Leben mit Querschnittlähmung: „Nachhaltig glücklich macht uns das, wofür wir Energie einsetzen mussten“

Für Parasport-Legende Heinz Frei sind Selbstreflexion und –akzeptanz erste wichtige Schlüssel, um nach einer traumatischen Querschnittlähmung die Tür zu einem erfüllten, selbstbestimmten Leben zu öffnen. Am Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil teilt er seine positiven Lebensstrategien mit Menschen mit frischer Querschnittlähmung.

„Zu Beginn braucht es die Geduld, auf etwas hinarbeiten zu können und auf die Ergebnisse warten zu können.“

„Was gebe ich Jungen mit auf den Weg?“ Frei muss für die Antwort nicht lange überlegen: „Es braucht zu Beginn die Geduld, auf etwas hinarbeiten zu können und auf die Ergebnisse warten zu können. Man muss etwas tun dafür, erst dann bekommt man den Lohn. Dafür braucht man den langen Atem, nie sollte man den Kopf in den Sand stecken. Die Grundvoraussetzung aber ist: Man muss die Chancen sehen  – und nutzen! Und seine Aufmerksamkeit darauf wenden.“

Die Angst, auf dem Abstellgleis zu enden

Frei ist weltweit einer der erfolgreichsten Parasportler: Der querschnittgelähmte Schweizer gilt als Pionier des Rollstuhlsports, in seinen drei Parade-Disziplinen Handbike, Langlaufschlitten und Rennrollstuhl hat er drei Weltrekorde, 14 WM-Titel und über 100 Marathonsiege errungen. Von 15 Paralympics brachte er 15 Goldmedaillen zurück. Aber wenn er in (externer Link) Nottwil mit neuen Patienten spricht, muss die Sportlegende draußen bleiben: „Ich rase in Nottwil zwar durch die Gänge, aber sobald ich einen der Neuen besuche, komme ich nicht als Spitzensportler oder Super-Hero, sondern versetzte mich ganz bewusst in seine Situation. Oder besser gesagt: in meine Situation von vor 42 Jahren.“

Der Spitzensportler ist seit einem Unfall im Alter von 20 Jahren querschnittgelähmt. Und er erinnert sich noch gut an seine Gefühle damals, an die Abhängigkeit von anderen, die Angst, auf dem Abstellgleis geparkt zu sein, die Hilflosigkeit und das Selbstmitleid.

Ihm gelang es durch stete mentale Arbeit an sich selbst, diesen Ohnmachtsgefühlen zu entfliehen, weshalb für ihn heute „ja wirklich jeder Tag ein besserer ist, den ich in Eigenständigkeit und Lebensfreude gestalten mag.“ (Siehe auch Beitrag Leben mit Querschnittlähmung: Parasport-Legende Heinz Frei über die Kunst, das Bestmögliche zu erreichen). Eine Grundeinstellung, die ihn motiviert, „meine Passion weiter zu leben und mittlerweile auch ein paar Menschen mit diesem Virus (es gibt ja auch Gute davon!) anzustecken.“

Doch diese Kehrtwende braucht Zeit. Zeit, die jeder sich individuell nehmen sollte, um sich mit dem neuen Status quo seines Körpers und seines Lebens vertraut zu machen. „Erst wenn ich merke, dass mein Gegenüber so weit ist, an sich selber zu arbeiten, versuche ich, ihn zu motivieren“, sagt Frei.

Auf andere wieder Ausstrahlung haben …

Seine Formel: Sich akzeptieren, an sich arbeiten, dann erst kann das Leben in der neuen Situation weitergehen. „Wenn ich das aus meiner Warte kurz nach dem Unfall erzähle: Da war ich mit meinen 20 Jahren gerade frisch verliebt, hatte aber keine Chance, diese Beziehung aufrechtzuerhalten. Ich musste mich erst selbst akzeptieren, um wieder auf andere Menschen Ausstrahlung auszuüben … solange ich nicht geerdet war, ging es nicht mit den Beziehungen, erst braucht man wieder gute Erde unter den Reifen.“

Sich aktiv engagieren

Für den zweifachen Familienvater war der Sport der Schlüssel zurück ins Leben, weshalb er sich auch sehr in der Nachwuchsförderung für den Parasport engagiert. Aber Sport ist nicht jedermanns Sache, in den Gesprächen geht es darum, etwas zu finden, was den frisch Querschnittgelähmten wieder motiviert, aktiv zu leben: „Das muss kein Sport sein“, sagt Frei. „Wer nicht mehr laufen kann, kann ja trotzdem ohne Probleme gesellschaftlich aktiv werden und sich zum Beispiel in der Politik für Behindertenrechte einsetzen. Oder irgendetwas Musisches. Wenn einer vor dem Unfall ein Instrument gespielt hat, sage ich dem: Hol das wieder hervor und spiel! Hab Freude daran!“ Prägend, betont Frei, ist dabei ein Satz des Gründervaters der Schweizer Paraplegiker-Organisationen, Dr. Guido A. Zäch: Das zwischen den Ohren ist von Querschnittlähmung NICHT betroffen – dies gilt es in Zukunft zu nutzen…!

Die technischen Entwicklungen und die Digitalisierung eröffnen zunehmend neue Felder, auf denen man sich engagieren kann. Manchen helfen sie, ein Hobby wieder oder neu zu entdecken (siehe zum Beispiel die Beiträge Mit Tetraplegie zurück ans DJ-Pult und Game-Controller und Spiele für Zocker mit Tetraplegie). Manchen erschließen Computertechnik, immer sensibler arbeitende Steuerungsmöglichkeiten und optimierte Möglichkeiten der Umfeldsteuerung einen (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben – siehe zum Beispiel Beitrag Ermittler trotz Handicap – Polizist Herold kämpfte sich zurück.

Ein Beruf, der sich überwiegend am und/oder durch den Computer erledigen lässt, ist für viele querschnittgelähmte Menschen der Job der Wahl. Doch das Feld an potenziellen Berufen ist ja nach körperlicher Beeinträchtigung sehr weit (siehe auch Beitrag Berufe für Rollstuhlfahrer), Frei hat während seiner jahrzehntelangen Arbeit mit querschnittgelähmten Menschen gelernt, dass auch nahezu undenkbar Arbeitsmodelle im Einzelfall möglich sind: „Ich kenne einen Landwirt, den bekommst du nicht ins Büro. Der ist noch heute Bauer und hat sich inzwischen auf die Produktion von Ökostrom spezialisiert. Und ein anderen war und ist Handwerker. Auch für den war die Vorstellung, im Büro zu sitzen, unvorstellbar. Er hat sich seine Werkstatt so umgebaut, dass er die meisten Maschinen im reinen Handbetrieb bedienen kann.“

„Es steht und fällt mit einem selbst“

Die Geschichten dieser beiden Paraplegiker erzählen von der Kunst, aktiv zu einem selbstbestimmten Leben zurückzukehren. „Es steht und fällt mit einem selbst“, betont Frei, der auch als (externer Link) Redner und Motivator bei Organisationen und Unternehmen auftritt. Erfolge könne man nicht kaufen, jeder müsse investieren, ins Lernen, ins Training, um irgendwann einen Lorbeer zu gewinnen. Dies gelte im Beruflichen, im Sport und im Privaten gleichermaßen. Da steckt eine Menge Arbeit an sich selbst mit drin, ganz so, wie Frei es in Gesprächen neuen Patienten ans Herz legt. Denn er ist überzeugt: „Glücklich macht uns das, wofür wir Energie einsetzen mussten. Nur so entsteht nachhaltiges Glück.“


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