Smartphone Apps für Menschen mit Querschnittlähmung

2021 scheint es kaum eine Tasche zu geben, in der sich kein Smartphone befindet, und es scheint kaum ein Thema zu geben, für das keine Smartphone-App entwickelt wurde. Auch für Menschen mit Querschnittlähmung gibt es verschiedene hilfreiche Applikationen*, die den Alltag erleichtern, zum Erhalt der Gesundheit beitragen und auf andere Weise nützlich sein können.

Apps für die Blase

Einer der wichtigsten Aspekte im Leben von Menschen mit Querschnittlähmung und neurogener Blasenfunktionsstörung, das Blasenmanagement, kann mit verschiedenen Apps unterstützt und protokolliert werden:

Ein Medizinproduktehersteller hat ein Formular zur Dokumentation von Trinkmengen und ausgeschiedenem Urin als App entwickelt. Eingetragen werden Uhrzeit, Trinkmenge, Menge des ausgeschiedenen Urins, Art des Harndrangs und Anmerkungen. Das Miktionsprotokoll kann für zwei oder drei Tage geführt und dem Arzt vorgelegt werden. Die Analyse des Blasenentleerungsrhythmus soll die Diagnose der Blasenstörung erleichtern.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

Die Erinnerungsapp Cath now kann helfen einen regelmäßigen Katheter-Rhythmus einzuhalten und so Infektionen vorzubeugen, indem sie bis zu zehn Mal am Tag an zuvor eingegebene Zeiten daran erinnert die Blase zu entleeren.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

Die SeniControl App ermöglicht es dem Nutzer ein Miktionsprotokoll auf einem mobilen Endgerät zu nutzen. Die exakte Dokumentation verschafft Klarheit über das Trink- und Miktionsverhalten. Da die App von einem Hersteller für Aufsaugende Inkontinenzmaterialien zur Verfügung gestellt wird, muss der Nutzer mit entsprechender Werbung rechnen.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

Auch UroApp soll Nutzer des intermittierenden Katheterismus daran erinnern, wann es Zeit für das Entleeren der Blase und/oder das Einnehmen von Medikamenten ist.

 Zudem soll mit einer Auswertungsfunktion einen Überblick darüber verschaffen, wie konsequent d. h. in welchen Abständen katheterisiert wurde und welche Mengen ausgeschieden wurden.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

Noch ist es Zukunftsmusik, doch ein System, das gerade in den USA getestet wird, könnte das Blasenmanagement revolutionieren: Das Connected Catheter System ist eine Art Smart-Katheter. Er verbleibt 28 Tage im Körper und misst mittels eines Sensors den Blasendruck. Diese Daten werden per Radiofrequenz (RF) an ein Smartphone übermittelt. Sobald der Blasendruck einen definierten Punkt überschreitet, gibt das Smartphone ein entsprechendes Signal, so dass der Nutzer weiß: „Aha, eine SMS von der Blase. Zeit auf die Toilette zu gehen!“ Über leichten Druck von außen auf die Blase wird ein Ventil mit Rückflusssperre geöffnet und der Entleerungsvorgang ausgelöst.

Derzeit ist noch nicht klar, wann der Connected Catheter nebst App für den Endverbraucher verfügbar sein wird, doch der Zulassungsprozess läuft.

Apps für die Gesundheit

Auf seine Gesundheit sollte jeder achten. Da eine Querschnittlähmung häufig mit Komplikationen und Langzeitfolgen einhergeht, kann dies für Betroffene teilweise einen höheren Aufwand erfordern. Auch hier können Apps helfen.

Mit Antibiotika werden von Bakterien verursachte Krankheiten (Infekte) behandelt und sie gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten in Deutschland. Eingesetzt werden sie z. B., wenn z. B. eine Harnwegsinfektion vorliegt – an denen Menschen mit Querschnittlähmung tendenziell häufiger erkranken. Eine fachgerechte Einnahme ist dabei von größter Wichtigkeit ist – die App AB.Coach (AB = Antibiotika) der Kampagne „Richtig ist wichtig!“ bietet Hilfe, indem sie mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen anzeigt, an den Behandlungsrhythmus erinnert und Tipps zur Prophylaxe gibt.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

Manchmal ist es schon schwierig, vor lauter Terminen den Überblick zu behalten. Die AppzumArzt der Felix-Burda-Stiftung unterstützt dabei, indem sie die Gesundheitsvorsorge plant, und an Arzttermine sowie kostenfreie Vorsorge und Kassen-Boni erinnert. Mit den Gesundheits-Checks zu Darmkrebs, Herzinfarkt und Schlaganfall lässt sich außerdem das individuelle Risiko zu diesen Erkrankungen feststellen

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

LifeTime AppDie App LifeTime zeigt Arzt und Patienten die medizinische Historie des zu Behandelnden und ermöglicht so eine Behandlung unter Berücksichtigung aller gegebenen gesundheitlichen Einschränkungen. So funktioniert es: Die App LifeTime bietet eine digitale Datenübertragung zwischen Arzt und Patient – auch ohne Internet. Mit der LifeTime App können Patienten ihre Gesundheitsdaten, z. B. Befunde, Informationsmaterial, Röntgenbilder oder eigene Notizen, verschlüsselt auf ihrem Smartphone speichern und verwalten. Gerade bei Querschnittlähmung kann das sehr sinnvoll sein, wenn man z. B. im Urlaub den Arzt wechseln muss.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

  • Apps zur Prävention von Dekubitus

Speziell für Menschen mit Querschnittlähmung wurden Systeme zur Druckmessung im Rollstuhl entwickelt, die helfen können Druckstellen, eine der häufigsten Komplikationen bei Rückenmarksverletzungen, zu vermeiden. Eine Matte unter dem Rollstuhlkissen misst den Gewebedruck und gibt über die zum System gehörende App Alarm, wenn Schäden drohen und ein Umpositionieren notwendig ist. Auch eine Dokumentation über die Druckverhältnisse über den Tag verteilt ist möglich. Eine Auswertung kann Hinweise auf die Notwendigkeit physiotherapeutischer Interventionen geben.

Die englisch- und/oder französischsprachige App gibt es kostenfrei von z. B. den Herstellern Sensimatsystems.com oder Mistergespard.com. Das Druckmessungssystem allerdings kostet, und zwar bis zu 700 Euro ggf. zzgl. Importkosten. Übernahmefähige Hilfsmittel sind die Systeme nicht.

Wenn man auf sein Gewicht achten will, heißt es Kalorien zählen. Und zwar nicht nur die, die man über den Tag verteilt so wegfuttert, sondern auch die, die man durch körperliche Aktivität verbraucht. Für Rollstuhlfahrer zählt eine App. Die Distanz, die man im manuellen Rollstuhl zurücklegt, wird über ein ins iPhone des Nutzers integriertes GPS System gemessen; etwaiges Gefälle wird dabei berücksichtigt. Anhand des Gewichts des Nutzers errechnet die App die verbrauchten Kalorien während der Trainingseinheit.

Die App gibt es kostenfrei ausschließlich für Apple Watch.

Apps für mehr Mobilität im Rollstuhl

Wenn man im Rollstuhl unterwegs ist und die Gegend nicht kennt, stößt man hin und wieder auf umweltbedingte Hürden. Verschiedene Apps können helfen, hindernisfreier unterwegs zu sein und z. B. rollstuhlgerechte Routen und Toiletten leichter zu finden.

  • Voice Access

Mobil im Internet trotz fehlender Handfunktion? Voice Access ermöglicht es Tetraplegikern ihr Smartphone oder Tablet per Spracheingabe zu bedienen. Dabei gibt es Sprachbefehle für unterschiedliche Einsatzbereiche:

  • Grundlegende Navigation (z. B. „Zurück“, „Zur Startseite“, „Gmail öffnen“)
  • Steuerung des aktuellen Bildschirms (z. B. „Klick ‚Senden‘ an“, „Blätter runter“)
  • Textbearbeitung und Diktat (z. B. „Schreib ‚Hallo‘“, „‚Kaffee‘ durch ‚Tee‘ ersetzen“)

Die App gibt es kostenfrei für Anroid-Systeme. 

Mit dieser App findet man Tankstelle in der Nähe, kann anrufen, um zu fragen, ob das Personal Rollstuhlfahrern beim Tanken behilflich sein kann, und diesem per App Bescheid geben, wenn man angekommen ist. Anschließend kann der Kunde bewerten, ob er mit dem Service zufrieden war. Eine gute Idee. Leider machen nicht alle Tankstellen (-ketten) mit.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

  • Apps, die helfen rollstuhlgerechte Locations zu finden

Nicht alle Restaurants, Cafés, WCs, Läden, Kinos, Parkplätze oder Haltestellen sind rollstuhlgerecht. Apps können Rollstuhlfahrern helfen, geeignete Locations zu finden. Das gilt für das Nachbardorf aber auch für Orte weltweit. Und auch die Erweiterung der angezeigten Karten ist möglich, indem man selbst Locations hinzufügt und auf ihre Rollstuhlfreundlichkeit bewertet. .

Derzeit verfügbar sind z. B. die Wheelmap App der Sozialhelden, Wheelmate und die Paramap App der Schweizer Paraplegiker Stiftung.

Diese Apps gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

Für Menschen mit Querschnittlähmung können Assistenzhunde eine wertvolle Hilfe im Alltag sein. Doch wohin darf der vierbeinige Freund Herrchen oder Frauchen begleiten? Eine App gibt Antworten.

Die App gibt es kostenfrei für Apple und Android-Systeme.

Und zum Schluss noch eine App, die Spaß macht

Extreme Wheelchairing ist ein Spiel für Smartphones und Tablets, bei dem der Nutzer einen Rollstuhl schnellstmöglich durch ein Umfeld steuern muss, das nur entfernt barrierefrei ist. Spaßfaktor garantiert!

Neben einem Smartphone oder Tablet braucht man zwei funktionstüchtige Daumen, um Extreme Wheelchairing zu spielen. Den virtuellen Rollstuhl treibt man nämlich mit den Daumen über zwei Räder links und rechts am Bildschirm an. Bei eingeschränkter Handfunktion, d. h. wenn man das verwendete Gerät nicht richtig greifen kann, legt man es am besten vor sich auf den Tisch.

 Die App gibt es als kostenfreie (mit Werbeeinblendungen) oder kostenpflichtige Variante für Apple und Android-Systeme.

 *Die Liste ist beispielhaft, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellt kein Empfehlung der Autorin/der Redaktion dar.


Der Text wurde in Ausgabe 1/2021 des Paraplegiker in gekürzter Form erstveröffentlicht.