-League: Eine Mischung aus Fußball, Fahrspaß und Fliegen. Seit September 2020 kostenfrei im Netz spielbar – auch gegen andere Spieler.
  • Assasin´s Creed: Ein Singleplayer-Spiel, diesmal aus dem Genre Action/Adventure.Bietet Möglichkeiten sowohl für langsame und taktische als auch schnelle und aktionsreiche Angriffe.

Gerade bei Rocket League zeigt sich, weshalb das Zocken am Computer für möglichst viele Menschen barrierefrei möglich sein sollte: In der Welt der Avatare und virtuellen Herausforderungen geht es nicht nur um Geschicklichkeit und strategisches Denken, sondern vor allem auch darum, neue Leute kennenzulernen und Mitglied einer Community von Gleichgesinnten zu sein. 


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