Meine Querschnittlähmung und ich: Der Kampf um die ersten Impf-Plätze

Natürlich geht es um Corona. Im speziellen Falle um die Frage: Wer darf zuerst? Da scheint sich bei einigen Menschen ohne Behinderung der Eindruck festgesetzt zu haben, dass alle Menschen mit Behinderung fordern, sofort geimpft zu werden. Und sie seufzen grollend: „Ja, ja, immer schreien sie nach völliger Gleichbehandlung, aber wenn es ums Warten geht, wollen sie plötzlich Sonderrechte!“

„Wer Inklusion will, kann doch nicht gleichzeitig ein generelles Recht auf eine frühe Impfung einfordern, bloß weil er irgendwie behindert ist“, findet zum Beispiel eine Bekannte, die selbst keine Behinderung hat, beruflich jedoch viel mit Menschen mit Querschnittlähmung zu tun hat. „Weil, dann würde es ja doch wieder eine Rolle spielen, ob jemand behindert ist oder nicht. In dem Fall zwar nicht zum Nachteil des Behinderten, aber unterm Strich wäre es trotzdem eine Ungleichbehandlung, diesmal eben mit umgekehrten Vorzeichen“.

Jaaha. Da muss ich alter Mann im Rollstuhl erst mal drüber nachdenken … also … öh … überbrücken wir die Nachdenkzeit mit einem Blick darauf, was Inklusion eigentlich bedeutet.

„Wo kämen wir denn da hin!?“

Die Sozialhelden definieren sie in ihren Leidmedien so: „Menschen mit Behinderungen müssen sich nicht mehr integrieren und an die Umwelt anpassen, sondern diese ist von vornherein so ausgestattet, dass alle Menschen gleichberechtigt leben können – egal wie unterschiedlich sie sind. Das Ideal der Inklusion ist, dass die Unterscheidung „behindert / nicht behindert“ keine Relevanz mehr hat.“

Aha. Das könnte man so auslegen, dass es die Argumentation meiner Bekannten untermauert: Eine Behinderung allein macht noch keinen Priorisierungsstatus. Außerdem, um einen beliebten plakativen Ausruf zu gebrauchen: „Wo kämen wir denn da hin!“, wenn jeder behinderte Mensch sofort geimpft würde? Vermutlich ein bisschen in die Bredouille, denn allein das Impfen aller Schwerbehinderter dürfte ein paar Kapazitäten binden, die vielleicht ansonsten anderswo (Ärzte, Pflegende, Opa Kasupcke mit seinen 92 Jahren, der junge Mann von nebenan mit seiner Herzkreislaufstörungen, Diabetes, Atemwegserkrankung, Leber-, Nieren- oder Krebserkrankung) eingesetzt würden.

Alle auf einmal wären wohl zu viele

Ein paar Zahlen, um die Dimension besser einordnen zu können: Zum Jahresende 2019 lebten in Deutschland rund 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen – etwas mehr als die Hälfte davon (50,4 %) Männer. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) betrug der Anteil der schwerbehinderten Menschen an der gesamten Bevölkerung in Deutschland damit rund 9,5 %.

Und das stellen wir jetzt mal der aktuellen Impf-Rate in Deutschland gegenüber: Laut Impfquotenmonitoring des RKI hatten am 28.1.2021 deutschlandweit noch nicht einmal 2 Millionen Menschen die Erstimpfung erhalten. Wer es ganz genau wissen will: an diesem Tag waren es seit Beginn der Corona-Impfungen erst 1.799.481. Man muss kein Mathe-Genie sein, um sich auszurechnen, dass allein die zweimalige Impfung sämtlicher Menschen, die im Besitz eines Schwerbehindertenausweises sind, ein paar Tage dauern würde.

Andererseits: Wat mut, dat mut. Irgendeine Reihenfolge muss nun mal festgelegt werden. Warum also nicht einfach alle schwerbehinderten Menschen auf der Priorisierungsliste nach oben rutschen lassen? Das hätte zumindest den Vorteil, dass man ohne groß über das Wer?  nachzudenken auf einen Schwupps einen relativ hohen Anteil der Bevölkerung impfen könnte. Zu den Nachteilen und Gegenargumenten befragen Sie bitte ihren Arzt, die Krankenschwester aus dem Nachbarhaus, Opa Kasupcke, den jungen Mann von nebenan oder jeden anderen Menschen, der zwar keine Behinderung hat, aber dafür so alt oder so krank ist, dass eine Corona-Infektion für ihn das Risiko eines schweren Verlaufs beinhalten würde.

Risiken wollen respektiert werden

Womit wir wieder beim Thema Inklusion, bzw. keine Sonderrechte wären. Die ganz dicke Extra-Wurst mit ordentlich Vorzugsbehandlung obendrauf fordern nur wenige. Wenn es um die Aufnahme in die Priorisierungsliste geht, dann meist – gerade von offizieller Seite – sehr differenziert und begründet, zum Beispiel wenn sich die Behindertenbeauftragten von Bund und Ländern in einer gemeinsamen Erklärung zu Wort melden und Nachbesserungen fordern, weil viele Menschen mit Behinderungen ein deutlich erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer COVID19-Erkrankung und gleichzeitig durch ihre Lebenssituation auch ein deutlich höheres Ansteckungsrisiko hätten. So argumentieren auch viele Aktivisten. Da, wo „Petition: Schnelle Impfung auch für behinderte Menschen in ambulanter Versorgung“  draufsteht, steckt nicht unbedingt eine generelle Impf-Forderung dahinter – sondern der Wunsch, auch als Mensch, der zu Hause lebt und ein besonders hohes Risiko für einen schweren Verlauf hat oder eben durch seine Assistenz Menschen ganz nah an sich heranlassen muss, geschützt zu sein.

Der Einzelfall zählt

Dass eine schwere Behinderung wie zum Beispiel eine Querschnittlähmung nicht per se als Argument für eine Priorisierung bei den Impfungen gilt, stellen übrigens auch die Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie (DMGP), die Deutsche Stiftung Querschnittlähmung (DSQ) und die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ) in einer gemeinsamen Stellungnahme klar. Sie fordern aber dazu auf, genau hinzusehen und gegebenenfalls die Priorisierungs-Reihenfolge im Einzelfall nachzubessern: „Die Empfehlung in Hinblick auf eine Priorisierung gilt auch für Paraplegiker mit wesentlichen Einschränkungen der Atmungsfunktionen sowie gravierenden Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Diese sind den Personen mit hoher Priorität in der Gruppe 2 gleichzustellen, ebenso der Personenkreis, der entsprechende Betroffene behandelt, betreut oder pflegt.“ Die Experten raten also dazu, im Fall der Fälle auf eine Einzelfallregelung hinzuwirken.

Nach generell priorisierter Impfung für alle querschnittgelähmten Menschen klingt das nicht. Eher nach einer Lösung, die möglichst alle Menschen, die sie wirklich brauchen, eine rasche Impfung ermöglichen soll. Wer ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf hat, sollte also dafür kämpfen, rasch geimpft zu werden. Was ja nur schwerlich als Ruf nach Sonderrechten gesehen werden kann – sondern eigentlich „nur“ als Ruf nach Gleichbehandlung mit all den anderen Menschen, die zur Risikogruppe zählen.