Fragen zu Covid-19-Impfungen und Menschen mit Querschnittlähmung

Auch Menschen mit Querschnittlähmung stehen derzeit vor der Entscheidung, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen oder nicht. Viele haben Bedenken und Fragen zum Zusammenspiel Impfung und Querschnittlähmung. Judy Stone, Autorin des Forbes Magazine, setzte sich mit dem Thema bei einer Podiumsdiskussion der US-amerikanischen Organisation Independence Amplified Maryland auseinander.

Viele Menschen fühlen sich, was die Impfkampagne im Kampf gegen das Covid-19 Virus betrifft, nicht richtig aufgeklärt. Menschen mit Vorerkrankungen sind hier in besonderem Maße betroffen, da sie befürchten, von Nebenwirkungen stärker beeinträchtigt zu werden als Gesunde. In den USA hat eine Umfrage unter Menschen mit Querschnittlähmung ergeben, dass nur 60 % der Befragten das Gefühl hatten, genügend Informationen über die Sicherheit des Impfstoffs für Menschen mit Querschnittlähmung erhalten zu haben. Auch wurde bemängelt, dass es keine Informationsangebote speziell für Menschen mit Querschnittlähmung gibt, so Ian Ruder, Herausgeber der Zeitschrift New Mobility und Initiator der Umfrage. Einige Betroffenen hätten das Gefühl, ein erhöhtes Risiko für Komplikationen durch den Impfstoff zu haben; andere waren besorgt, dass es nicht genügend Informationen speziell für Menschen mit Autoimmunkrankheiten gäbe.

Bei der digitalen englischsprachigen Podiumsdiskussion „Covid-19 Vaccine And People With Spinal Cord Injuries“ (COVID-Impfstoffe und Menschen mit Querschnittlähmung) im Frühjahr 2021 konnten Betroffene Fragen hinsichtlich ihrer Bedenken und eingeschränkter Impfbereitschaft einreichen. Dabei wurde am häufigsten die Funktionsweise des Impfstoffs, die Infektanfälligkeit nach der Impfung und die möglichen Nebenwirkungen für Menschen mit Querschnittlähmung angesprochen. Fragen waren z. B.:   

  • Wenn der Körper aufgrund einer Behinderung in seinen Funktionen eingeschränkt ist, sollte man ihn der Gefahr einer Impfung aussetzen?
  • Was sind die häufigsten Nebenwirkungen der Impfung und gibt es neue oder abweichende Nebenwirkungen bei Menschen mit Querschnittlähmung?
  • Sind die Impfstoffe ausreichend für den Einsatz bei Menschen getestet?
  • Können die Impfstoffe Blutgerinnsel oder Atemprobleme verursachen?

Erfahrungswerte fehlen

Inwieweit diese Fragen beantwortet werden können, ist noch weitgehend offen, da es situationsbedingt keine Erfahrungswerte zur Impfung gegen Covid-19 bei Menschen mit Querschnittlähmung gibt.

Im Januar 2021 hatten die Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie (DMGP), die Deutsche Stiftung Querschnittlähmung (DSQ) und die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ) eine gemeinsame Stellungnahme zur Impfpriorisierung von Menschen mit Querschnittlähmung verfasst. Darin hieß es u.a.: „Um die vorgeschlagene Priorisierung durch die ständige Impfkommission umzusetzen, müssen Menschen, die zuhause leben, aber Pflege oder Assistenz benötigen (z.B. Menschen mit einer hohen Querschnittlähmung, Tetraplegie), denjenigen gleichgestellt werden, die in Pflege- oder Wohneinrichtungen leben. Auch das hier ambulant tätige Personal muss mit Priorität geimpft werden, um das Ansteckungsrisiko für die Betroffenen zu minimieren. Die Empfehlung in Hinblick auf eine Priorisierung gilt auch für Paraplegiker mit wesentlichen Einschränkungen der Atmungsfunktionen sowie gravierenden Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems.“

Diese Aussage bezieht sich allerdings lediglich auf die Notwendigkeit einer schnellen Impfung im Hinblick auf die Pandemie und die Folgen, die eine Erkrankung mit sich brächte. Eine Aussage zu möglichen Nebenwirkungen einer Impfung bei Menschen mit Querschnittlähmung konnte von Fachgesellschaften nicht vorgenommen werden, da keine Daten zum gegenwärtigen Impfgeschehen in Deutschland vorliegen.

In den USA ergab die genannte Umfrage, dass die Nebenwirkungen bei Menschen mit Querschnittlähmung generell vergleichbar seien mit denen von Fußgängern. Es gab zwei Ausnahmen: Zum einen berichteten einige Patienten mit spinaler Muskelatrophie über verstärkte Schmerzen oder Schwäche nach der Impfung, zum anderen besteht das Risiko einer autonomen Dysreflexie. Diese seltene Komplikation kann bei Menschen mit Querschnittlähmung bei einer Lähmungshöhe von Th6/7 oder darüber auftreten (siehe: Was geschieht bei einer autonomen Dysreflexie?), wenn z. B. eine Injektion oder ein anderer schmerzhafter Reiz unterhalb der Lähmungshöhe auftritt. Da die Injektion in den Deltamuskel am Oberarm erfolgt, könnten Menschen mit einer höheren Lähmung betroffen sein. Diese Nebenwirkung ist allerdings nicht spezifisch für die Covid-19 Impfung, sondern kann bei allen Impfungen auftreten, wenn diese unterhalb der Lähmungshöhe verabreicht werden.

Ist der Impfstoff für Menschen mit Querschnittlähmung sicher?

Suzanne Groah, Leiterin der Forschungsabteilung für Rückenmarksverletzungen am MedStar National Rehabilitation Network, erläuterte bei der Podiumsdiskussion die Entwicklung des Impfstoffs und den klinischen Testprozess. Sie versicherte den Zuhörern, dass „die Tests in keiner Weise überstürzt wurden… Der Teil, der abgekürzt wurde (durch eine Notfallzulassung), war die langfristige Nachuntersuchung.“ Ansonsten war der Prozess der klinischen Prüfung ähnlich dem eines jeden Impfstoffs. „Es waren qualitativ hochwertige klinische Studien…“ Groah betonte zudem, dass die Auswirkungen einer Covid-19-Infektion weitaus erheblicher seien als die Nebenwirkungen der Impfung. Die genannten Nebenwirkungen, wie autonome Dysreflexie oder erhöhte Nervenschmerzen nach der Impfung, hätte sie in ihrem Arbeitsalltag mit Menschen mit Querschnittlähmung nicht gesehen.

Die Autorin des Beitrages Covid-19 Vaccine And People With Spinal Cord Injuries, Judy Stone, erklärte in der Diskussionsrunde, dass die mRNA-Impfstoffe keine lebenden Viren verwendeten und auch nicht mit menschlicher DNA interagierten. Beide Typen veranlassten die menschlichen Zellen, das Covid-19-Spike-Protein zu produzieren und lehrten die Zellen, Antikörper gegen das Virus zu erkennen und zu entwickeln.

Die große Sorge von Menschen mit Querschnittlähmung sei es, dass der Impfstoff Blutgerinnsel verursache, wofür sie bereits prädisponiert seien oder Atemprobleme verschlimmere. Stone versuchte die Risiken zu relativieren, indem sie aufzeigte, dass z. B. ein Blitzschlag 1 von 700.000 Menschen pro Jahr in den USA (1,3/Million) träfe. Das Risiko von Blutgerinnseln durch Beinvenenthrombose bei Querschnittlähmung (siehe: Thromboserisiko bei Querschnittlähmung) läge bei 100.000/Million, durch Rauchen bei 18/Million und bei Covid-19-Infektion bei 165.000/Millionen.

Einen Vergleich hierzu stellt auch das Ärzteblatt.de an:

„Die Inzidenz der (in einer Studie untersuchten) Portalvenenthrombosen (PVT) lag nach einer COVID19-Diagnose bei 436,4 pro Million. Im Vergleich dazu erkrankten nach einer Influenza 98,4 Personen pro Million an einer PVT und nach einer Impfung mit einem mRNA-Vakzin 44,9 pro Million.“

Stone schließt mit folgender persönlichen Beobachtung ab: „Die Sterblichkeitsrate durch eine Covid-19-Infektion liegt bei fast 2 %. Im Kontext verblassen die Risiken der Impfung im Vergleich zu anderen Risiken, denen wir ausgesetzt sind. Diese Impfstoffe haben sich als bemerkenswert sicher und wirksam erwiesen. Ich bin erleichtert und dankbar, dass ich und meine Familie geimpft werden konnten, und ermutige andere, dies ebenfalls zu tun.“

Zum ausführlichen Originalbeitrag geht es hier: Covid-19 Vaccine And People With Spinal Cord Injuries (forbes.com)

Informationen zur Covid-Impfung für Menschen mit Multipler Sklerose gibt es hier.


Ein Leser kommentiert hierzu:

Mein Krankheitsbild: Ataxia teleangiectasia (AT) ist eine Kombination von schwerer kombinierter Immunschwäche (hauptsächlich der humoralen Immunantwort) mit progredienter zerebellärer Ataxie. Das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch neurologische Symptome, Teleangiektasien, erhöhte Anfälligkeit für Infektionen und erhöhtes Krebsrisiko. Die Prävalenz beträgt 1:100 000 im Mittel. Die im Artikel gegebenen Informationen überzeugen mich auch jetzt nicht, einer Impfung zuzustimmen. Wir, die „Seltenen“ stehen eh ganz, ganz weit hinten!