Leben mit Querschnittlähmung: Parasport-Legende Heinz Frei über die Kunst, das Bestmögliche zu erreichen

Heinz Frei ist ein Ausnahmeathlet: Drei Weltrekorde, 14 WM-Titel und über 100 Marathonsiege zieren die Vita des querschnittgelähmten Schweizers. Ein Mann, der Visionen in Erfolge umsetzen kann. Seine Strategie für ein erfülltes und erfolgreiches Leben: Vor die Vision setzt er die Eigen-Revision: „Realistisch schauen, was geht, und dann das Bestmögliche daraus machen!“

Vor der Vision steht für ihn eine gründliche Eigen-Revision: Parasport-Legende Heinz Frei.

Von seinem Unfall im Jahr 1978 spricht er als „Ur-Schock“. Sein Schicksal konnte der damals 20-Jährige „nicht von heute auf morgen“ annehmen. Da gab es viele schwierige Momente. „Ich musste realisieren, dass das rein Körperliche mich ins Bett gelegt hatte. Und mit mir im Bett lag auch meine mentale Situation flach.“ Er fühlte sich ohnmächtig und hilflos: „Zu Beginn bist du ja völlig abhängig von den Pflegepersonen und Ärzten und musst so vieles mit dir geschehen lassen. Noch nicht mal aufs Klo kannst du allein, sondern du liegst im Bett und irgendwelche Menschen helfen dir dabei.“

Kapitulation vor dem Status quo

Gegen die Hilfslosigkeit und Abhängig anzukämpfen, wäre sinnlos gewesen. Frei „kapitulierte vor dem Gegebenen“ und lernte, seine Lage zu akzeptieren: „Ich konnte nicht für immer mit meinem Körper hadern. Natürlich, die gelähmten Beine waren nur im Weg, die Muskulatur bildete sich zurück, das war nicht schön zu beobachten. Aber um eine Zukunft zu haben, müssen wir früher oder später wieder einen Zugang zum Körper finden und uns selbst klar machen, was nicht mehr geht und was noch geht oder gehen könnte und sich dementsprechend Ziele stecken.“

„Es gehört zu meinen Pflichten, für diesen Körper Sorge zu tragen.“

Das Bestmögliche daraus machen – dieser Satz fällt oft, wenn man sich mit Frei unterhält. Ein schöner Satz mit zwei wichtigen Bedeutungspolen: Zum einen bringt er den Willen zum Ausdruck, sich weiterzuentwickeln, zum anderen die Notwendigkeit, sich schonungslos über die eigenen Möglichkeiten klar zu werden.

„Mit den eigenen Möglichkeiten arrangiert“

Wer sich mit unrealistischen Zielsetzungen überfordert, programmiert das Scheitern und die Frustration quasi schon vorab in sein Leben ein: „Das Bestmögliche konnte für mich nicht lauten: Ich will wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Wenn ich mich an diesem Gedanken orientiert hätte, dann hätte ich nie wieder ein gutes Leben geführt … die Ausgangslage war ja: Du wirst nie wieder auf eigenen Beinen stehen, sondern wir werden dich auf den Rollstuhl vorbereiten“, sagt Frei. „Am Anfang war da bei mir ganz viel Selbstmitleid. Ich musste ganz viele Lebensziele einfach abhaken. Aber dann, irgendwann, konnte ich viele dieser Lebensziele doch wieder herausholen; ich musste sie eben an die neuen Ergebnisse anpassen. Ich grübele nicht, was wäre, wenn mein Körper hundertprozentig funktionieren könnte, denn das hieße, dass ich in einer irrealen Welt feststecke. Ich habe mich arrangiert mit meinen Möglichkeiten.“ 

Diese Einstellung hat ihm dabei geholfen, das Leben nach dem Unfall Stück für Stück und „mit einem smile im Gesicht“ anzunehmen: „Man kann den Schalter ja nicht umlegen und ein anderes Leben anknipsen. Ich glaube, genau darum geht es: Ich muss mich umsehen, muss feststellen, was noch geht und das dann auch nutzen und das Bestmögliche daraus machen. Dazu gehört auch, mit Eigenverantwortung und Disziplin mit meinem Körper umzugehen. Für mich heißt das zum Beispiel: Beim Sport keine Knochenbrüche riskieren, nur so habe die Chance, meine Ziele zu erreichen. Es gehört zu meinen Pflichten, für diesen Körper Sorge zu tragen.“

Sport als Türöffner zurück ins Leben

Für Frei war der Sport der Türöffner, um sich wieder ins Leben zu integrieren. Schon bald nach seinem Unfall kehrte er in seinen alten Sportverein zurück und engagierte sich dort. „Natürlich konnte ich nicht mehr als aktiver Turner oder bei den Basketball-Spielen antreten. Aber ich habe mich dann eben anderweitig nützlich gemacht, zum Beispiel als Schiedsrichter bei Turnieren.“ Mit seinem Verein fuhr er auch in die Winterfreizeit – und entdeckte dort etwas, was sein Leben erneut in eine andere Bahn lenken sollte: Den Langlaufschlitten. „Das Alpinskifahren war für Rollstuhlfahrer noch nicht erfunden, außerdem habe ich da auch später den Zugang nicht gefunden. Für den Skibob bin ich für meine Erwartungshaltung nicht so selbstständig, wie ich das will, und außerdem stört mich das hohe Verletzungsrisiko!“ Aber der Langlaufschlitten, der passte. So gut, das Frei als Pionier in dieser Sportart gilt. „Heute füllt man einfach ein Bestellformular aus, aber ich musste mir damals alles selbst entwickeln. Aber diese Arbeit damals und die Erfahrung, die möchte ich gar nicht missen, das hat mir ja auch viel Freude gemacht.“

Zur Parasport-Legende machten ihn aber vor allem auch seine Erfolge auf einem anderen Made-by-Frei-Gefährt: 1984 trat er mit einem selbstentworfenen Rennrollstuhl beim ersten paralympischen Marathon an. Und gewann. Seither fährt der Schweizer Sieg an Sieg ein: Frei brachte von 15 Paralympics 15 Goldmedaillen zurück – und das in drei verschiedenen Disziplinen. Natürlich im Langlaufschlitten und mit dem Handbike, aber auch in den leichtathletischen Disziplinen mit dem Rennrollstuhl. 14 Weltmeistertitel hat er sich erkämpft, über 100 Marathons gewonnen (allein 20 Siege in Berlin!). Bisher ungebrochen ist seit 1999 sein Weltrekord über die Marathonstrecke. 2020 wurde Frei bei den Schweizer SportsAwards als „Bester paralympischer Sportler aus 70 Jahren“ ausgezeichnet.

Altersvorsorge für den Körper

Derzeit bereitet er sich auf die nächsten Paralympics vor – und arbeitet auch über 40 Jahre nach seinem Unfall weiter mental an sich. Immer wieder macht er sich in seinem Inneren auf die Suche nach den Stolpersteinen, die ihn auf seinem Weg hemmen könnten. Der Ur-Schock aus dem Jahr 1978 hat sich relativiert, er ist dankbar dafür, seit langem in Eigenverantwortung leben zu können, und zufrieden mit dem, was er erreicht hat. Und auch ein bisschen stolz. Aber niemals, wirklich niemals, würde er sich auf den eigenen Lorbeeren ausruhen, sondern sich immer neue Ziele setzen. Für den 62-Jährigen bedeutet das „heute, wo ich meinen körperlichen Zenit längst überschritten habe: Ab jetzt wird Altersvorsorge durch Sport betrieben.“ Er achtet auf sein Gewicht, trainiert regelmäßig und weiterhin voller Enthusiasmus, um fit zu bleiben, tut seinem Körper etwas Gutes, aber gefährdet ihn nicht „mit blödsinnigen Kraft- und Sportanstrengungen“.

Seine positive Energie und die Kunst, sich selbst realistisch einzusetzen und selbst zu motivieren, gibt der Solothurner bei seiner Arbeit am Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil (siehe auch Beitrag „Nachhaltig glücklich macht uns das, wofür wir Energie einsetzen mussten“) und als (externer Link) Referent bei Veranstaltungen und Organisationen weiter. Als Mitglied im Stiftungsrat der (externer Link) Schweizer Paraplegiker-Stiftung ist es ihm ein besonderes Anliegen, Rollstuhlsportler, die sportlich aktiv werden oder bleiben wollen, zu unterstützen. Als Präsident der (externer Link) Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung leitet er eines der größten Solidarwerke der Schweiz.


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