Meine Querschnittlähmung und ich: Zu schön für diese Welt. Oder zumindest für den Rollstuhl

„Die ist so schön, die kann gar nicht querschnittgelähmt sein. Da haben die bestimmt ein Model in den Rollstuhl gesetzt.“ Was habe ich mich geärgert, als ich ganz weit unten in den Kommentaren zu einem Rollstuhl-Video diese Bemerkung las! Gut, über mich würde vermutlich niemand etwas Derartiges sagen, trotzdem habe ich den Spruch irgendwie persönlich genommen.

Gibt es wirklich Menschen, die glauben, dass andere Menschen jegliche Attraktivität verloren haben, weil ihr Rückenmark beispielsweise auf Höhe von T1/T2 verletzt ist? Pfffh! Nicht wahr, oder? Zur Sicherheit habe ich einen Bekannten nach seinen Erfahrungen befragt. K. ist genauso querschnittgelähmt wie ich, aber im Gegensatz zu mir durchaus der Kategorie „attraktiv“ zuzuordnen.

Und – eigentlich hätte ich es ahnen können: K. kennt diese Denke von wegen „behindert = nicht schön“ und hat sie schon am eigenen Leibe zu spüren bekommen: „Man passt nicht in das Bild, das andere Menschen von Behinderten haben. Mir ist es schon ein paar Mal passiert, dass ich auf den Behindertenparkplatz gefahren bin und dann Leute auf mich zugekommen sind und mich darauf hingewiesen haben, dass ich da nicht hingehöre.“

Eine Erfahrung, mit der K. nicht allein ist. Auch Comedian Tan Caglar erzählt in seiner Biographie „Rollt bei mir“, wie schwer es ist, als Mann, der nun mal nicht nur im Rollstuhl, sondern auch als Model und Soapdarsteller unterwegs ist, als Schwerbehinderter ernst genommen zu werden. Wer aussieht wie er und dann auch noch einen BMW fährt, hat eben einiges zum Thema „Sie dürfen auf diesem Parkplatz aber nicht parken, der ist für Behinderte“ zu erzählen.

Es fällt schwer, derartige Bemerkungen in etwas Positives umzumünzen. Klar. Oberflächlich betrachtet könnte man es als Kompliment nehmen: Junge (oder Mädchen), Du siehst toll aus! Aber sobald man anfängt, an der Oberfläche zu kratzen, verliert die Sache schon nach ungefähr zwei Pikometern allen Glanz. Was bleibt, ist dieser Beigeschmack (oder eigentlich ja die Kernaussage): Hey, Du siehst echt gut aus, OBWOHL du behindert bist. Betonung auf obwohl.

Diese Reaktion der Anderen, da sind K. und ich uns einig, hat vermutlich viel mit dem Bild von behinderten Menschen zu tun, das die Leute mit sich herumtragen. Jemand, der behindert ist, kann unmöglich optisch eine Granate sein. Weil: Dem geht es ja schlecht. Für sich selbst sorgen kann er auch nicht. Und Spaß am Leben kann er schon gleich gar nicht haben.

Dazu kann K. eine weitere Anekdote beisteuern: Kurz nach dem Unfall war er mit seiner Mutter in seinem Heimatort unterwegs. Ein ehemaliger Nachbar ging auf die beiden zu, legte der Mutter die Hand auf die Schulter und fragte mitfühlend: „Wie geht´s denn dem armen K.?“ – Woraufhin der arme K. klar stellte: „Ich bin auf den Rücken gefallen, nicht auf den Kopf“.

Was seine Laune zwar schlagartig verbesserte, ihn aber postwendend gleich wieder äußerst suspekt machte, denn, so K.: „Viele glauben: Behindert ist behindert, und zwar so, wie wir uns das vorstellen. Wenn da ein junger Mensch mit Behinderung ankommt und am Ende auch noch lebensfroh ist – ja, dann kann mit dem doch was nicht stimmen!“ Genau! Und schön kann so einer nur sein, weil er irgendwelche inneren Werte hat. Also, meine Damen und Herren mit Handicap: Bitte nicht lachen, sonst merkt man Ihnen Ihr schweres Schicksal nicht an. Bitte keine Ausstrahlung haben – gerne dürfen Sie zu diesem Zwecke Ihr Äußeres etwas vernachlässigen. Und bitte, bitte möglichst wenig Esprit versprühen – dann klappt das schon mit der Adaption an das in manchen Kreisen offenbar immer noch vorherrschende Behinderten-Bild.

Auf das weder K. noch ich besonders viel Lust haben. Stattdessen haben wir uns in schönster Zweisamkeit darauf geeinigt, dass wir vor allem eines sind: Fröhlich, nachdenklich, erfolgreich, verletzlich, klug, naiv, faul, engagiert, ganz normal, ganz etwas Besonderes und manchmal sogar verdammt attraktiv. Hat auch meine Frau auf Nachfrage bestätigt. Und die muss es ja wissen.


Leserin Anna Maria Angeli kommentiert hierzu:

„Analog der Kolumne „zu schön für den Rollstuhl“ mache ich die Erfahrung „zu intelligent für den Rollstuhl“, da ich bereits 76J. alt- und nicht dement bin, was man mir ständig zu unterstellen versucht. Bei der Wohnungssuche erlebte ich Vermieter, die ernsthaft fragten, was ich in meinem Alter denn noch alleine in einer WG wolle; ich gehöre doch in eine Einrichtung! Der Chef eines hier bekannten Sanitätshauses antwortete auf die Frage nach einem bestellten Hilfsmittel: „Mit Ihnen rede ich gar nicht; wo ist Ihre Tochter?“ Ein anderer Vermieter meinte: Ja und dann kommen Sie, und „scharmorieren“ (verhunzen) mir die schöne WG! Wenn die Telefonpartner nach einer gewissen Zeit erfahren, wie alt ich bin, und ich den Rollstuhl „unterschlage“, bekomme ich noch Komplimente für meine Rhetorik. Auch ich antworte auf Diskriminierungs-Versuche: „ich bin an der Wirbelsäule operiert – und nicht am Kopf!“


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