Leben mit Querschnittlähmung: Über Cannabis und Spastik bei Querschnittlähmung

Sascha Schrön ist seit einem Unfall 2008 Tetraplegiker. Eine belastende Konsequenz, mit der er seither leben muss, ist eine ausgeprägte Spastik (siehe: Spastik als Folge einer Querschnittlähmung) unterhalb der Lähmungshöhe. Er berichtet über die Vorteile von Cannabis – und dessen Grenzen.

Sascha, wie macht sich die Spastik bei Dir bemerkbar?

„Tja, das Positive an der Spastik ist, dass mein Grundumsatz recht hoch ist, das heißt, ich muss nicht so sehr darauf achten, was ich esse. Aber sie nervt enorm. Schon wenn ich nur länger sitze, zucken meine Finger, meine Beine, mein Oberkörper. Wenn ich nicht im Rollstuhl angegurtet wäre, könnte mich die Spastik da raus hauen, und ich verliere auch kurzzeitig die Kontrolle über den Rollstuhl, was ja an der Straße oder am Bahnsteig gefährlich sein kann.

Und dann ist da halt auch der Schlafentzug. Es kann vorkommen, dass ich nachts kaum drei Stunden schlafe, weil mich die Spastik wachhält. Wenn das mehrere Nächte hintereinander passiert, ist mit mir tagsüber nicht viel anzufangen.“

Was hast Du versucht, um die Spastik in den Griff zu bekommen?

„Alles Mögliche. Ich hab alle Medikamente durch, die man so kriegen kann. Immer in der höchsten Dosierung. Damit hab ich einiges mitgemacht, weil die Nebenwirkungen teilweise abartig sind. Von einem Mittel hatte ich überall am Rücken Abszesse. Das hab ich dann natürlich sofort abgesetzt. Und gebracht haben die alle nichts.

Jetzt habe ich schon die dritte Medikamenten-Pumpe. Das bringt schon was – die Spastik ist nicht ganz so stark –  aber ganz Ruhe hab ich damit auch nicht, weil eine gewisse Grundspastik immer da ist. Und das Einsetzen einer Pumpe ist auch nicht ganz ohne. Es ist ein operativer Eingriff und die zweite, die ich hatte, hat sich z. B. entzündet und ich musste sie rausnehmen lassen.

Versucht habe ich es auch mit Mediation und progressiver Muskelentspannung – vergeblich.“

Wie bist Du darauf gekommen, es mit Cannabis zu versuchen und wie hilft es Dir?

„Schon in meiner ersten Reha haben andere Betroffene mir gesagt: ‚Kiff mal, das hilft.‘ Und das hat es tatsächlich. Bei meinem ersten Joint in der Klinik war ich sofort tiefenentspannt. Ich konnte mich endlich mal bewegen, ohne dass ich überall zuckte. Aber mein Kreislauf ging in den Keller und hab es gerade noch so ins Bett geschafft. Ich muss aber sagen, es war ein sehr angenehmer Abend und eine richtig entspannte Nacht.

Während meiner restlichen Reha habe ich es dann vielleicht mit dem Kiffen etwas übertrieben. Klar hat es mir geholfen bei der Spastik und auch damit mit der neuen Situation psychisch klarzukommen. Aber ich habe mich nicht auf die anderen wichtigen Aspekte der Reha konzentriert. Im Nachhinein macht mich das schon nachdenklich. Vielleicht hätte ich ein paar Funktionen zurückgewinnen können, wenn ich mehr Fokus auf die Therapien gelegt hätte. Jetzt glaube ich, dass es falsch war mein neues Leben so zu beginnen.

2017 habe es dann mit Sativex versucht. Das ist ein Spray mit dem Cannabiswirkstoff THC. Am Anfang schien es zu helfen, aber nachdem ich es zweimal auf Rezept bekommen hatte, hab ich es wieder abgesetzt, weil es selbst bei Überdosierung nicht genug brachte.

Ab Anfang 2020 hatte ich medizinisches Cannabis auf Rezept erhalten. Seit 2017 gibt es eine gesetzliche Grundlage dafür, dass Krankenkassen Medikamente auf Cannabis-Basis übernehmen dürfen. Darum habe ich einfach mal ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt. Den Antrag habe ich selbst geschrieben und geschildert, warum ich eine Kostenübernahme haben möchte. Das bedeutet, ich bin auf meine bisherige Medikation, Therapien und die aktuelle Situation eingegangen. Mein Antrag wurde auch ganz schnell bewilligt – aber ich musste folgendes einsehen: Es tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Ich brauchte immer mehr Zeug, damit es überhaupt einen Einfluss auf die Spastik hatte. Irgendwann waren mir die Nebenwirkungen dann einfach zu hoch. Du kriegst den ganzen Tag nichts geregelt, wenn Du Dir morgens schon die Birne wegballerst. Für machen Leute mag das ein gangbarer Weg sein, aber ich habe noch viel vor. Ich arbeite in Teilzeit als Bürokaufmann und ich habe nebenher ein Studium in Filmproduktion angefangen. Darauf will ich mich konzentrieren und das geht nicht, wenn ich nicht mehr viel von meiner Umgebung mitbekomme. Seit Anfang 2021 habe ich mir jetzt kein Cannabis mehr verschreiben lassen.“

Und welche Auswirkung hat das auf Deine Spastik?

„Die ist da. Aber das war sie ja auch mit Cannabis. Ich rauche jetzt nur noch hin und wieder mal was, wenn die Spastik ganz extrem wird. Und dann hilft mir das zu entspannen, weil die Toleranzgrenze ja niedriger ist, wenn man es nur manchmal macht statt ständig.

Zudem werde ich es mit einer neuen Methode versuchen. Mit einer Verhaltenstherapie. Diese Therapie empfahl mir eine Krankenschwester, welche einen anderen Patienten mit ähnlich starker Spastik kennt und es ihm half. Oft spielt bei Spastik oder neuropathischen Schmerzen ja die Psyche eine Rolle und vielleicht habe ich die Querschnittlähmung oder auch andere Sachen aus meiner Vergangenheit doch noch nicht so verarbeitet wie ich mir das wünsche.“

Erzählst Du uns davon wie das läuft?

„Wenn es soweit ist, auf jeden Fall!“. 

Was würdest Du anderen Leuten mit Querschnittlähmung raten, die Cannabis zur Behandlung der Spastik versuchen wollen?

„Ihr solltet zuerst wirklich alles andere ausprobieren. Wenn ihr etwas findet, was euch hilft, müsst ihr nicht zu Cannabis greifen, was ja schon echt heftige Nebenwirkungen haben kann.

Und wenn ihr dann alles durch habt, und immer noch kiffen wollt, rate ich: Macht es nicht regelmäßig, sondern wirklich nur dann, wenn es nicht anders geht. Dann riskiert ihr keinen Gewöhnungseffekt und müsst die Dosis nicht immer erhöhen. Und ihr vermeidet die „Alles-egal“-Haltung, die euch den Alltag ganz schön verderben kann.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Siehe auch: Der Einsatz von Cannabis bei Querschnittlähmung


Sascha does it Tetrastyle

Auf seinem Blog Tetrastyle.de und seinem Youtube-Kanal berichtet Sascha Schrön über sein Leben mit Querschnittlähmung. In folgendem Video spricht er über die Konsequenzen seiner Spastik:

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Ein Leser hat uns zum Thema folgenden Kommentar zukommen lassen:

„Ich bin Tetraplegiker mit Polyneuropathie und seltener Krankheit und gelte schmerztherapeutisch als austherapiert.

Auch ich habe die gängigen Standard-Medikationen mit zahlreichen Nebenwirkungen durch.

Mein Antrag auf Genehmigung von Dronabinol wurde positiv beschieden. Wirkung hält auf einem halbwegs erträglichen Niveau. Nach Ersteinnahme langsame Steigerung der Dosis. Bislang keine negativen Auswirkungen auf Fahrverhalten Rollstuhl und Reaktionsvermögen.

Nachteil: Schmerzspitzen sind mit Dronabinol nicht beizukommen.

Da greife ich zur Dramabombe Temgesic.“

Ein Leser hat uns zum Thema folgenden Kommentar zukommen lassen:

Aufgrund von zwei Wirbelsäulenversteifungs-Operationen und nun einer inkompletten Querschnittslähmung bin ich schon seit Jahren auf relativ starke Schmerzmittel angewiesen. Opioide wie Tilidin wirkten zwar auf die Schmerzen, hatten aber auch erhebliche Nebenwirkungen, ich musste die Dosis steigern und die langfristige Einnahme von Opioiden hätte sich wahrscheinlich ungünstig auf meine Blase und Nieren ausgewirkt.

Nach dem Experimentieren mit CBD-Öl (mit einem THC-Gehalt von 0,2), mit dem ich bei dem 10 bis 15 % Öl in hoher Dosierung eine relativ gute Schmerzabdeckung erreichen konnte, bekomme ich nun seit November 2019 medizinisches Cannabis in Tropfenform verschrieben. Angefangen haben wir mit Dronabinol. Aber hier war für mich die Schmerzabdeckung, gerade auch an Tagen mit längeren Schmerzattacken nicht ausreichend. Danach sind wir zu Tilray in einer Dosierung 10 % CBD und 10 % THC übergegangen. Hiermit komme ich ziemlich gut zurecht. Eine Dosis-Erhöhung war bei mir noch nicht notwendig, anders als beim Tilidin.

Es gibt zwar immer noch Tage mit Schmerzattacken, diese sind aber weniger geworden. Ich denke, auch bei den medizinischen Cannabis-Produkten ist es wichtig, zu gucken, mit welchem der vielen Präparate komme ich am besten zu recht, also welche CBD-THC-Kombination bewirkt bei mir das Gewünschte. Beim medizinischen Cannabis weiß ich natürlich genauer, wie hoch die Bestandteile von CBD und THC sind. Eine fundierte Beratung bei einem Arzt, der sich darauf spezialisiert hat, finde ich wichtig, um für sich das richtige medizinische Cannabis-Präparat zu finden.

Die Redaktion dankt beiden Lesern für die Anregungen.