Querschnittlähmung in Indien: „Der Rollstuhl muss in der Fahrradwerkstatt repariert werden können.“

Andreas Wendl ist Bereichsleiter Pflege am Querschnittzentrum Tübingen und Sören Tiedemann ist Atmungstherapeut am Querschnittgelähmten-Zentrum Hamburg. 2015 hospitierten beide drei Tage in einer Klinik für Rückenmarksverletzte im indischen Neu-Delhi. Auf Der-Querschnitt.de berichten sie über ihre Erfahrungen.

Andreas Wendl und Sören Tiedemann im Indian Spinal Injuries Center, New Delhi

Andreas Wendl und Sören Tiedemann hatten 2015 einen Urlaub in Indien mit einem Besuch im Querschnittzentrum Indian Spinal Injuries Center (ISIC), New Delhi bei Dr. H.S. Chabra verbunden, wo sie drei Tage lang Einblicke in den Alltag vor Ort gewinnen konnten.

Die Pflege wird weitgehend von Angehörigen übernommen.

Das Querschnittzentrum in Neu-Delhi orientiert sich an Stoke Mandeville, weshalb es ihnen auf den ersten Blick überraschend vertraut vorkam. Was beide beeindruckend fanden: „Die Ergotherapie ist extrem praktisch ausgelegt. Wir waren z. B. in einem Raum, in dem es eine Wand mit vielen verschiedenen Tür- und Schrankgriffen gab. Damit haben die Leute geübt. Natürlich diente das auch zum Training der Handfunktion. Es war aber auch einfach dazu zu vermitteln, wie man im Alltag Türen aufschließt. Das war beeindruckend. Überhaupt ist das Rehabilitationszentrum sehr durchdacht aufgebaut. Alles mit kurzen Wegen, so dass die Kollegen und die Patienten sich schnell austauschen konnten, wenn das nötig war.“

Über die Situation von Menschen mit Querschnittlähmung in Indien

Ergotherapie in der Praxis.

„Die medizinische Versorgung bei Querschnittlähmung ist in Indien auf dem neusten Stand,“ da sind sich Wendl und Tiedemann einig, wenn sie über die Situation von Menschen mit Querschnittlähmung in Indien sprechen. „Das Personal im Indian Spinal Injuries Center ist top ausgebildet. Was allerdings ein Problem in Indien ist, ist die Prävention. Oder vielmehr die nicht vorhandene Prävention. Es sind schon sehr haarsträubende Gründe, aus denen die Menschen sich eine Querschnittlähmung zuziehen. Das sind Verletzungen im Beruf – Bauarbeiter fallen vom Gerüst oder Dinge fallen auf sie drauf – so etwas wie Arbeitssicherheit gibt es kaum. Die Situation im Straßenverkehr ist beängstigen und das nicht nur, weil die Verkehrsregeln Auslegungssache zu sein scheinen, sondern z. B. die öffentlichen Verkehrsmittel auch hoffnungslos überfüllt sind und manche auf dem Dach mitfahren. Es gibt auch Leute, die von Strommasten fallen, auf die sie geklettert sind, weil die Stromversorgung mal wieder zusammengebrochen war. Und dann gibt es noch die ganz abstrusen Geschichten: Wir hörten von einem Patienten , der vom Balkon fiel als er versuchte einen Affenangriff abzuwehren.“

Die Arbeitssicherheit ist ein Problem…

Für die Behandlungskosten müssen die Patienten selbst aufkommen. Zwar gibt es im Indian Spinal Injuries Center auch spendenfinanzierte Betten, aber darüber wo diese Spenden herkamen, wollte man Wendl und Tiedemann keine Auskunft geben. „Wir können eigentlich nur raten, dass der Leiter Dr. Chabra für die Kosten aufkommt und permanent versucht Spendengelder zu bekommen.“ Trotzdem bliebe vielen Patienten nichts anderes übrig, als einen Kredit aufzunehmen. „Und dieser Kredit muss abbezahlt werden, deshalb wird in Indien ein viel größerer Fokus darauf gelegt, die Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen“, so Wendl. „Die meisten Betroffenen, die ihren bisherigen Beruf nicht mehr ausüben können, machen eine Umschulung für einen Bürojob und die meisten arbeiten dann auch wieder in Vollzeit. Jetzt ist ein Vollzeitjob bei Querschnittlähmung nicht unbedingt die beste Idee, weil einfach alles länger dauert oder anstrengender ist, aber überhaupt wieder zur Arbeit zu gehen ist ja extrem wichtig, weil – wie die Erfahrung zeigt – eine sinnvolle Beschäftigung hilft, das Trauma zu verarbeiten und sich an die neue Situation zu gewöhnen. In Indien haben die Menschen nicht den Luxus das Für und Wider abzuwägen. Die müssen arbeiten gehen, denn es will ja nicht nur die Familie versorgt und der Reha-Kredit abbezahlt werden, sondern die Leute müssen auch alle Hilfsmittel selbst bezahlen.“

„Der Rollstuhl muss in der Fahrradwerkstatt repariert werden können.“

… ebenso wie die Sicherheit im Straßenverkehr.

„Aus diesem Grund ist man in Indien auch sehr offen gegenüber selbstgebauten Hilfsmitteln, z. B. Rollstühlen, was in Deutschland ja gar nicht möglich wäre“, berichtet Tiedemann. „Das Ziel ist es, den Rollstuhl so zu konstruieren, dass er in jeder Fahrradwerkstatt repariert werden kann. Denn die gibt es in Indien reichlich, während man nach einem Sanitätshaus schon länger suchen muss.“

Und auch was das Wiederverwenden von Hilfsmitteln angeht, die eigentlich nur für den einmaligen Gebrauch gedacht sind, seien die Menschen nicht zimperlich. „Ich denke da an die mehrmalige Verwendung von Kathetern. Den Betroffenen wird gezeigt, wie man bereits benutzte Katheter gründlich reinigt und dass man sie in Jute- oder Baumwollsäckchen aufbewahrt – und nicht in Plastiktüten, weil das ein Bakterienwachstum fördern könnte. Dazu gibt es ausgefeilte Anleitungen. Das ist natürlich nichts, was irgendjemand Betroffenen in Deutschland empfehlen würden. Aber wir hatten in der Klinik auch schon Patienten aus Südamerika, die ja irgendwann wieder in ihr Heimatland zurückwollten wo die Versorgungssituation ja eine völlig andere ist, und denen kann man schon erzählen, wie die Dinge in Indien gehandhabt werden.“

Wundheilung mit ayurvedischen Mitteln 

Religion ist in Indien ein allgegenwärtiges
Thema.

„Was mich auch sehr beeindruckt hat, war der holistische Ansatz bei der Wundheilung“, so Wendl. „Zur Prophylaxe und Behandlung von Dekubitus werden ayurvedische Mittel verwendet – und die Ergebnisse waren genauso gut wie die, die mit der westlichen Schulmedizin erreicht werden können. Das ist eine Methode, von der ich fände, dass sie in Deutschland durchaus Schule machen sollte. Aber diese Mittel sind in Europa einfach nicht zu bekommen oder nicht zugelassen. Letztes vielleicht sogar aus gutem Grund. Man verwendet z. B. das pulverisierte Mineral Borax. Das kommt war auch in Seife vor aber eben auch in Holzschutzmitteln. Ich bin recht sicher, dass man das als Laie nicht einfach mal so auf eine offene Wunde streuen sollte. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass die indischen Ärzte wissen, was sie tun. Die Erfolge habe ich ja mit eigenen Augen gesehen. Da war ich teilweise richtig neidisch. Außerdem ist der ayurvedische Ansatz auch etwas, was die Leute zuhause einfach umsetzen können und etwas, womit sie sich identifizieren. Mit Ayurveda wächst man hier auf. Man erwartet, dass es hilft. Und die Mittel sind besser erhältlich und erschwinglicher als westliche Hightech-Methoden.“

Das gelte auch für die Verarbeitung des Traumas. „Meditation gehört zur Therapie und hilft sich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. Die Menschen sind da sehr offen. In Deutschland findet sich kaum jemand, der sich für Meditation interessiert, weil sie ja oft als esoterischer Hokuspokus abgetan wird. Die Psychologin, mit der wir vor Ort gesprochen haben, hat uns versichert, dass sie damit gute Erfolge erzielt.“

Indisches Essen ist würzig und ballaststoffreich: Ein wichtiger Beitrag für ein geregeltes Darmmanagement.

In der Telemedizin weit voraus   

„In der Telemedizin ist man Indien sehr gut aufgestellt“, berichten beide beeindruckt. „Das muss man in so einem großen Land aber auch sein. Sie können als Patient nicht einmal die Woche zu einem Physiotherapeuten, der sich mit Querschnittlähmung auskennt, wenn der nächste drei Stunden weit entfernt wohnt. Deshalb gibt es Anleitungen über Messenger-Videos. Oder Urotherapeuten geben Pflegenden, die sich nicht so gut auskennen, Anweisungen. Das alles funktioniert, auch deshalb, weil der Datenschutz nicht so ein großes Thema ist. Im Vordergrund steht, den Menschen zu helfen.“

„Wir haben viele verschiedene hochinteressante Dinge gesehen, die sich aber nicht ohne weiteres für die Situation in Deutschland umsetzen lassen. Was sehr schade ist. Die Erfolge der Methoden waren offensichtlich und wir freuen uns, diese Erfahrung gemacht zu haben.“

Vielen Dank!

Siehe auch: Warum Inder mit Querschnittlähmung keine Verdauungsprobleme haben