Sexualität und Querschnittlähmung: „Der Gang zum Urologen war mir irgendwie zu peinlich.“

André Artless* ist seit einem Badeunfall vor über zwanzig Jahren Tetraplegiker. Über das (neue) Entdecken der Sexualität mit einer hohen Querschnittlähmung findet er offene Worte.

„Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr querschnittgelähmt. Die neurologische Bezeichnung dafür lautet Tetraplegie unterhalb C5 und C6, motorisch komplett und sensibel teils inkomplett. Das heißt ich bin vom Hals abwärts gelähmt und kann lediglich meine Arme eingeschränkt nutzen. Zusätzlich sind auch meine Blase und der Darm gelähmt. Letzterer ist auf einen festen Rhythmus trainiert, zu entleeren, und die Blase entleert sich bei mir spontan in ein Kondomurinal mit angeschlossenem Beutel.

Vor meinem Unfall hatte ich bereits sexuelle Erfahrungen gemacht und ich wollte noch vieles ausprobieren, wie jeder junge Mann… Mit Eintritt meiner Querschnittlähmung änderte sich einiges schlagartig. Mal abgesehen, vom neu lernen allein essen zu können, sich im Rollstuhl fortzubewegen, zu schreiben, Selbstständigkeit erlernen und von den Eltern erneut abnabeln, sowie seine Umgebung wahrzunehmen (das alles soll heute nicht Thema sein), musste auch die Sexualität neu erforscht und gelernt werden.“

„Das Thema Sexualität war allgegenwärtig. – Und ich war überfordert.“

Artless berichtet, dass bereits während seinem ersten Aufenthalt in der Querschnittklinik das Thema Sexualität allgegenwärtig war. Er teilte ein Viererzimmer mit drei erwachsenen Männern, die sich nachts manchmal Erotikfilme ansahen. Zudem gab es in der Einrichtung den Kurs „Sexualität und Behinderung“, der dort für jeden Frischverletzten Pflichtprogramm war. „Ich war 15 Jahre alt und musste so vieles neu lernen, z. B. selbständig zu essen. Trotzdem war schon damals Sexualität ein Thema, nur dass ich zu diesem Zeitpunkt damit völlig überfordert war. Ich konnte mit Frauen so gar nichts anfangen. Und diese Überforderung hielt auch die ersten zwei Jahre nach meinem Unfall weiter an.“

„Für mich wurde das Thema Sexualität erst wieder interessant als ich ungefähr 17 war. Damals war ich gleich in zwei Frauen verliebt. Oder, besser gesagt, ich fühlte mich zu beiden sexuell hingezogen.  Eine war meine Pflegerin vom ambulanten Pflegedienst, die ich nur selten sah, die andere hatte ich im Internat kennengelernt.“

„Der Gang zum Urologen war mir irgendwie zu peinlich.“

Artless wusste, dass es Medikamente und andere Hilfsmittel gab, die bei einer eventuellen erektilen Dysfunktion helfen konnten (siehe: Sexualität: Hilfsmittel für Männer und Frauen), doch er hielt sie zunächst für nicht notwendig.

„Damals war ich noch sehr jung und bekam schon eine harte Erektion, wenn ich nur im Intimbereich gewaschen wurde oder wenn ich vergessen hatte meine Antispastika einzunehmen. Ich dachte daher, na wenn es soweit ist, wird es schon irgendwie gehen. Ich muss auch gestehen, dass mir der Gang zu einem Urologen wegen Viagra irgendwie zu peinlich war. Aus heutiger Sicht natürlich völlig unlogisch: immerhin sind Urologen Profis und genau für so etwas da.“

Während Artless schließlich klar wurde, dass er sexuelles Interesse hatte, war noch längst nicht klar, wie er seinen Wunsch nach Körperlichkeit umsetzen sollte.

„Ich fragte mich, wie soll ich das jetzt angehen? Meine Pflegerin war älter als ich und ja quasi meine Angestellte. Wir haben uns schon gut verstanden und zwischendurch auch viel geflirtet. Und irgendwann habe ich dann den ersten Zug gemacht.  Etwas klischeehaft und aus heutiger Sicht auch nicht besonders klug – Stichwort Belästigung -, wenn auch erfolgreich, zumindest kurzfristig. Sie war gerade dabei mich zu duschen, als ich sie fragte, ob ich sie küssen dürfte. Sie lächelte und sagte nein. Im ersten Moment war mir das natürlich sehr peinlich, aber nur im ersten Moment, denn schon Sekunden später, war sie es die mich sehr intensiv küsste.“

Dies war der Auftakt zu einer Reihe sexueller Handlungen, die es Artless erlaubten zu erforschen, was für ihn lustvoll war und was nicht. „Ich stellte fest, dass durch die Lähmung Sensibilität teilweise verloren ging und ich als querschnittgelähmter Mann jetzt nicht mehr so viel von passivem Oralverkehr und Stimulationen mit der Hand habe wie vor meinem Unfall. Auch fehlt der Höhepunkt samt Ejakulat. Zum Glück habe ich keinen Totalausfall der Sensibilität und mit geschlossenen Augen und Konzentration, habe ich auch hier so etwas wie einen „trockenen Orgasmus“, bei dem es zu einer Art gefühltem Höhepunkt kommt, aber ohne Ejakulation. Mit Geschlechtsverkehr, während die Familie im Haus ist, war da zu Anfang nichts. Doch auch hierfür hat sich irgendwann eine Möglichkeit aufgetan. Mit zunächst für mich enttäuschenden Verlauf. Meine Erektionen, auf die ich mich bis dahin immer hatte verlassen können, waren bei der Penetration plötzlich nicht mehr so standhaft und meine Partnerin musste mich immer wieder mit der Hand stimulieren, damit ich die Erektion halten konnte. Eine Frau auf die Art und Weise zum Orgasmus zu bringen, erschien mir unmöglich. Zumal ich immer der passive Part war. Irgendwann habe ich ihr signalisiert, dass ich beim Oralverkehr den aktiven Part übernehmen wollte. Dies hat wunderbar funktioniert und führte nicht nur zum einen, sondern gleich mehreren Orgasmen bei ihr. Bis heute ist das die Methode, die ich inzwischen kennen und lieben gelernt habe, um meine Partnerin auf aktive Art und Weise glücklich machen zu können und zu einem (oder mehreren) Höhepunkt zu bringen.“

Viagra® ist nicht für alle die Lösung

Dass Unvermögen eine Erektion zu halten, veranlasste Artless schließlich doch dazu, mit einem Urologen zu sprechen (siehe: Sexualsprechstunde). Mit einem Spezialisten für Querschnittlähmung besprach er verschiedene Möglichkeiten und entschied sich für das Medikament Cialis®, das auch als „Wochenendpille“ bekannt ist, da seine Wirkungsdauer zwischen 36 und 72 Stunden liegt. Viagra® und andere Mittel wirken wesentlich kürzer (ca. 6 Stunden) (siehe auch: Medikamente zur Behandlung der erektilen Dysfunktion bei Querschnittlähmung).  „Aber keine Angst liebe Männer und Frauen“, erklärt Artless augenzwinkernd. „Es ist nicht so, dass der Mann dann dauerhaft mit einer Erektion unterwegs ist, sondern vielmehr so, dass wenn es soweit ist und der Penis stimuliert wird, die Erektion länger hält und wesentlich fester ist. Zumindest nach meiner persönlichen Erfahrung.“

Mit Inkontinenz umgehen

Offen spricht Artless auch über die Möglichkeit eines Urinabgangs bei sexueller Aktivität. Je nach Art der Blasenfunktionsstörung ist eine spontane Blasenentleerung möglich. Daher ist laut Artless nicht nur ein klärendes Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin notwendig, es ist auch Vorbereitung angesagt, wenn Sex ansteht. „Es empfiehlt sich auf jeden Fall die Blase vorher so leer wie möglich zu machen, vielleicht auch den Tag über nicht so viel zu trinken, wenn man am Abend aktiv sein möchte. Geht dabei Spontanität verloren? Ja, definitiv. Aber es gibt auch spontane Möglichkeiten, einander glücklich zu machen, vielleicht zum Höhepunkt zu kommen, ohne den Geschlechtsakt direkt durchzuziehen.“

Nach ersten Erfahrungen offen für Neues

„Mit diesen ersten Erfahrungen zum Thema Sex und Querschnittlähmung, fühlte ich mich jetzt auch bereit, Beziehungen einzugehen. Es hat also nicht lange gedauert, bis ich der damaligen Bekannten aus der Schule zusammengekommen bin. In dieser Beziehung war ich definitiv nicht der aktive Part. Hier ging vieles von ihr aus, worüber ich heute sehr dankbar bin aufgrund der Erfahrungen, die ich gemacht habe. Wir haben viel herumprobiert: Dosierungen der Medikamente mal mehr mal weniger, angucken was wirklich notwendig ist. Verschiedene Stellungen, dass die Reiterstellung funktioniert ist fast jedem querschnittgelähmter Mann bewusst, doch mit der richtigen Partnerin geht auch viel mehr.“ (Siehe: Sexualität bei Querschnittlähmung: Stellungswechsel)

„Auch Hilfsmittel wie vielleicht ein Patientenlifter können experimentierfreudige Partner, zum Beispiel als Liebesschaukel verwenden. Mit einer späteren Partnerin hatte ich Geschlechtsverkehr im Auto, was mit entsprechender Vorbereitung und guten (verstellbaren) Vordersitzen auch möglich ist. Es gibt viele Mittel und Wege, Vorlieben zu finden und diese auszuleben, wenn man offen und ehrlich Dinge anspricht und ausprobiert. Alles ist möglich beim Thema Sex, wenn man gewillt ist Dinge auszuprobieren. Sich eventuell gut vorbereitet und keine Angst hat, dass auch etwas mal nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt.

„Dies sind meine persönlichen Erfahrungen“, möchte Artless Leser wissen lassen. „Sie lassen sich nicht einfach so auf andere übertragen. Jeder von uns macht andere Erfahrungen, spürt und fühlt anders, hat unterschiedliche Vorlieben und andere motorische Fähigkeiten. Wir Querschnittgelähmten sind alle Individuen, wie jeder andere Mann, Frau oder divers da draußen in der Welt. Wir alle haben unsere Bedürfnisse, die wir hoffen mit anderen teilen und befriedigen zu können.“

Dass es Mittel und Wege für Menschen mit Querschnittlähmung gibt, zu ihrer Sexualität zurückzufinden, macht Artless‘ Beispiel klar.

*Name von der Redaktion geändert


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