Leben mit Querschnittlähmung: Mit Tetraplegie zurück ans DJ-Pult

Einer der ersten Gedanken, als er auf der Intensivstation aufwacht: „Sch…, Freitag ist´s. Jetzt müsste ich eigentlich im Club auflegen“, so wie an unzähligen Wochenenden vor diesem Freitag. Am DJ-Pult stehen, die Leute mit seiner Musik in Bewegung bringen, das war sein Leben. Nun liegt Mario bewegungsunfähig im Intensivbett. Badeunfall. Tetraplegie. Sein Leben wurde „komplett umgekrempelt“ – aber DJ ist er geblieben. Auch, weil er von Anfang an die Möglichkeiten der digitalen Welt genutzt hat.

Mit einer Mund-Computermaus kann Mario aka DJ Ridinaro seine Tracks steuern.

Bereits in der Reha fängt der damals 19-Jährige wieder an, an Samples und Mixes zu basteln: „Die Musik hat mir Kraft gegeben. Ich war zehn Monate im Weißen Hof in Klosterneuburg, da hatte ich Zeit, vieles auszuprobieren.“ 

Im Mittelpunkt der Reha steht natürlich das Ringen um jede körperliche Funktion, die vielleicht doch zurückkommen könnte. Der junge Österreicher lernt, wieder selbstständig ohne Geräte zu atmen. In Schultern und Arme kehrt eine, wenn auch eingeschränkte, Beweglichkeit zurück. Doch die Finger bleiben ohne Gefühl. Daran, wieder mit den Händen Vinyl-Scheiben auf Plattenspieler zu legen, ist nicht mehr zu denken. „Ich habe viel herumexperimentiert mit Touch-Steuerungen und allen möglichen anderen Methoden, auch, um wieder meine Musik machen zu können. In der Ergo habe ich dann den Umgang mit einer Maus kennengelernt, mit der man mit Lippenbewegungen, Saugen oder Pusten einen Computer steuern kann. Das war es!“

Als DJ Ridinaro bringt der junge Tetraplegiker die Leute zum Tanzen.

Mit der Mundsteuerung kann er so präzise am Computer arbeiten, dass er Musikstücke zusammenschneiden kann. Fast jeden Tag mixt er nun Musik und zieht sich Stärke aus dem Hobby, das er als Teenager für sich entdeckt hatte. Mit 14, 15 Jahren hatte er sich mit Freunden an Hip-Hop und Rap versucht, entdeckte aber bald, dass seine eigentliche Leidenschaft das Auflegen ist. In den nächsten Jahren wurde er dank Mundpropaganda immer häufiger angefragt, „aber dann ist mir mein Unfall dazwischengekommen“, sagt der heute 30-Jährige. Der Unfall beendet seine DJ-Karriere, seine Ausbildung zum Bodenleger, viele der Träume, die man an der Schwelle zum Erwachsensein hat.

Alte Träume neu aufgelegt

Ein Zufall hilft ihm, dem alten Feeling wieder näherzukommen: Eine Lokalzeitung fragt in der Reha-Klinik an und bittet um Kontakt zu einem jungen Patienten, um über ihn ein Portrait zu schreiben. Mario sagt zu. Einzige Bedingung: „Ich wollte Superfotos von mir, die mich als DJ zeigen.“ Also erscheint der Artikel mit einem Foto von ihm, mit Kopfhörer, Mundsteuerung und Musikprogramm auf dem PC. Der (externer Link) Hersteller der Mundsteuerung wird auf ihn aufmerksam und hilft dem jungen Tetraplegiker, seinen Traum vom DJ-Dasein ab und an in der Realität leben zu können.

Mario legt sich einen Künstlernamen zu: DJ Ridinaro und macht u. a. auf (externer Link) Facebook für sich Werbung. Er legt auf Firmenevents und Messeveranstaltungen auf, einmal sogar auf dem Donauinselfest, einer der größten Open-Air-Veranstaltungen Europas. Regelmäßig wird er für Zumba-Events gebucht. Und überfordert sich gerade in der ersten Zeit ganz gewaltig: „Anfangs wollte ich alles richtig live spielen, wie man das halt macht: Einen Track starten, den nächsten einmischen, weiter zum nächsten Musikstück. Ich hatte die ganze Zeit die Maus im Mund und konnte überhaupt nicht mehr durchschnaufen. Jetzt bereite ich die Musik in Blöcken vor, damit ich Pausen habe. Aber wenn jemand mit einem Musikwunsch kommt, kann ich den natürlich sofort erfüllen“.

Mit entsprechender Hardware sind auch Games kein Problem.

Corona hat Mario in die Warteposition versetzt. Veranstaltungen, auf denen er die Menschen zum Tanzen bringen könnte, gibt es momentan nicht. Einen Halbtagsjob, den er eigentlich in Aussicht hat, kann er wegen der Pandemie nicht antreten, er selbst spricht von „einem langen Corona-Urlaub“.

Was ihm Kraft gibt neben der Musik ist seine Familie, seine Freunde – und die Begeisterung für Fußball, die er als Beobachter (Linzer ASK! Borussia Dortmund!) auslebt und als aktiver Spieler bei Fifa 2020. „Solche Spiele sind toll. Man muss viel überlegen, taktisch sein, selbst ins Spielgeschehen eingreifen.“ (Mehr Informationen zum Thema Spiele auch im Beitrag Game-Controller und Spiele für Zocker mit Tetraplegie).

Die digitale Welt und ihre Hardware ist ein großer Teil seines Lebens. Sie wird es ihm möglich machen, zu arbeiten. Und sie macht es ihm möglich, seine Freizeit so zu gestalten, wie er es will: Mit Musik, Games und Lesen zum Beispiel – auch seine Bücher lädt er sich auf als E-Books herunter. Viele der Geräte zuhause hat er mit einer Sprachsteuerung im Griff, anderes mit WLAN-Fernbedienungen und „ansonsten nutze ich alles, was auf Touch anspricht, jeden Tag.“ (Mehr Informationen z. B. zum Thema Sprachsteuerungen im Beitrag Was können smarte Sprachassistenten leisten?)

Ganz besonders jedoch genießt der 30-Jährige auch einen ganz analogen Teil seines Lebens: Draußen unterwegs sein. Am liebsten, wenn das Wetter es zulässt, jeden Tag.


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