Höhenverstellbar und mit Handbremse: Bürostühle für Menschen mit Querschnittlähmung

Arbeiten heißt für viele querschnittgelähmte Menschen: Am Schreibtisch sitzen. Das kann man im Rollstuhl, in speziellen Bürostühlen mit Handbremse – oder vom Fernsehsessel aus. So macht es ein Der-Querschnitt.de-Leser.

Gerade für inkomplett gelähmte Para- oder Tetraplegiker können spezielle Bürostühle mit Handbremse Erleichterungen im Arbeitsalltag bringen.

Markus Günther ist Lehrbeauftragter für Ergonomie an der Hochschule Rhein-Waal und Geschäftsführer der (externer Link) Top Office Vision GmbH, einem Bürostuhlhersteller, der auch Modelle für Menschen mit besonderen körperlichen Bedürfnissen im Programm hat. Sprich: Bei ihm gibt es auch Bürostühle, die für Rollstuhlfahrer besonders geeignet sind. Gerade für inkomplett gelähmte Para- oder Tetraplegiker könnten solche Stühle im Arbeitsalltag Erleichterungen bringen.

Günthers Firma und auch einige andere Hersteller statten Bürostühle für Menschen mit körperlichen Einschränkungen auf Wunsch mit einem besonderen Feature aus: Einer Handbremse. Bei Günther werden die Stühle dafür mit einem Fußkreuz mit Bremssystem und Handhebel versehen. So kann der Benutzer die beiden hinteren Rollen arretieren und verhindern, dass der Bürostuhl ihm beim Transfer unterm Hintern wegrollt.

Das Fußkreuz hat übrigens noch eine weitere sicherheitsrelevante Funktion: Es dient als Evakuierungshilfe. Sollte das Gebäude zum Beispiel wegen eines Brandes evakuiert werden müssen, können die Beine des Rollstuhlnutzers schnell und sicher fixiert werden und der Betroffene direkt im Bürostuhl aus dem Gebäude gerettet werden.

Abklappbare Armlehnen erleichtern den Transfer zusätzlich. Zudem besteht die Möglichkeit, das Handbremssystem mit einem elektromotorischem Hubwerk zu kombinieren, um das Umsetzen noch komfortabler zu gestalten und die Sitzhöhe während der Arbeit einfach verändern zu können.

Mehr Ergonomie und Dynamik im Büroalltag

Soweit die Vorteile beim Transfer, die vermutlich vor allem für Menschen mit inkompletter Lähmung und einer gewissen Mobilität interessant sein dürften. Doch es drängt sich die Frage auf: Wofür braucht ein querschnittgelähmter Mensch einen speziellen Bürostuhl? Wieso kann er nicht einfach vom Rollstuhl oder – bei entsprechender Mobilität – vom normalen Bürostuhl aus arbeiten?

Darauf hat Günther einige Antworten parat. Zum einen sei ein Rollstuhl nun mal auch ein Transport-Gerät. Die Folge: Die Sitzfläche sei häufig nach hinten gekandelt – bei langer Arbeit am Schreibtisch sei es jedoch aus ergonomischer Sicht angeraten, das Gesäß nach vorne zu kippen und/oder die Sitzposition zu variieren – sofern dies dem Betroffenen aufgrund seiner Lähmung möglich ist: „Bürostühle sind dynamisch aufgebaut, weshalb ich da auch dynamisch sitzen kann. Querschnittgelähmte Menschen können auf einem Bürostuhl leichter aktiv ihre Sitzposition ändern, sofern sie über die entsprechende Motorik im Oberkörper verfügen.“

Außerdem ist, davon ist der Experte überzeugt, ein Bürostuhl „von der Oberkörperhaltung her“ zu empfehlen: „Wenn wir über Ergonomie reden, reden wir über Hals-Nacken-Probleme. Bei Rollstühlen sind selten die Armlehnen höhenverstellbar – beim Bürostuhl schon.“

Finanzielle Förderung möglich

Einfach ins nächste Möbelgeschäft fahren und sich irgendeinen Bürostuhl kaufen, ist aber gerade für Menschen mit Querschnittlähmung keine gute Option: „Der Bürostuhl muss bei querschnittgelähmten Menschen schon sehr individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse eingestellt werden“, sagt Günther. Zwar habe z. B. seine Firma eine ganze Reihe von potenziell für querschnittgelähmte Menschen geeignete Standard-Modelle, aber „wenn es sein muss, bauen wir so einen Stuhl auch ganz individuell auf“ – mit einer Sitzfläche, die an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst ist. Sogar der Einbau eines Anti-Dekubituskissens ist möglich. Das hat seinen Preis. Interessierte müssen mit mindestens 1100 Euro rechnen. Es besteht laut Günther jedoch unter Umständen die Möglichkeit, sich den Bürostuhl vom Integrationsamt fördern zu lassen.

Ein Fernsehsessel, Maus und Tastatur ergonomisch auf einem Knietablett positioniert – so hat sich Krieger seinen privaten Arbeitsplatz eingerichtet.

„Was sagt mein Popo?“

Auch Der-Querschnitt.de-Leser Hans Krieger verlässt zum Arbeiten gerne seinen Rollstuhl. Für den richtigen Untersatz beim Arbeiten gibt es für den inkomplett querschnittgelähmten 52-Jährigen zwei wichtige Kriterien: „Füße hoch! Und: Was sagt mein Popo?“, wie er auf E-Mail-Anfrage berichtet.

Unterstützt von Sitzkeilen und Sitzkissen kam Krieger auch mit einem herkömmlichen Stuhl zurecht.

Der Softwareentwickler nutzte in den vergangenen Jahren „einfach meinen alten Schreibtischstuhl weiter. Das Wegrollen ist bei meiner Mobilität kein Thema. Die Sitzhöhe kann ich auch im Sitzen ändern. Ansonsten vor dem Setzen auf maximale Höhe. Runter geht immer. Zusätzlich habe ich einen kleinen Hocker mit Polster genutzt, um die Füße hochzulegen.“

Zur Prävention hat er mit Sitzkeil und Sitzkissen gearbeitet, was rein technisch gut funktioniert habe, sich mit der Zeit aber für ihn unangenehm angefühlt habe. „Deshalb habe ich mir letztes Jahr einen Fernsehsessel gekauft. Elektrisch verstellbar bis in eine Liegeposition. Auch die Kopfstütze. Die Höhe kann ich allerdings nicht verstellen, das benötige ich aber auch nicht. Dafür kann ich ohne weiteres die Füße einfach hochfahren. Damit bin ich seit zwei Monaten unterwegs und sehr zufrieden. Allerdings meine ich ihn mir etwas zu weich gekauft zu haben – was keine konkreten Folgen für mich hat. Das ist eher eine Gefühlsfrage.“ Ganz wichtig, so sein Tipp, sie es, ausprobieren, zu prüfen und bei Teilen, die nicht verstellbar sind, besonders darauf zu achten, dass  auch wirklich alles passt.

Bei klassischen Bürostühlen sieht Krieger vor allem ein Problem: „Das wichtigste bei jedem Gestühl ist die Polsterung. Und die normalen Bürostühle scheinen mir zu fest.“ Und, so seine Erfahrung: Der richtige Stuhl allein macht noch keinen perfekten Arbeitsplatz. Dazu gehört mehr: „Wer nach Alternativen sucht, sollte darauf achten, dass die Polsterung stimmt und das Ganze praxistauglich ist. Ich zum Beispiel habe Tastatur und Maus auf dem Schoß, auf einem Knietablett, platziert.  Dabei habe ich auch darauf geachtet, dass ich mit ergonomischen Abständen arbeite.“ Krieger hat sein Arbeitszimmer stringent an seine Bedürfnisse und körperlichen Fähigkeiten angepasst. Auch der Schreibtisch steht auf Rollen, damit er den Abstand jederzeit anpassen kann.

Er kann seinen Stuhl auch mit Krücken nutzen, was er „extra geübt“ hat – und wobei seine Lähmungshöhe „natürlich auch eine Rolle spielt.“ Für ihn ist seine Lösung nahezu ideal – für Menschen mit anderen körperlichen Voraussetzungen vermutlich nicht. Weshalb es ihm wichtig ist, noch einmal zu betonen, wie relevant der Blick auf die Ergonomie und den individuellen Fall ist, wenn es darum geht,  einen möglichst perfekten Arbeitsplatz zu schaffen.


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