Meine Querschnittlähmung und ich: 36 Grad und es wird noch heißer…

Als Tetraplegiker ist mir tendenziell eigentlich immer zu kalt. Deshalb sollte man meinen, dass ich mich freue, wenn die Tage saharamäßig und die Nächte tropisch sind. Tu ich aber nicht. Denn mit steigenden Temperaturen, steigt für mich auch die Gefahr einer Überhitzung. Trotzdem fällt es mir schwer, Vernunft anzunehmen….

Es ist Samstagnachmittag und ich mache mich auf zum Handbiken. Draußen hat es 36 Grad und meine Frau ist nicht begeistert, als sie mich in meinem Trainingsoutfit sieht.

„Was glaubst du, machst du da?“ fragt sie mit hochgezogenen Brauen.

„Sport“, sag ich und setze meine Kappe und mein charmantestes Lächeln auf.

„Bei der Hitze?“ beginnt sie. „Findest du das nicht…?“

„Macho?“

„Leichtsinnig? Lebensgefährlich? Dumm?“

„Nee, find ich gar nicht.“

Meine Frau lacht. „Du gehst nur ein Bier trinken, stimmt‘s?“

Ich überleg kurz, was für eine Antwort sie hören will und sag dann die Wahrheit. „Eher so zwei oder drei…“

„Und wie findest du unbotmäßigen Alkoholkonsum bei der Hitze?“

Ich roll mit den Augen und flöte: „Leichtsinnig? Lebensgefährlich? Dumm?“

Meine Frau küsst mich und sagt: „Übertreib‘s einfach nicht, okay?“

Drohende Hitzeschäden

Es ist so: Um den Körper auf Betriebstemperatur zu halten, bedient er sich zweier Mechanismen, dem Zittern, wenn’s kalt ist, und dem Schwitzen, wenn’s heiß ist. Dank Querschnittlähmung kann ich unterhalb der Läsionshöhe weder das eine noch das andere. Deshalb muss ich Ausgleichsstrategien finden, die mich vor Temperaturextremen schützen. Im Sommer ist das nicht so einfach, weil ich oft gar nicht merke, was ich meinem Körper antue, bis es zu spät ist. Ich weiß zwar, dass starke Sonnenbestrahlung, Hitze und Alkohol (oder gar eine Kombination aus allen dreien) nicht gut für mich sind, aber, ach, Sie wissen ja, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

Ich reagiere, wenn’s dumm läuft, mit so unlustigen Symptomen, wie Benommenheit, Kreislaufproblemen, Panikattacken und Muskelkrämpfen und muss dann schleunigst ins Kühle. Schlimmer ist es, wenn stechende Kopfschmerzen und Fieber hinzukommen, denn das weist auf einen Hitzschlag hin, und da muss man den Notarzt rufen. Immerhin: geschwollene Gliedmaßen bleiben mir bei großer Hitze wegen meiner Spastik meist erspart.

Cool bleiben

Es gibt schon ein paar Möglichkeiten, wie man auch im Rollstuhl cool bleiben kann. Zum Beispiel gibt es Hersteller, die Rollstühle mit Kühlkissen ausstatten. Oder man rüstet mit kostengünstigeren Sitzkissen oder Kleidung mit Kühlfunktion auf. Man muss viel (Wasser!) trinken, um einer Dehydrierung vorzubeugen. Und dann gibt es ja auch immer noch die gute alte Sprühflasche, die ich immer dabeihabe. Damit nebelt man sich einfach ein und die Flüssigkeit hat den gleichen Effekt wie natürlich gebildeter Schweiß auf der Haut: Sie kühlt beim Verdunsten. Neulich habe ich gesehen, dass es so etwas auch fertig zu kaufen gibt. Sieht aus wie die Haarsprayflaschen meiner Mutter aus den 90ern bevor es Pumpsprays gab und enthält nur Wasser und Konservierungsmittel. Der Gipfel der Dekadenz, finde ich, und nutze patzig meinen Pflanzensprühdings aus dem Baumarkt.

Die wichtigste Regel ist für mich allerdings: keine körperliche Anstrengung bei großer Hitze! Weshalb ich auch wirklich nur bis zum nächsten Biergarten fahre, mich in den Schatten parke, ein Radler mit meinen Biker-Kumpels trinke und dann so langsam wieder heimwärts tuckere, dass ich selbst dann nicht ins Schwitzen geraten würde, wenn ich es könnte.

Schwitzen und wozu es noch gut sein kann

Apropos Schwitzen: Wenn ich mal so richtig in Schweiß ausbreche, dann deshalb, weil mich eine autonome Dysreflexie heimsucht. Dabei verursacht ein noxischer (schädlicher) Reiz unterhalb der Lähmungshöhe eine körperliche Reaktion, die den Kreislauf so durcheinanderbringt, dass es schlimmstenfalls zum totalen Kollaps kommen kann.

Kleine Anekdote am Rande: Ein Kumpel von mir, Tetra-Theo, hat früher Leistungssport betrieben und er meinte, es sei unter hoch- und mittelgradig querschnittgelähmten Athleten ein Geheimtipp gewesen, einen Katheter in die Blase einzuführen, diesen zu blockieren und dann viel zu trinken. Die so entstehende autonome Dysreflexie, die ja den Blutdruck ankurbelt, hätte man dann genutzt, die eigene Leistung beim Wettkampf zu steigern.

„Das war ziemlich…“, sagt er.

Ich falle ihm ins Wort: „Leichtsinnig? Lebensgefährlich? Dumm?“

Er grinst böse: „Effektiv.“

Ich grummle finster, aber was soll ich sagen? Ganz offensichtlich hatte Theo keine Partnerin, die so gut auf ihn aufpasste, wie mein Herzblatt auf mich.

Als ich zuhause ankomme, dusche ich und leg mich im Schlafzimmer aufs Bett. Es ist angenehm kühl, weil meine Frau die Fenster geschlossen und die Jalousien runtergelassen hat, um die Hitze auszusperren, die ihr ja auch zu schaffen macht.

Vielleicht ist ja doch an der Zeit mal Vernunft anzunehmen und sie in ihren Bemühungen zu unterstützen. Ich schalte den Ventilator an und schlage ihr vor heute Nacht mal textilfrei zu schlafen. Ich hoffe, das wird ihr gefallen.


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteurinnen gerne an dieser Stelle auf.

Einfach eine E-Mail an info@der-querschnitt.de schicken – die Redaktion freut sich auf spannende Ideen und Anregungen!