Leben mit Querschnittlähmung: Junge Frau plant 3.100 Kilometer lange „Tour der Freiheit“

Die Route steht: Einmal um Deutschland herum. Rund 3.100 Kilometer, „auf Wegen, die ich im Rollstuhl nie bewältigen könnte.“ Maren will die Strecke überwiegend mit dem Rad, einen Teilabschnitt auch hoch zu Ross, bewältigen. Ein großer Plan, der für die inkomplett querschnittgelähmte 21-Jährige zur „Tour der Freiheit“ werden soll.

Durch den Schwarzwald will Maren reiten. Der einzige Teil der geplanten Route, den sie nicht alleine bewältigen will.
Die inkomplett Querschnittgelähmte arbeitet hart an ihrer Mobilität.

Auch wenn Begleiter auf einzelnen Streckenabschnitten immer mal wieder durchaus willkommen sein könnten: Maren will die Strecke alleine schaffen – mit Betonung auf selbstständig und unabhängig. Schließlich geht es ja um eine „Tour der Freiheit“. Rund 150 Tage will sie unterwegs sein, jeden Tag auch in unwegsamem Gelände rund 20 Kilometer zurücklegen, jede Nacht an einem anderen Ort verbringen. Und alles ohne Rollstuhl und ohne Krücken. So der Stand heute.

Am 7. Januar 2018 wären solche Pläne nicht mehr gewesen als absurde Träumereien. Denn an diesem Morgen wachte die damals 18-Jährige auf – und war „über Nacht quasi komplett querschnittgelähmt“.  Alle Therapie- und Rehaerfolge, die sie sich seit dem Eintritt einer inkompletten Querschnittlähmung im Altern von zehn Jahren erarbeitet hatte, schienen verloren. Nach zig Wirbelsäulen-OPs war sie „eigentlich austherapiert“. Was auch bedeutete: Sie hatte eine eigene Wohnung, besuchte das Gymnasium und von ihrer inkompletten Querschnittlähmung war kaum mehr zu merken „als ein irgendwie x-beiniger Gang“.

Doch plötzlich meldete sich ihre Skoliose (siehe auch Beitrag Skoliose bei Querschnittlähmung) mit aller negativen Macht zurück. Ihre Psyche fiel in ein dunkles Loch, ihr Körper – nun vom Brustkorb abwärts komplett gelähmt – plagte sie: „Die Wirbelsäule tat immer weh, ich konnte kaum noch essen“.  Aller Lebensmut war verschwunden. In der Reha am Bodensee kommt der Mut zurück. Zusammen mit ihrer Zimmergenossin Maura schmiedet sie Pläne, Maura will ihr ihre Heimat, den Schwarzwald, zeigen: „Wenn wir beide wieder laufen können, dann laufen wir durch den Schwarzwald!“ Weil Maren sich nicht vorstellen kann, wieder mit einem Rucksack durch unwegsames Gelände wandern zu können, beschließen die beiden, durch die malerische Gebirgsregion zu reiten. Erfahrung mit Pferden hat Maren ohnehin, vor ihrer Querschnittlähmung ritt sie, inzwischen hat sie auch einen Kutschführerschein (siehe auch Beitrag Mit Pferd und Kutsche zurück ins Leben) gemacht.

Die Tour ist auch ihrer verstorbenen Freundin Maura gewidment.

Ohne Maura. Aber für Maura.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne:  Maura stirbt an ihrem Hirntumor. Auf ihrem Begräbnis verspricht Maren ihr, die Tour durch den Schwarzwald durchzuziehen – ohne Maura. Aber für Maura.

Maren spinnt die Idee weiter – aus dem Schwarzwaldtrip wird die Tour um Deutschland herum. Die junge Frau trainiert, um wieder auf die Beine zu kommen. Im Background: Ihre Familie – und der Arzt, der sich um sie kümmert, seit sie 12 ist. Er begleitet sie auch in dieser schweren Phase, forscht nach den Ursachen für die schlagartige Verschlechterung und sucht nach Behandlungsansätzen. 2018 – Maren hatte die Reha abgebrochen und war in eine tiefe Depression verfallen – findet er eine operative Lösung. „Seitdem trainiere ich mich auf die Beine zurück.“

Im Moment benötigt sie noch Krücken, um mehr als ein paar Schritte laufen zu können. Eine neue Orthese (siehe auch Beitrag Die Gehfunktion erhalten: Orthesenversorgung bei Querschnittlähmung) soll ihr zu noch mehr Bewegungsfreiheit verhelfen. Ganz allgemein muss sie noch fitter werden (und ihr Abi bestehen), um 2023 die große Tour der Freiheit wirklich starten und durchhalten zu können.

Über 3.000 Kilometer sind geplant, unterteilt in 20-Kilometer-Etappen, mit zwei Breaks, um die Katheter-Vorräte wieder aufzufüllen. Das Gros der Strecke will Maren auf einem E-Bike zurücklegen – das Dreirad braucht sie nicht mehr. Nur die Ränder des Schwarzwaldes, die will sie auf dem Rücken eines Pferdes erkunden, so, wie es mit Maura geplant war.

Gesucht: Ein Pferd, Begleiter und Sponsoren

Besonders für diesen Streckenabschnitt wünscht Maren sich bei allem Willen zur Unabhängigkeit Unterstützung: Allein mit dem Rad – das traut sie sich zu. Aber allein mit einem Pferd? „Da bin ich mir nicht so sicher. Wenn das Pferd sagt: Ich bleibe stehen, dann kann ich nichts dagegen tun. Deshalb suche ich da noch eine Reitpartnerin oder einen -partner, der ein eigenes Pferd hat und mich begleiten will.“ Und falls jemand noch ein gutmütiges Pferd übrig hat, das er Maren für diese Etappe zur Verfügung stellen könnte – her damit! Denn die 21-Jährige kann sich kein eigenes Pferd leisten.

Das Dreirad kann die junge Frau nun gegen ein E-Bike austauschen.

Sie sucht ohnehin noch Sponsoren für ihre „Tour der Freiheit“. Denn allein die rund 150 Übernachtungen werden eine Menge Geld kosten – und ein neues, tourenfähiges E-Bike muss auch noch finanziert werden. Nebenher will sie auch noch Geld sammeln, für die Kinderkrebshilfe – im Andenken an ihre Freundin, der als Kindergärtnerin Kinder besonders nahe standen.

Für Maren ist ihre Tour ein Dankeschön an ihren Arzt, der ihr half, körperlich und psychisch wieder auf die Beine zu kommen. Eine Erinnerung an ihre Freundin. Und vor allem: Ein Zeichen für alle anderen, dass man „mit Querschnittlähmung ein sehr cooles Leben“ führen kann. „Denn als es mir total schlecht ging, hat es mich sehr aufgebaut, von anderen zu hören, was die alles machen. Das war eine total krasse Inspiration. Und das versuche ich auch: Eine Inspiration zu sein.“

Wer mehr über Maren und ihre Pläne erfahren will, hat dazu auf ihren Blogs Gelegenheit. Über den Werdegang des Projektes berichtet sie auf (externer Link) Facebook: TourderFreiheit und auf (externer Link) Instagram: tour_der_freiheit .


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