Rückenwind plus – Die Zukunft der Pflege?

In der Schweiz wird ein neues Angebot zur Pflege bei Querschnittlähmung und anderer querschnittähnlicher Symptomatik mit medizinischen Dienstleistungen vorangebracht, an dem sich andere Länder orientieren könnten. Es wird damit eine Lücke bei der Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung geschlossen und Leiden verhindert. 

Rückenwind plus AG ist eine neue gegründete Einrichtung zur passgenauen Versorgung von Menschen mit erhöhtem Pflegebedarf. Organisation Rückenwind schließt mit der Eröffnung im August 2021 der schweizweit ersten Spitalabteilung in einem Pflegezentrum eine Versorgungslücke im schweizerischen Gesundheitswesen. Spezialisierte Pflege, beschränkt auf wenige Wochen oder Monate, zu adäquaten Kosten und punktgenau angepasst.

Das Problem

Wenn ein Mensch mit Querschnittlähmung sich z. B. von einer Schulteroperation erholt, ist er auf Hilfe angewiesen, die er im Normalfall wahrscheinlich nicht braucht. In solchen Fällen können sich die Betroffen an Querschnittzentren wenden, die sich mit der Pflege von Rückenmarksgeschädigten auskennen und den erhöhten Zeitaufwand leisten können. Ein stationärer Aufenthalt ist möglich, solange dies notwendig ist. Als Initiator gilt der Pionier in der Rehabilitation von Menschen mit Querschnittlähmung in der Schweiz Dr. med. Guido A. Zäch selbst, der die Schließung dieser Lücke seit 1977 forderte. Laut den Gründern der Rückenwind plus AG Peter Lude und Sabine Felber ist von einem solchen kurzzeitigen Aufenthalt in einem nicht-spezialisierten Krankenhaus oder einem Pflegeheim abzuraten, da das Personal dort nicht querschnittspezifisch geschult sei und man den Zeitaufwand – von 7 Stunden am Tag – nicht stemmen könne. Die Alternative allerdings, die schweizerischen Querschnittzentren, seien sehr teuer. Laut dem selbst querschnittgelähmten Mitbegründer und eidg. anerkannter Psychotherapeut, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, Peter Lude (siehe auch: Gelesen: Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung) werden am Tag bis zu 1.600 Franken fällig, da dort Spitzenmedizin und eine komplette Klinikinfrastruktur geboten würden. Beides bräuchte der Patient mit Schulterproblematik nach der Operation und der medizinischen Stabilisierung jedoch nicht mehr. Er bräuchte „nur“ noch die spezialisierte punktgenaue Pflege.

Die Lösung

Diese Form der spezialisierten Pflege, sinnbildlich zu vergleichen mit einer „stationären ParaHelp“, einer Art „Übergangspflege“, sei die Lösung, meinen Lude und seine Kollegin, Pflegefachfrau und stellvertretende CEO eines grossen Pflegezentrums in der Zentralschweiz Sabine Felber, aber die gäbe es bisher nicht. Das will das Team nun ändern. Ab August 2021 stehen im Generationshaus Bad Zurzach (umfasst Pflegezentrum, Wohnen mit Service, Kita, Spitex) im schweizerischen Bad Zurzach 24 dieser Plätze zur Verfügung. „Unser Angebot von Rückenwind plus will spezialisierte punktgenaue Pflege bieten und Menschen mit erhöhtem und hohem Pflegeaufwand zugutekommen lassen: Menschen mit neurologischen Verletzungen, Para- oder Tetraplegikern also, oder Menschen mit neurologischen Krankheiten, wie z. B. Multiple Sklerose, ALS, Locked in, Parkinson.“

Ca. 40 Vollzeitpflegekräfte werden hierfür benötig, doch die Macher von Rückenwind plus sind überzeugt, dass ihr Engagement für Betroffene eine große Hilfe darstellen und zusätzlich auch das Gesundheitssystem entlasten wird. Und dabei geht es nicht nur darum, dass ein Pflegeplatz bei Rückenwind plus etwa einen Drittel günstiger ausfällt, wegen der einfacheren Infrastruktur (keine Intensivstation, kein Operationssaal, keine aufwändige Diagnostik und andere) als ein Pflegeplatz in einer Spezialklinik. Felber und Lude berufen sich dabei auch auf die Zahlen des Schweizer Paraplegiker-Zentrums Nottwil laut dessen Jahresbericht dort 2017 rund 70% Patienten mit Querschnittlähmung behandelt wurden, die nicht akut verunfallt waren, sondern in Zusammenhang mit Komplikationen aufgenommen wurden. „Es ist davon auszugehen, dass spezialisierte Pflege etlichen dieser Patienten die zu behandelnden Komplikationen erspart hätte“, sagt Felber. Die Vermeidung von Kosten (und Leiden) durch Prävention: eine gute Idee!

Von internationalen Beispielen lernen

Das Konzept der Rückenwind plus AG könnte auch für Deutschland ein gangbarer Weg sein. Hier gibt es zwar die Unterstützungspflege (siehe: Unterstützungspflege bei Querschnittlähmung), bei der z. B. nach einer Operation ein Pflegedienst ins Haus kommt und Menschen mit Querschnittlähmung bei den wichtigsten Aspekten unterstützt. Allerdings ist diese Art der Hilfe auf vier Wochen beschränkt und sie kann auch nur dann in Anspruch genommen werden, wenn ein Pflegedienst in räumlicher Nähe Kapazitäten für einen Kurzzeiteinsatz hat. Falls dies nicht der Fall ist, muss der Patient die Betreuung im privaten Umfeld organisieren, dabei schlimmstenfalls Komplikationen riskieren, oder wie in der Schweiz einen Platz in einer Spezialklinik, z. B. einem Querschnittzentrum, belegen.

Wie das Angebot in der Schweiz angenommen wird, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Siehe auch: Rückenwind Plus (externer Link)