Kristina Vogel: Immer noch ich. Nur anders

Kristina Vogel war die erfolgreichste Bahnradsportlerin der Welt bis sie sich 2018 bei einem Trainingsunfall eine Querschnittlähmung zuzog. In ihrem 2021 erschienenen Buch „Immer noch ich. Nur anders“ beschreibt sie voller Optimismus, wie sie sich ihr Leben zurückholte. Wie sie sich heute für Menschen mit Behinderung und gegen Barrieren einsetzt. Und was ihr darüber hinaus wichtig ist.

Kristina Vogel ist 2018 die erfolgreichste Bahnradfahrerin der Welt – mit Olympia-Gold in London und Rio und elf WM-Titeln. Eine 27-jährige Top-Athletin, die schon früh ihre Leidenschaft für den Radsport entdeckte, mit ihrer Jugendliebe Michael zusammenlebt und als Profi den Zenit erreicht hat. Bis zu dem Tag, der alles verändert: Im Training kollidiert sie mit voller Geschwindigkeit mit einem Fahrer, der fälschlich mitten in der Bahn steht. Sie landet querschnittgelähmt auf der Intensivstation und im Koma. Seitdem ist sie vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt.

In „Immer noch ich. Nur anders“ erzählt Vogel von ihrem Leben vor und nach Eintritt der Querschnittlähmung. Beim Lesen wird klar, dass die Disziplin und die Zuversicht, die Vogel zu einer Weltklassesportlerin machten, ihr helfen ihre neue Situation anzunehmen und ein erfülltes glückliches Leben im Rollstuhl zu führen.

„Ich bin gefallen, ich kann auch wieder aufstehen.“

Im ersten Drittel des Buches werden Vogels Kindheit und Jugend sowie ihre Begeisterung für und ihre Erfolge im Radrennsport thematisiert. Sie schildert die Meilensteine ihrer Karriere, die unterschiedlichen Glücksmomente, aber auch den Druck, der mit jedem Sieg größer wurde. Im zweiten Drittel geht es um den Unfall, der ihr Leben für immer veränderte, um Krankenhausaufenthalte, die ersten Auftritte in der Öffentlichkeit und wie sie sich mit Optimismus und Liebe zum Leben und ihrer Familie zurück kämpft. Der dritte Teil beschreibt Vogels neues Leben mit Querschnittlähmung, ihre angehende Karriere als Moderatorin und ihr politisches Engagement in ihrer Wahlheimat Erfurt.

Wie liest es sich?

Vogel schreibt nicht alleine; bei der Aufbereitung ihrer Erfahrungen für ihr Buch steht ihr Matthias Teiting zur Seite, der ihre Gedanken in geordnete, gut zu lesende Sprache umsetzt. Wo andere Erzähler, die schwere Schicksale verarbeiten, ausschweifend werden können, bleibt „Immer noch ich. Nur anders“ sachlich, gewährt aber dennoch Einblick in das Geschehen.  

Vogels Beschreibung des Unfalls, ihrer Rehabilitation direkt danach, ihre Schmerzen, die Angst, die Halluzinationen, die sie wegen der Medikamente hat, und der Bemühungen ihrer Familie, ihr durch diese schwere Zeit zu helfen, sind sehr bewegend. Ebenfalls berührend ist es zu lesen, welche Umstände ihr helfen, z. B. Grimms Märchen und welche (banalen, jedoch nachvollziehbaren) Dinge ihr wichtig sind, z. B. die erste Dusche und das erste Haarewaschen nach je zwei Wochen Intensiv- und Normalstation. Durch den Anblick ihres Körpers im Spiegel bekam Vogel ein Gefühl dafür, wer sie selbst noch war. „Es war schön, meinen Körper wiederzusehen, diese tapfere, unverwüstliche Hülle“, schreibt sie. Und: „… sie (die Pflegepersonen) rasierten mir sogar die Beine, und das sah zwar niemand, es war aber ein unschlagbar gutes Gefühl – eine Frau war ich also auch noch.“

Vogel macht keinen Hehl daraus, wieviel sie die neue Situation und die Rehabilitation kosten; trotzdem gewinnt man beim Lesen schnell den Eindruck, dass sie in ihrem neuen Leben angekommen ist. Sie und ihr Rollstuhl werden ein „wir“. Und das nur drei Jahre nach ihrem Unfall. Sie kommt zu dem Schluss: „Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Möglichkeiten – das darf man nicht vergessen. Die Welt ist nicht gerecht. Aber alle können etwas dafür tun, dass es in ihren Leben vorangeht. Das Leben spielt mit, es ist auf unserer Seite und gibt die guten Dinge zurück. Es ist eine gute Entscheidung, glücklich zu sein. Ich möchte glücklich sein, also bin ich`s. Und du kannst das auch.“

Über Kristina Vogel

Kristina Vogel, 1990 in Leninskoje in der damaligen Sowjetunion (heute Kirgisien) geboren, kam als Baby mit ihrer Mutter nach Deutschland. 2007 und 2008 wurde sie sechsfache Juniorenweltmeisterin im Bahnradsport. Als erste Deutsche gewann sie 2012 und 2016 olympisches Gold; als zweifache Olympiasiegerin mit elf Weltmeistertiteln ist sie die weltweit erfolgreichste Bahnradsportlerin. Seit dem schweren Trainingsunfall 2018 ist sie querschnittgelähmt.

Mit ihrem langjährigen Lebensgefährten, dem ehemaligen Radsprinter Michael Seidenbecher, lebt sie in Erfurt. Im Mai 2019 wurde sie als Parteilose in den Erfurter Stadtrat gewählt. Sie erhielt zahlreiche Ehrungen, u. a. als deutsche Radsportlerin des Jahres 2018.

Das Buch

  • Immer noch ich. Nur anders
  • Von: Kristina Vogel mit Matthias Teiting
  • Seiten: 270
  • ISBN: 978-3-89029-533-6
  • Preis: ca. 20 Euro (Stand: Mai 2021)