inContAlert – Das App-System zur Messung des Blasenfüllstands

Dieser Prototyp könnte bei neurogener Dysfunktion des unteren Harntraktes ganz hilfreich sein: Ein Sensor misst den Füllstand der Blase und zeigt ihn via App auf dem Smartphone an. Der Nutzer soll so auf seinem Handy nachschauen können, wann der nächste Zeitpunkt zum Aufsuchen der Toilette ist – oder er wird benachrichtigt, bevor es zu einer ungewollten Ausscheidung kommt.

Von Inkontinenz sind in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen betroffen (Uni Bayreuth, 2019), wobei bis zu 20 % davon eine neurogene Dysfunktion des unteren Harntraktes haben. In diesem speziellen Fall gibt es zwei Szenarien: Ab einem kritischen Füllstand kann es dazu kommen, dass sich die Blase unkontrolliert entleert oder dass sie verkrampft und sich so der Urin ins Nierenbecken zurückstaut. Das kann zu gravierenden gesundheitlichen Schäden führen (siehe auch: Blasenfunktion bei Querschnittlähmung).

„Nicht nur aufgrund des gesellschaftlichen Gesichtsverlusts eines ungewollten Urinabgangs ist es uns deshalb ein großes Anliegen, dieses Problem schnellstmöglich zu lösen“, erläutern die Erfinder des inContAlert-Systems Jannik Lockl und Tristan Zürl. „Gerade Querschnitt-, Multiple Sklerose- und Parkinson-Patienten leiden täglich unter dieser Gefahr, welche bald der Vergangenheit angehören soll!“

Mit einer patentierten non-invasiven und wiederverwendbaren Kombination aus Sensortechnologie und Smartphone-App soll Betroffenen nun geholfen werden, die Kontrolle über den Alltag zurückzuerlangen. Die Macher hoffen zudem darauf, dass das System im medizinischen und Pflege-Umfeld den Einsatz von Ressourcen optimieren und für effizienteres und individuelles Miktionsmanagement sorgen wird.

Der Sensor

Der Blasenfüllstand wird mit einem Sensor gemessen, der durch ein Bauchband, ein Pflaster oder durch Anklippen an der Unterwäsche einige Zentimeter über dem Schambein befestigt wird. Dieser Sensor misst kontinuierlich den Füllstand der Blase und sendet diese Informationen an die zugehörige App auf z. B. das Smartphone oder die Smartwatch.

Funktionieren tut dies über eine patentierte Sensoreinheit bestehend aus sechs LEDs, die in verschiedenen Wellenlängen des Nahinfrarotbereichs in den Bauchraum strahlen. Die Reflektionen der LEDs werden von einer Fotozelle einzeln detektiert und via Bluetooth an das Empfangsgerät übermittelt.

Die Daten

Dadurch, dass unterschiedliche Gewebearten im Körper das Licht der Nahinfrarot-LEDs unterschiedlich zurückwerfen gibt es Variationen in Stärke und Zusammensetzung des Lichts, welches im Fotosensor registriert wird. Diese Variationen können interpretiert und so der Blasenfüllstand sowie die Zeit zur nächsten Entleerung berechnen werden.

Die App

Die App wird einfach auf z. B. dem Smartphone installiert und Mithilfe der zugesandten Informationen informiert die App den Nutzer übersichtlich über den aktuellen Füllstand der Blase und wann diese voraussichtlich wieder entleert werden muss.

Eine weitere Benachrichtigung wird gesendet, wenn ein kritischer Füllstand erreicht wird, damit eine rechtzeitige, geplante Entleerung erfolgen kann. Ungeplante Entleerungen und Katheterisierung auf Verdacht gehören damit der Vergangenheit an und der Nutzer gewinnt zu einem erheblichen Grad die Kontrolle über die Blase zurück.

Preisgekrönt

Die Bayreuther Forscher Jannik Lockl (l.) und Tristan Zürl. Mit ihrem ‚Medical Valley Award‘-prämierten Wearable ‚inContAlert‘ wollen die beiden das Leben von Inkontinenzpatienten erleichtern: Eine App zeigt den Blasen-Füllstand und den Zeitpunkt des nächsten Toilettengangs an.

Das System machte erstmals 2019 von sich reden, als Lockl und Zürl den „Medical Valley Award“, den mit bis zu 250.000 Euro dotieren Vorgründungspreis des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, gewannen. 2019 und 2020 erfolgten respektiv die Einreichung des deutschen bzw. europäischen Patentantrags sowie In-Vivo Testmessungen und Start von sowohl Verhaltens- als auch klinischer Studien.

Kosten und Markteinführung

Wann das System auf den Markt kommen wird und mit welchen Kosten Endverbraucher rechnen müssen, ist derzeit noch unklar. Die Macher hoffen auf eine schnelle Markteinführung, eine diesbezügliche Anfrage der Redaktion blieb bisher allerdings unbeantwortet.

Ein ähnliches System, das nicht nur den Blasenfüllstand misst, sondern auch eine Entleerung der Blase steuern soll, wird gerade in den USA zur Marktreife gebracht. Siehe: Connected Catheter – Per SMS zur Blasenentleerung