Leben mit Querschnittlähmung: Wer tanzt, lässt sich nicht hängen

Vorsichtig formuliert sind die Cléments absolut, völlig und total tanzverrückt. Mit viel Disziplin und mindestens genauso viel Spaß haben die beiden sich als „Kombi“ – er: querschnittgelähmt, sie: Fußgängerin – an die Welt-Spitze getanzt. Warum ist der Rollstuhltanz gerade auch für Rollstuhl-Potatoes eine perfekte Sportart? Jean-Marc Clément und Andrea Naumann-Clément über die Frage, weshalb und wie Rollstuhltanz Menschen mit Querschnittlähmung so guttut.

„Es macht einen Unterschied, ob man wie ein Schluri im Rollstuhl hängt oder aufrecht sitzend, mit Spannung im Oberkörper, durch die Stadt rollt“, sagt Jean-Marc Clément. Genau genommen macht es sogar zwei Unterschiede: Zum einen spiegelt diese Körperhaltung die innere Einstellung zu sich selbst und kann so mental Kraft und Selbstbewusstsein geben. Zum anderen sorgt dieser Habitus dafür, dass die Umwelt den Menschen wahrnimmt und respektiert.

So empfindet es zumindest Jean-Marc. Der 65-Jährige ist eine Koryphäe in Sachen Körperausdruck, was weniger seinem erlernten Beruf (Bankkaufmann) geschuldet ist als seiner Passion: Clément ist einer der erfolgreichsten Rollstuhltänzer Deutschlands – so weit kommt man nur, wenn man sich körperlich nicht hängen lässt. Und irgendwann nimmt man diese Haltung dann eben fast automatisch auch im Alltag an.

Volle Präsenz: Dahinter steckt jede Menge Körperarbeit

„Bei unserem Sport ist es ganz wichtig, dass der Tänzer im Rollstuhl voll präsent ist“, sagt auch Andrea Naumann-Clément. „Tanzen hat nichts mit den Füssen zu tun, vielmehr geht es darum, den ganzen Körper zu inszenieren. Das bedeutet auch für den Rollstuhlfahrer jede Menge Arbeit. Ich ziehe ja keinen Sack Mehl über die Tanzfläche – der Partner muss die Spannung halten und immer hellwach sein.“

Und da ist er auch schon, der nächste Benefit, den die Cléments aus dem Tanzen ziehen: Das Gedächtnis wird gefordert. „Es ist nicht ganz einfach, sich all die komplizierten Abläufe und Bewegungen zu merken. Tanzen ist ein wunderbares Gedächtnistraining!“, findet Jean-Marc. Und die Konzentration schult es auch: Einmal nicht aufgepasst und die ganze Choreografie läuft aus dem Ruder. Wer nicht ständig böse Blicke von der Tanzpartnerin ernten will, muss also bei der Sache bleiben.

Gesundheitssport: Schon einmal die Woche zeigt Effekte

Für Andrea ist Rollstuhltanz vor allem eines: Ein Gesundheitssport, von dem gerade auch Menschen mit Querschnittlähmung profitieren können. Auch wenn sie keine Wettkampfambitionen haben, sondern sich einfach nur ein bisschen bei guter Musik austoben wollen: „Einmal die Woche moderates Tanztraining reicht, um seinem Körper etwas Gutes zu tun“, sagt Andrea Naumann-Clément. „Die Tänzer müssen sich ja darauf trainieren, möglichst aufrecht zu sitzen, allein das stärkt die Rumpfmuskulatur und die Beweglichkeit.“ Und indirekt – siehe oben – auch das Selbstbewusstsein.

Schon häufiger hat sie beobachtet, dass Menschen nach einer gewissen Trainingszeit plötzlich wieder in der Lage waren, etwas allein vom Boden aufzuheben. „Wie bei jedem anderen Sport kommen viele weitere positive Aspekte dazu“, sagt die 58-Jährige. „Der Kreislauf kommt in Schwung, die Kondition wächst, manchmal wird auch tüchtig Adrenalin ausgeschüttet.“ Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Wer ein paar leidenschaftliche Runden auf dem Parkett drehen und dann mit dem Rolli im Takt wippen will, lernt nebenbei einiges zum Thema Rollstuhlbeherrschung.

Tanz-Community: Das Wir-Gefühl zählt

Den Cléments ist noch ein weiterer Aspekt wichtig: Das Wir-Gefühl. „Wenn alles klappt, schweben wir zusammen übers Parkett“, schwärmt Jean-Marc. „Das ist das Schöne am Rollstuhl-Tanz, dass ich diesen Sport nicht alleine vor mich hintreibe, sondern zusammen mit meiner Frau. Manchmal wiederholen wir im Training eine winzige Bewegung 30, 40, vielleicht sogar 50Mal“, sagt er. Irgendwann während dieser Wiederholungen entfaltet sich dann der Zauber des Lernens: Plötzlich funktioniert die eine Figur, die noch vor zehn Durchgängen so holperig war, „und dann haben wir gemeinsam unser Ziel erreicht, für uns und für die, die uns zuschauen.“

Gemeinschaft erleben die beiden aber auch in der großen, weltumspannenden Tanz-Community: Dort sind die Menschen zwar auf der Tanzfläche Konkurrenten, davor und danach aber wie eine Familie: „Wir freuen uns, wenn im nächsten Jahr wieder Turniere stattfinden! Dann sehen wir unsere Freunde, die ja aus ganz unterschiedlichen Ländern stammen, endlich wieder live und nicht nur auf Skype!“

Zumindest in Nicht-Corona-Zeiten nehmen die beiden an zahlreichen nationalen und internationalen Wettbewerben teil, meist in der Kategorie „Standard“. Die beiden tanzen als „Kombi“ – ein Rollstuhlnutzer, ein Fußgänger – in der Leistungsklasse Level Wheelchair Dancing 2, was eine deutliche Mobilität des Oberkörpers voraussetzt. Bis heute hat sich das Duo im Laufe der Jahre 13 Deutsche Meistertitel geholt und noch unzählige andere Turniere dominiert.

Kraftquelle: Tanzen als Energiebooster

Dahinter steckt jede Menge Einsatz: Als Leistungssportler tanzen sie mehrmals die Woche plus Konditionstraining. Am Sonntag klingelt der Wecker um halb sieben, damit sie in der leeren Halle üben können, bevor die anderen Tanzpaare eintreffen.

Das Paar engagiert sich außerdem auch außerhalb der Tanzfläche: Jean-Marc ist stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Rollstuhl-Sportverbands, Andrea unter anderem Fachbereichsvorsitzende der DRS-Abteilung Tanzen. Zudem betreut sie als lizensierte Tanztrainerin einige eigene Formationen.

Wo nehmen die beiden nur all ihre Energie her? Die Antwort ist ganz einfach: Aus dem Tanzen.

Sie schöpfen unendlich viel Energie aus ihrem Sport – viel mehr, als sie Zeit und Kraft investieren: „Wenn die Musik angeht, fühle ich mich wohl, egal, wie müde ich noch vor zwei Sekunden war“, erzählt Jean-Marc Clément, der seit 1987 querschnittgelähmt ist. „Ich bin Dialyse-Patient, und selbst nach diesen anstrengenden Stunden im Krankenhaus fahre ich noch zum Training. Danach fühle ich mich frisch und fit.“ Und seine Frau ergänzt: „Für uns, die wir schon so viele schwere Zeiten hinter uns haben, war das Tanzen immer das Licht am Ende des Tunnels. Als Jean-Marc wegen einer schweren Erkrankung in die Klinik musste, haben wir eben auf dem Gang getanzt.“

Zur Person:

Jean-Marc Clément und Andrea Naumann-Clément engagieren sich im Deutschen Rollstuhl-Sportverband e. V. Auf den Seiten des Verbandes finden sich ausführliche Informationen zum Thema Rollstuhltanz, sowie weiterführende Links und Ansprechpartner – unter anderem Andrea Naumann-Clément. Siehe auch die Beiträge Rollstuhltanzen mit Eleganz, Rhythmus, Leidenschaft sowie So geht Rollstuhltanz – Mit Leidenschaft auf der Tanzfläche. Das Paar selbst tanzt beim Rollstuhlsportclub Frankfurt e.V. (RSC Frankfurt), Naumann-Clément trainiert selbst einige Gruppen (RSC Frankfurt, Blau Orange Wiesbaden, TSC Astoria Karlsruhe).

Ausbildung zum Trainer

Wer leidenschaftlich tanzt und sein Wissen weitergeben will: Im November startet der Deutsche Rollstuhl-Sportverband neue Kurse, in denen man sich zum Trainer ausbilden lassen kann.


Der Text wurde in Ausgabe 4/2020 der Zeitschrift  PARAplegiker (Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e. V.) erstveröffentlicht.

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