Digitalisierung: „Es muss unmöglich werden, Menschen beruflich nicht zu inkludieren“

„Alle haben Angst, dass die Digitalisierung ihnen den Job wegnimmt. Wir sagen: Die Digitalisierung hilft Menschen mit Behinderung, aktiv und produktiv zu arbeiten“, sagt Steffen Gerz vom wertkreis Gütersloh, einer Einrichtung der Behindertenhilfe. Sein Unternehmen hat mit DIAZ ein preisgekröntes Assistenzsystem entwickelt.

Projektionen machen alle Bereiche des Arbeitsplatzes auch aus einer sitzenden Position heraus sichtbar.

Die Buchstabenfolge DIAZ steht für Digitales Assistenzsystem. Im Aufbau ähnelt der Arbeitsplatz mit Assistenzsystem einem üblichen Montage- bzw. Verpackungsplatz. Allerdings mit ein paar kleinen, aber entscheidenden Unterschieden, an deren Ausgestaltung Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen mitwirkten.

Der Produktionstisch ist höhenverstellbar und damit an unterschiedliche Sitzhöhen anpassbar; zudem werden dadurch Dinge über Kopfhöhe greifbar. Zwei Beamer, ein kleiner PC, ein Bildschirm und ein Touchscreen-Monitor sorgen dafür, dass auch Menschen im Rollstuhl den Überblick über jeden Winkel und jede Station des Produktionsprozesses im Auge behalten können (was bei herkömmlichen Werkbänken oft nur Stehenden möglich ist).

Die digitalen Einheiten sind laut Gerz so programmiert, dass auch Nutzende ohne IT-Erfahrung sie entsprechend ihrer Bedürfnisse konfigurieren können: „Da durfte nichts dabei sein, was kompliziert programmiert werden muss.“

Federführend entwickelt wurde DIAZ in der Beruflichen Bildung des wertkreis‘ gemeinsam mit dem Fraunhofer IOSB-INA (Optronik, Systemtechnik, Bildauswertung und industrielle Automation).

Das komplette Assistenzsystem ist portabel und könnte deshalb auch jederzeit in einen Arbeitsplatz auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt platziert werden. Im Moment kommt die erste Generation dieser Systeme allein in den Standorten des wertkreis‘ zum Einsatz, denn noch ist das System ein paar Schritte von der Serienreife entfernt.

Einen Preis heimste das zukunftweisende System dennoch bereits ein: Es gewann den dritten Hauptpreis des Inklusionspreises NRW 2020, da es einen wichtigen Beitrag zur Inklusion von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt leiste, so Claudia Middendorf, Behindertenbeauftragte des Landes NRW.

Hilfsmittel treiben die berufliche Inklusion voran

Der wertkreis, der sich selbst als „Full-Service-Sozialdienstleister in der Behindertenhilfe“ sieht, setzt seit Jahren auch auf die Chancen der Digitalisierung.

Einige der rund 2.500 Mitarbeiter programmieren Software für 3D-Drucker – im Auftrag externer Firmen, aber auch, um den eigenen Kollegen die Arbeit zu erleichtern. Dadurch entsteht ein äußerst positives Paradoxon: „Die Kollegen, die das machen, mögen vielleicht privat einen extrem hohen Pflegebedarf haben, aber durch ihre Arbeit schaffen sie Hilfsmittel, die die berufliche Inklusion vieler Menschen mit Behinderung vorantreiben“, sagt Gerz.

Mit dem 3D-Drucker ist etwa für Werkbänke ein Getränkeöffner und -halter gefertigt worden, der an die jeweiligen motorischen Fähigkeiten des Arbeitnehmers angepasst ist. Sprich: Auch Menschen mit eingeschränkter Handfunktion oder Spastik, die Flaschen weder öffnen noch halten können, können nun zwischendurch einen Schluck trinken, wenn sie an der Werkbank arbeiten. Auch dieses Gadget gibt es leider derzeit nur für die Mitarbeiter des wertkreis‘.

Ebenfalls am 3D-Drucker entstand ein individuelles Tool für eine Mitarbeiterin mit Spastiken, die im wertkreis-Cafè bedient.  Dank Spezialhalterung am Rollstuhl kann sie nun ihre Gäste mit Getränken versorgen.

Althergebrachte Qualifikationen auf dem Prüfstand

Ein komplettes Assistenzsystem oder ein kleines, wichtiges Detail wie ein Flaschenhalter: Beides sind Beispiele dafür, wie Digitalisierung für die berufliche Inklusion genutzt werden kann. Die Geschäftsführung von wertkreis Gütersloh meinte dazu anlässlich der Preisverleihung: „Die althergebrachten Qualifizierungen werden nicht mehr allen Menschen mit Behinderung für den Arbeitsmarkt der Zukunft helfen. Wir alle müssen die Entwicklung digitaler Hilfsmittel als zukunftssichernde Maßnahme verstehen.“

Beide Beispiele zeigen, welcher Paradigmenwechsel durch die Digitalisierung möglich sein könnte. Gerz formuliert es so: „Die Technik ist da, man muss sie nur nutzen. Es muss unmöglich werden, Menschen nicht beruflich zu inkludieren.“

Weitere Beispiele für clevere Hilfsmittel von A wie Alltag bis R wie Rund ums Auto: Siehe Kategorie Hilfsmittel, interessante Prototypen werden in der Kategorie Forschung vorgestellt.


Der-Querschnitt.de betreibt keine Forschung und entwickelt keine Produkte/Prototypen. Leser, die an der beschriebenen Methode oder den vorgestellten Prototypen Interesse haben, wenden sich bitte an die im Text genannten Einrichtungen.