Leben mit Querschnittlähmung: Auch 31 Jahre nach dem Arbeitsunfall voller Energie und Lebensfreude

Gerhard Hudecek ist seit 1989 inkomplett querschnittgelähmt. Doch er kämpfte sich zurück ins Leben: „Es ist ein Kampf, der sich jeden Tag wiederholt“, sagt der heute 83-Jährige, der jeden Tag mit einer mindestens halbstündigen Trainingsrunde auf Krücken beginnt, damit er es auch in Zukunft alleine aus dem Bett schafft. Nun wird der agile Kämpfer mit einem Preis geehrt.

Seit 60 Jahren ein Dreamteam: Der querschnittgelähmte Gerhard Hudecek und seine Ehefrau Helga.

Hudecek war als stellvertretender Geschäftsführer in einer Baufirma beschäftigt. Am 2. Februar 1989 fuhr er alleine auf eine Baustelle, die er damals geleitet hat, um schnell ein paar Maße zu nehmen. Um in den ersten Stock zu gelangen, musste er mit der Leiter hinaufsteigen. „Es ging alles sehr schnell. Beim Übergang auf das Gesims begann die Leiter seitlich wegzurutschen und ich fiel fast fünf Meter hinunter“, erzählt Hudecek. Zum Glück bekam eine Nachbarin den Unfall mit und alarmierte die Rettung. Der damals 52-Jährige wurde ins Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus eingeliefert, heute ein Standort des AUVA-Traumazentrum Wien, wo er sofort operiert wurde. Durch den Bruch von zwei Lendenwirbeln blieb eine inkomplette Querschnittlähmung als Folge des Unfalls zurück.

Die letzte Baustelle: Der barrierefreie Umbau des eigenen Hauses

Im AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof in Klosterneuburg (Niederösterreich) wurde Hudecek sechs Monate intensiv auf das Leben nach dem Arbeitsunfall vorbereitet und lernte,  trotz Behinderung selbstständig zu leben. „Die Rehabilitation am Weißen Hof hat mir nicht nur körperlich geholfen, sondern auch psychisch. Ich konnte danach besser mit meiner Situation umgehen“, sagt Hudecek. Nachdem er nach Hause entlassen wurde, nahm der ehemalige Bauleiter seine letzte Baustelle in Angriff: den barrierefreien Umbau seines Hauses. „Das war für mich ein Auftrieb und eine Beschäftigung“, erzählt er. „Und es hat mir auch nochmals einen völlig neuen Blick auf das Bauen vermittelt. Vorher habe ich, selbst als Fachmann, vieles nicht bedacht. Ich dachte: ‚Was ist schon eine Stufe?‘“ Mit einem Lift, der fünf Ausstiege hat, kann sich Gerhard Hudecek heute gut durch das Haus bewegen.

Das Leben genießen mit dem Rückhalt der Familie

Seit 31 Jahren ist Hudecek nun querschnittgelähm: „Es ist ein Kampf, der sich jeden Tag wiederholt“. Ein Kampf jedoch, den er immer wieder aufs Neue aufnimmt. Im Garten vor dem Haus geht er jeden Morgen eine halbe bis dreiviertel Stunden auf Krücken. Ein anstrengendes Training, da er sein ganzes Gewicht auf den Händen tragen muss. Doch die Stärkung seiner Armmuskeln ist ihm wichtig, damit er sich morgens allein aus dem Bett heben kann. Den Ehrgeiz und den Willen, es aus eigener Kraft zu schaffen, hatte Hudecek schon immer. Vom Maurer arbeitete sich der Familienvater zum Bauleiter hoch.

Immer an seiner Seite: Ehefrau Helga, mit der Hudecek 2020 den 60. Hochzeitstag feierte. Die beiden haben drei Kinder. Am österreichischen Nationalfeiertag erblickte Urenkel Emil das Licht der Welt. „Ohne meine Frau Helga hätte ich das alles nicht durchgehalten. Dank ihr und unserer Kinder sitze ich heute noch so da, wie Sie mich erleben“, sagt „Hudi“, wie ihn Helga liebevoll nennt, beim Interviewtermin.

„Leben mit Freude und Energie in die Hand genommen“

Der Kampfgeist und das Durchhaltevermögen des Österreichers werden nun belohnt: Hudecek wird mit dem „Back to Life“-Award der AUVA-Landesstelle Wien ausgezeichnet – er ist der älteste Preisträger, der den Award jemals erhielt. Mit dem Award werden Menschen geehrt, die sich nach schweren Arbeitsunfällen mit einer beispielhaften sozialen und beruflichen Rehabilitation ins Leben zurückgearbeitet haben und damit vielen Menschen Mut machen. „Gerhard Hudecek ist ein Beispiel dafür, dass man auch nach einem schweren Schicksalsschlag sein Leben wieder mit Freude und Energie in die Hand nehmen kann. Seine letzte Baustelle als Bauleiter war der barrierefreie Umbau seines eigenen Hauses. Mit dem Rückhalt der Familie zeigt Herr Hudecek, dass es auch nach schweren Unfällen ein schönes und lebenswertes Leben gibt. Er strahlt so viel positive Energie aus, dass wir ihn heuer als Preisträger ausgewählt haben“, erklärt dazu Peter Engelbrechtsmüller, Vorsitzender der AUVA-Landesstelle für Wien, Niederösterreich und Burgenland, in einer persönlichen Grußbotschaft. Hudecek selbst formuliert es etwas bescheidener: „Ich freue mich und bin auch ein bisschen stolz, dass man einen, der nicht mehr kann, trotzdem noch auszeichnet“.


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