Handbike mit integriertem Rollstuhl: Auch auf Tour selbstständig in den Supermarkt oder auf die Toilette

Mit dem „BikAble“ haben Münchener Forscher den Prototyp eines Hybrid-Rads entwickelt, das sich mit wenigen Handgriffen vom sportlichen Handbike in einen alltagstauglichen Rollstuhl verwandeln lässt. Auf Tour können damit auch querschnittgelähmte Sportler einen Einkehrschwung in einer Hütte machen oder im Supermarkt einkaufen.

Aus 1 mach 2: Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Handbike in einen Rollstuhl verwandeln

Handbikes sind bei Menschen mit Querschnittlähmung beliebte Sportgeräte. „Handbiken ist für mich Freizeit und Freiheit“, erklärt zum Beispiel Anna Schaffelhuber, siebenfache Paralympic-Siegerin im Monoskifahren. Das Handbike stehe für sie für die Natur: „Ich kann damit in die Berge fahren“, wird die Ausnahmesportlerin in einer Pressemitteilung der Technischen Universtät München (TUM) zitiert.  

Sie war daher auch die erste Ansprechpartnerin für Ingenieur Emil Wörgötter, der sich in seiner Masterarbeit an der TUM mit der Verbesserung dieses Sportgerätes für Menschen mit Behinderungen auseinandergesetzt hat. Denn die bisherigen Systeme haben, so die Pressemitteilung, einen Nachteil: Wer auf Tour ist, hat den Rollstuhl nicht dabei und ist daher auf fremde Hilfe angewiesen, wenn er Pause machen, eine Toilette aufsuchen oder eine Erfrischung kaufen möchte.

Hybrides Design: Im Entwurf sieht das „BikAble“aus wie ein Handbike, ist aber auch ein Rollstuhl.

Umbau mit wenigen Handgriffen

Der Ingenieur und Sportwissenschaftler hat deshalb ein hybrides Design entwickelt, das die Funktionen „Sportgerät“ und „Rollstuhl“ in einem Gefährt vereint. „BikAble“ sieht auf den ersten Blick aus wie ein Handbike, lässt sich aber mit wenigen Handgriffen in einen Rollstuhl umbauen. Nutzende sind im Idealfall auf keinerlei Hilfe von Dritten angewiesen. Im Sitzen kann ein stützendes Drittrad, das sich vor den beiden Hinterrädern des Handbikes befindet, ausgeklappt werden. 

Anschließend lassen sich Vorderrad samt Antriebskurbel abkoppeln. Mit Hilfe einer Gasdruckfeder wird der Sitz in die aufrechte Alltagsposition hochgefahren. Fertig ist der Rollstuhl, mit Fahrer oder Fahrerin sich autonom bewegen und beispielsweise eine Berghütte oder einen Supermarkt aufsuchen können. Ist die Pause beendet, lässt sich das Vorderteil wieder mit der Rollstuhlkonstruktion verbinden, das Stützrad fährt ein, der Sitz klappt zurück in die liegende Position, und schon kann’s weitergehen.

Ergonomie und Design

„Entscheidend für das Design waren ergonomische Überlegungen“, berichtet Wörgötter. Die Positionen von Sitz, Lehne und Fußrasten können an die Proportionen angepasst werden. Auch die Gasdruckfedern sind, je nach Körpergewicht, individuell einstellbar. Und der abgekoppelte Rollstuhl ist so ausgelegt, dass man mit ihm in Gebäuden manövrieren und Türen durchfahren kann. 

Gleichzeitig ist die Konstruktion sehr stabil und flexibel: Ein tiefer Schwerpunkt verhindert ein Umkippen – egal ob ein Hobbyfahrer mal über eine Bordsteinkante fährt oder ein Leistungssportler im steilen, unwegsamen Gelände unterwegs ist. Auch der Einbau eines unterstützenden E-Motors ist möglich.

Hybrid-Rad ermöglicht mehr Autonomie

Konzept und die Konstruktion am Rechner sind abgeschlossen. Als nächstes muss ein Prototyp gebaut werden. Dafür führt der junge Forscher derzeit Gespräche mit verschiedenen Herstellern. „Die konstruktive Umsetzung des Konzepts würde gehbehinderten Menschen die Möglichkeit geben, autonom mobil zu sein und gleichzeitig Herz und Kreislauf zu trainieren. Eine ideale Kombination“, urteilt Veit Senner, Professor für Sportgeräte und Materialien, der die Masterarbeit betreut hat.

Dass es ein solches Hybridbike für Rollstuhlfahrer nicht schon längst gibt, liegt seiner Ansicht nach daran, dass die Sportgeräteentwicklung für Körperbehinderte lange vernachlässigt wurde: „Da haben wir immer noch einen enormen Nachholbedarf.“

Für die Forschung sei dies allerdings eine Chance, betont Senner: „Wir haben bei der Entwicklung neuer Konzepte – und das BikAble ist ein gutes Beispiel dafür – die Möglichkeit, interdisziplinär zu arbeiten und materialwissenschaftliche, biomechanische, physiologische und psychologische Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen.“