XXL-Modelle: Rollstühle für übergewichtige Menschen

Viele Menschen mit Querschnittlähmung sind übergewichtig – mal ein bisschen moppelig, mal ein bisschen mehr als nur moppelig. Wenn ein herkömmlicher Rollstuhl zu eng und zu schwach konstruiert ist, gibt es sogenannte Schwergewichtrollstühle, deren Nutzer bis zu 300 kg wiegen dürfen.

Mehrfach mit Design-Awards ausgezeichnet: Der Action Ampla von Invacare.

Stark übergewichtige Querschnittpatienten müssen „extrem vorsichtig“ positioniert werden, so formuliert es auf Anfrage Mirko Lenk, Medizinprodukte-Berater und Produktspezialist für Adipositas-Versorgungen bei der DIETZ Rehab. Prinzipiell unterscheide man zwischen Menschen mit apfel- und birnenförmigen Körperbau, wobei Frauen eher zur Birnenform neigen (Stichwort: Hüftgold) und sich bei Männern meist die Apfelform (Stichwort: dicker Bauch) findet. Beide Körperformen stellen bei der Rollstuhlanpassung ganz spezielle Anforderungen. Zum einen muss die Sitzbreite stimmen, aber auch die Sitztiefe muss exakt den speziellen körperlichen Gegebenheiten angepasst werden, so der Experte.

Bei den „Birnen“, also meist bei Frauen, rage oft der Po nach hinten, in diesem Fall müsse die Sitzfläche genügend Platz zwischen Becken und Rückenlehne gewähren und zugleich müsse, so Lenk, dafür Sorge getragen werden, dass der Rücken optimal gestützt wird. Die „Äpfel“, also meist Männer, bräuchten hingegen häufig eher Richtung Knie mehr Sitzfläche. Bei ihnen bestehe u. a. die Gefahr von Dekubitus auf den Oberschenkeln, hervorgerufen dadurch, dass der füllige Bauch auf den Oberschenkeln aufliegt. Um dies zu verhindern, könne z. B. eine Sitzposition in der leichten Abduktion (Abspreizung) gewählt werden. Oberkörper und Schenkel bilden dabei einen Winkel, der größer als 90 Grad ist, was wiederum dafür sorge, dass nicht zu viel Bauchgewicht auf den Beinen lastet. Auch eine leicht negative Sitzkantelung (leichtes Kippen der Sitzeinheit nach hinten) könne u. U. helfen, Dekubitus an den Schenkeln zu vermeiden.    

Nicht jeder dieser Tipps passe zu jedem übergewichtigen Rollstuhlnutzer. Die Anpassung des Rollstuhls muss daher äußerst sorgfältig durch einen Fachmann erfolgen – gerade Querschnittpatienten müssten „extrem vorsichtig“ positioniert werden. Der Rollstuhl müsse, so Lenk, optimal auf die individuelle Körpermaße, die Höhe der Lähmung und die damit verbundene Körperstabilität abgestimmt sein.

Gleiches gilt für die Entscheidung für ein bestimmtes XXL-Rollstuhlmodel. Zahlreiche Hersteller bieten entsprechende Modelle – teilweise auch in individueller Anfertigung – an. Im Folgenden sind einige Beispiele genannt. Die Liste stellt keine Empfehlung der Redaktion dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Invacare, Action Ampla

Der Action Ampla lässt sich zusammenklappen und dient dann als Gehhilfe.

Der Action Ampla wurde speziell für die Ansprüche bariatrischer (vom griechischen baros = schwer) Menschen mit einem Körpergewicht bis zu 300 kg entwickelt. Die ergonomische Rückenlehne stellt laut Hersteller die Armfreiheit von Menschen „sowohl mit apfel- als auch birnenförmigen Körpern“ sicher – und damit das Erreichen der Greifreifen. Der Rollstuhl lasse sich für unterschiedliche Aktivitätslevel einsetzen und fördere so die Unabhängigkeit und Mobilität. Eine besondere Eigenschaft dieses Rollstuhls ist die sogenannte Passierhilfe, um schmale Türen passieren zu können, denn ein Rollstuhl für Menschen mit bis 300 Kilogramm braucht eine gewisse Breite. Der Rollstuhl lässt sich kurzerhand hochkant aufstellen und anhand von vier frei beweglichen Transporträder durch die Tür schieben. Dabei stützt der Ampla den Nutzer wie ein Rollator beim Gehen und verleiht zugleich eine hohe Bewegungsfreiheit. Ein Feature, das zumindest (inkomplett) querschnittgelähmte Menschen mit einer gewissen Gehfähigkeit eventuell nutzen können.

Weitere technische Details:

  • Sitzbreite: Sechs Stufen (505 bis 755 mm)
  • Gesamtbreite: 710 bis 960 mm
  • Sitztiefe: 460 oder 510 mm
  • Sitzhöhe: in 25-mm-Schritten einstellbar
  • Rückenlehnen-Höhe: 425 bis 500 mm
  • Wendekreis: 1420 – 1660 mm
  • Gesamtgewicht: 27 kg, Transportgewicht: 19,5 kg
Für Menschen, die ein paar Kilos mehr auf die Waage bringen, gibt es spezielle XL-Rollstühle – hier das Modell „Max“ von Invacare, das für aktive Nutzer bis 180 kg gedacht ist.

Invacare, XLT Max Aktivrollstuhl

Stabil, robust und sicher ist laut Hersteller der XLT Max, der bis zu einer Sitzbreite von 600 mm erhältlich ist. Der wendige und leichte Rollstuhl ist laut Hersteller geeignet für aktive Rollstuhlnutzer, die bis zu maximal 180 kg wiegen. Ein Titan-Rahmen sorge für Stabilität und sei  „ideal für den täglichen Gebrauch“.

Weitere technische Details:

  • Sitzbreite: 505 – 605 mm
  • Gesamtbreite: 715 – 815 mm
  • Sitztiefe: 500 bis 600 mm
  • Rückenlehnenhöhe: 400 bis 490
  • Titan-Rahmen
  • Gesamtgewicht: 15,5 kg, Transportgewicht: 13,3 kg

Bischoff+Bischoff, ECON XXL

Das Karlsbader Unternehmen hat einige Modelle im Portfolio, die für stark oder sehr stark übergewichtige Nutzer konzipiert sind. Darunter fallen die Produkte S-ECO 300 XL, Pyro Light Optima XL, Pyro Light XL und der Elektrorollstuhl Neon XXL.

Für Menschen mit Querschnittlähmung empfiehlt der Hersteller den ECON XXL mit hochklappbaren Seitenteilen. Laut Hersteller-Beschreibung ist das Stahlrahmen-Modell ein „stabiler Begleiter mit einer Belastbarkeit von bis zu 250 kg.

Weitere technische Details:

  • Sitzbreiten: 60, 65 und 70 cm
  • Sitztiefe: 480 mm
  • Sitzhöhe: 500 – 550 mm
  • Rückenhöhe 460 – 535 mm
  • Gesamtbreite: Sitzbreite + 220 mm (gefaltet: 375 mm)
  • Gesamtlänge: 1100 mm (ohne Beinstützen: 860 mm)
  • Gewicht: 35,2 kg
Stabiler Begleiter mit einer Belastbarkeit von bis zu 250 kg: Der ECON XXL von Bischoff+Bischoff.

Ottobock, Avantgarde XXL 2

Außerordentliche Stabilität kombiniert mit einfacher Bedienbarkeit und zeitlosem Design – so beschreibt ottobock die Stärken seines Rollstuhl-Models Avantgarde XXL 2, „der für die Ansprüche von großen und kräftigen Menschen entwickelt wurde“. Die verbauten hochwertigen Materialien (verstärkter Aluminiumrohrrahmen, verstärkte Hohlkammerfelgen)  hielten das Eigengewicht so gering wie möglich. Konzipiert ist das Modell für ein Nutzergewicht bis 180 kg.

Weitere technische Details:

  • Sitzbreite: 460 – 620 mm
  • Sitzhöhe: vorne 460 – 530 mm, hinten 410 – 530 mm
  • Sitztiefe 400 – 560 mm
  • Gesamtlänge 790 – 1140 mm
  • Gesamtbreite 695 – 850 mm Gesamthöhe 700 – 1035 mm
  • Rückenhöhe 250 – 500 mm
  • Gewicht: 17 kg (Transportgewichte: Rahmen ca. 11,3 kg, Antriebsrad ab 2,15 kg)
In seiner Avantgarde-Linie hat Ottobock mit dem XXL 2 auch ein Modell für Nutzer bis 180 kg

DIETZ Rehab, tauron|rsi

Auch DIETZ Rehab hat mehrere Modelle aus der Kategorie XXL-Produkte im Angebot, unter anderem den CANEO_XL, Minimaxx oder Eclipse Tilt. Für Menschen mit einem Gewicht bis 150 kg gibt es den Adaptiv-Rollstuhl AS[01] – einen Allrounder geeignet für alle Krankheitsbilder. Querschnittgelähmten Schwergewichten empfiehlt das Unternehmen auf Nachfrage den variabel einstellbaren tauron|rsi. Er ist für Nutzer mit einem Gewicht bis 250 kg konzipiert. Rahmen, Sitzrahmen und Seitenteile sind aus Aluminium gefertigt, ein Abduktionsrahmen und die Abduktionsseitenteile gewährleisteten eine ergonomisch optimierte Sitzposition und erhöhten den Sitzkomfort für Adipositas-Patienten, so die Produktbeschreibung. Die hintere Sitzbreite lässt sich durch Schwenken der Seitenteilaufnahme um 9 cm verändern.

Weitere technische Details:

  • Sitzbreite: Vorne 60 – 75 cm, hinten 53 bis 77 cm
  • Sitztiefe: 36 – 43 cm/39 – 48 cm (durch Drehung der Sitzplatte)
  • Sitzhöhe: Drei Stufen (ohne Sitzkissen, 39, 43, 74 cm)
  • Gesamtlänge: 104/109 cm (ohne Beinstützen: 79/84 cm)
  • Gewicht: 28 kg
Kann sehr individuell an den Körper des Nutzers angepasst werden: Der Tauron|rsi von Dietz Rehab.



Die Gewichtskontrolle ist ein großes Thema bei Menschen mit Querschnittlähmung. Mehr zum Thema Gewichtsabnahme und gesunde Ernährung in den Beiträgen Was tun bei Übergewicht? Abnehmen bei Querschnittlähmung und  Ernährung und Energiebedarf bei Querschnittlähmung. Wer sportlich aktiv werden möchte, findet auf dem YouTube-Kanal von Der-Querschnitt.de Trainingsvideos. Diese Übungseinheiten hat das Team des Gesundheitszentrums der Manfred-Sauer-Stiftung auch für Menschen im Rollstuhl konzipiert.


Die im Text vorgestellten Produkte stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und wurden – falls nicht anders vermerkt – von der Redaktion nicht getestet. Der-Querschnitt.de ist ein Informationsportal und keine Verkaufsplattform. Sollten Sie Fragen zu einzelnen Produkten haben, wenden Sie sich bitte direkt an den Hersteller.