Meine Querschnittlähmung und ich: Der perverse Hinterwäldler.

Für viele Menschen gehören die Worte „Sex“ und „Behinderung“ nicht in einen Satz, denn Sex mit Querschnittlähmung kann doch eigentlich nur mies sein, oder? Nun, das kommt ganz drauf an… 

Kurz nach Eintritt meiner Querschnittlähmung war die Frage nach der Sexualität sehr wichtig für mich. Ich war Mitte Zwanzig, fühlte mich fehl am Platz in einem Körper, der mein eigener war aber auch irgendwie nicht, und war davon überzeugt, dass ich für die Damenwelt nie wieder interessant sein würde. Und was sollte das überhaupt für eine Leben sein, ohne Erektionen, ohne Orgasmen, ohne Sex? 

Ich will es mal nicht so spannend machen: Ein erfülltes Sexualleben ist nach Eintritt einer Querschnittlähmung durchaus möglich. Nicht nur für mich, für jeden! Es ist aber meistens anders, als es vorher war und manche von uns müssen etwas tiefer in die Trickkiste greifen als andere. 

Was in der Trickkiste so drin ist, fragen Sie? Ganz oben liegen ein paar kleine, blaue Pillen. Und dann gibt es noch solche Sachen wie Penispumpen, Penisringe, Hochleistungsvibratoren und spezielles Mobiliar für die ganz Abenteuerlustigen. 

Ganz wichtig ist aber, dass man sich auf diese neue Art der Sexualität einlässt. Das beste Hilfsmittel nützt nichts, wenn Mann das alles eigentlich doof findet und sich nur nach seiner Leistungsfähigkeit von vor dem Unfall (oder sonst was) zurücksehnt. 

Larry Flynt: Der perverse Hinterwäldler 

Wieso erzähl ich Ihnen das? Weil mich unlängst die Nachricht vom Tode Larry Flynts erreichte. Kennen Sie nicht? Ist nicht schlimm. Ich kannte ihn auch nur, weil ich mal einen (gar nicht so schlechten) Film über ihn gesehen hatte. 

Larry Flynt war seit den frühen 70ern Strip-Club Besitzer und Herausgeber des Pornomagazins „Hustler“. Er bezeichnete sich selbst als Hinterwäldler (er stammte aus Kentucky) und als Perversen (seine Unschuld verlor er an ein Huhn, das er im Anschluss tötete). Er war selbsternannter Verfechter der Meinungsfreiheit. Und er war querschnittgelähmt. 

1978 wurde wegen seiner Arbeit ein Attentat auf ihn verübt, bei dem er so schwer verletzt wurde, dass er zum Paraplegiker wurde. Interessanterweise wurde Flynt nicht angeschossen, weil er Bilder zeigte (und verherrlichte), auf denen Frauen misshandelt werden, oder weil er über mehrere Jahre hinweg einen Comic-Strip veröffentlichte, der wohlwollend die erfolgreichen Abenteuer eines Pädophilen zeigten. Angeschossen wurde er, weil im „Hustler“ auch Fotografien von sexuellen Handlungen gezeigt wurden, auf denen die Akteure verschiedenen Ethnien entstammten. Das zumindest kann man Flynt zugute halten; ein Rassist war er nicht. Wenn er jemanden verachtetet, dann doch eher Frauen. Und das unabhängig von ihrer Hautfarbe. 

Dominant-aggressive Männlichkeit 

Und das bringt mich zum eigentlichen Thema zurück. Larry Flynt kam mit seiner veränderten Sexualität nach Eintritt der Querschnittlähmung kaum klar. Er war vor dem Attentat ein Mann mit einer starken Libido und einer klaren Vorstellung davon, wie Sex auszusehen hatte. Er wollte nicht auf ein elektrisches Geräte zurückgreifen müssen, wenn er sexuell aktiv werden wollte, und er beneidete alle, die „richtig“ f***en konnten.

Grund dafür war (und das ist jetzt natürlich nur meine Theorie, die ich in keiner Weise belegen kann) seine irrige Idee, dass ein echter Mann sich in jeder Situation dominant-aggressiv zu verhalten hat, auch im Bett und vor allem gegenüber Frauen. 

Man muss nicht unbedingt ein frauenverachtendes Arschloch sein, um zu glauben, dass Sex so zu funktionieren hat. Ganze Generationen von Jungen sind groß geworden, in dem Irrglauben ihre sexuelle Potenz und körperliche Überlegenheit seien es, die sie überhaupt erst zu Männern machen. 

Wenn man allerdings glaubt, dass Sex ein Akt erzwungener weiblicher Unterwerfung und gewaltsamer männlicher Dominanz ist, hat man als Mann mit Querschnittlähmung ganz, ganz schlechte Karten. Weil die oben erwähnte, kleine blaue Pille nämlich 20-30 Minuten braucht bis sie wirkt. Weil man die Trickkiste am besten zu zweit durchstöbert. Und weil meine Frau einfach aufstehen und weggehen könnte, wenn ich ihr mit der Flynt-Masche käme. 

Guter Sex ist Einstellungssache 

Ich jedenfalls glaube nicht, dass ich weniger Mann bin, weil ich der Meinung bin, dass Sex ein spielerischer, liebevoller Akt für alle Beteiligten sein sollte. 

Natürlich gilt beim Sex: Jeder wie er will. Und wenn Sie einen volljährigen, entscheidungsfähigen Partner haben, der freiwillig mitmacht, dann lassen Sie es krachen! Aber wenn Ihre Sexualität sich nach Eintritt einer Querschnittlähmung (oder aus was für Gründen auch immer) verändert, dann seien Sie offen für neue Wege. Und freuen Sie sich dran. Guter Sex ist Einstellungssache!


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