Leben mit Querschnittlähmung: Wie Rollstuhl-Basketball ein junges Bombenopfer wieder zum Lachen brachte

Abbas Halaweh-Albunni sitzt seit einem Bombenanschlag im Rollstuhl. Basketball ist die Leidenschaft des Schwetzingers: „Zu viel Mitleid mag ich nicht“, sagt er. Ein Beitrag von Celine Eßlinger/RNZ.

Sportliche Höchstleistungen: Die „Rolling-Chocolates“ dürfen nach der Corona-Pause wieder in die Halle. Abbas (3. v. l.) aus Syrien freut sich nach der langen Pause.

Blitzschnelle Ballwechsel, lautstarke Verständigung im Team, ein Korbleger nach dem anderen und hier und da auch mal eine forsche Traineranweisung. Im Kirchheimer Sportzentrum wird mehrmals die Woche gedribbelt, verteidigt und geworfen was das Zeug hält – zumindest unter normalen Umständen. Nach der coronabedingten Auszeit von knapp zehn Wochen sind die Hallenpforten nun zum Glück wieder für Spiel und Sport geöffnet. Wenn auch mit verstärkten Hygienevorschriften und Ghetto-Faust statt gewöhnlichem Handschlag. Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei um gewöhnliches Basketballtraining zu handeln – die gleichen Regeln gelten zumindest – aber ganz so normal geht es bei den Heidelberger Rolling Chocolates dann doch nicht zu.

Die Spieler bewegen sich nämlich alle auf Rädern fort. Genau genommen sind es vier bis sechs – je nach Rollstuhl. Sie beherrschen das Spiel im Sitzen. Beweisen Übersicht. Demonstrieren Geschicklichkeit. Zeigen sich offen für alle. „Hier sind die Nicht-Behinderten bei den Behinderten inkludiert. Das findet man nicht sehr häufig, aber genauso sollte es in unserer Gesellschaft laufen“, erklärt Trainer Markus Bucher stolz. Bei den Rolling Chocolates ist jeder willkommen, egal ob jung oder alt, egal ob mit oder ohne Behinderung. Auch viele Fußgänger, die oftmals alters- oder verletzungsbedingt eingeschränkt sind, können im Rollstuhl spielen und sich Teil der zum SG Kirchheim gehörenden Abteilung nennen.

Nach der langen Trainingspause gilt es nun, überschüssige Corona-Kilos wieder loszuwerden und verlorene Muskelkraft und Beweglichkeit aufzubauen. „Als Trainer war es für mich sehr schade zu sehen, wie hart erarbeitete Fortschritte in der Corona-Zeit zunichte gemacht wurden“, sagt Markus Bucher. Daher hat er für sein Team nun ein umso strafferes Trainingsprogramm erstellt. Und wenn die Sommerhitze oder ein zweiter Lockdown den Basketballerinnen und Basketballern keinen Strich durch die Rechnung macht, legen sich alle mit neuem Elan kräftig ins Zeug. Beim Heidelberger Rollstuhlbasketball geht es auf jeden Fall heftig zur Sache – und das schon seit 1982.

Abbas kommt mit dem Rollstuhl nicht nur in der Halle, sondern auch im Alltag gut zurecht.

So hat auch Abbas Halaweh-Albunni mit dieser Sportart eine neue Leidenschaft gefunden. „Ich bin zwar erst seit ein paar Monaten dabei, aber total begeistert vom Rollstuhlbasketball!“, berichtet er und fügt stolz hinzu, dass er bereits ein ganz ordentlicher Spieler sei. Die sportliche Aktivität habe ihm während der starken Corona-Einschränkungen sehr gefehlt, berichtet er. Der 21-jährige Syrer ist seit einem Bombenangriff in seinem Heimatland querschnittgelähmt. Das war vor fünf Jahren; mittlerweile hat er sich aber an das Leben im Rollstuhl gewöhnt. „Natürlich war es anfangs nicht einfach für mich. Ich war sehr traurig und wollte es nicht wahrhaben, dass ich nie mehr laufen kann“, erzählt er.

Aber traurig sieht Abbas eigentlich gar nicht aus – ganz im Gegenteil. „Trotzdem habe ich mich davon nicht runterziehen lassen, sondern mir gesagt, dass ich nicht aufgeben darf, denn das Leben geht weiter.“ So hat der damals Sechzehnjährige also beschlossen, dass er das Lachen trotz seines Schicksals nicht vergessen und das Leben in vollen Zügen genießen möchte. Ein Jahr später kam er dann auch schon nach Deutschland, wo er heute mit seiner ganzen Familie lebt.

Der Alltag im Rolli bereitet ihm hier keine großen Probleme mehr: „Wenn man jeden Tag den gleichen Weg nimmt, dann weiß man, wie man Schwierigkeiten vermeiden kann“, erklärt der 21-Jährige. Er ist mit öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs. Wenn es dabei Stufen zu überwinden gibt, so wendet sich Abbas einfach direkt an das Fahrpersonal. Außerdem besucht er ein kaufmännisches Berufskolleg – Aufzug inklusive. „Die meisten Mitmenschen sind sehr nett und hilfsbereit, wenn es um den Rollstuhl geht“, meint er und ist glücklich darüber, dass er mit seinen Freunden – von denen viele nicht im Rollstuhl sitzen – in der Freizeit viel unternimmt.

Auch auf seine Familie kann sich Abbas verlassen. Sie unterstützt ihn immer, wenn er Hilfe benötigt. „Meine Mutter kümmert sich sehr gut um mich. Vor allem kocht sie immer leckeres Essen“, erzählt Abbas. Was den Umgang mit seinen Mitmenschen angeht, freut sich der 21-Jährige über jede helfende Hand, am liebsten möchte er aber ganz normal behandelt werden. „Zu viel Mitleid mag ich nicht. Das ändert nämlich auch nichts daran, dass ich im Rollstuhl sitze.“

Gemeinschaftsgefühl – das gefällt Abbas beim Sport besonders gut, denn hier gibt es keine Unterschiede. „Wir haben alle nur ein Leben und das kann nur in der Gemeinschaft gelebt werden“, findet er. Außerdem erklärt Abbas, dass beim Rollstuhlbasketball nur als Team etwas erreicht werden kann. Seine zweite Familie, wie er das Team nennt, hat ihm besonders gefehlt während der langen Trainingspause. Von dem Verein hat Abbas durch Bekannte erfahren, nachdem er in seinem Wohnort Schwetzingen kein vergleichbares Angebot gefunden hat. Er stieß online auf die Rolling Chocolates und meldete sich sofort an. Seitdem ist das Training ein fester Bestandteil seines Freizeitprogramms und dadurch hat er schon viele neue Bekanntschaften gemacht. „In der Reha konnte ich bereits Rollstuhlrugby ausprobieren“, erzählt er, „Basketball gefällt mir aber besser, da es mehr Konzentration erfordert.“ Natürlich komme es auch gelegentlich zu Stürzen. Aber kein Sport sei ohne Gefahren, findet Abbas. Der spezielle Rollstuhl, den er dazu benötigt, wird vom Verein zur Verfügung gestellt und ist eine Spende der Katarina-Witt-Stiftung. Abbas ist ebenso angetan davon, dass sich auch Fußgänger für diesen Sport in den Rollstuhl setzen.

Gemeinsam wird also jeden Mittwoch bei den Rolling Chocolates um den Ball gekämpft. Es wird aber nicht nur das Spielfeld unsicher gemacht, sondern unter dem geschulten Auge von Trainer Markus Bucher an der Technik gefeilt und Spieltaktik erprobt – und dies unter Umständen auch mal ohne Ball. Etwa das Blocken sei ein essenzieller Bestandteil des Rollstuhlbasketballs und bei den Schnelligkeitsbattles nicht außer Acht zu lassen, erklärt Abbas. Für ein gelungenes Spiel steht für Abbas allerdings nicht der Sieg an erster Stelle. Es ist der Teamgeist und vor allem der Spaß. Und den haben alle nun besonders, da endlich wieder trainiert werden kann. Angesichts der aktuellen Umstände gestaltet sich die Planung der kommenden Wochen und Monate aber schwierig. Wenn alles klappt, tritt das Team bei einem Vorbereitungsturnier Anfang September an. Mit Abbas Halaweh-Albunni.


Der Text vom 01. 09. 2020 wurde unverändert und ungekürzt übernommen. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich bei der Redaktion der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ), bei der Autorin, dem Fotografen und beim Protagonisten dafür, dass sie einer Zweitveröffentlichung auf Der-Querschnitt.de zugestimmt haben.