Rückenwind plus – Die Zukunft der Pflege?

In der Schweiz wird ein neues Konzept zur Pflege bei Querschnittlähmung vorangebracht, an dem sich andere Länder orientieren könnten. Es soll eine Lücke bei der Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung schließen, Leiden verhindern und Kosten senken. 

Rückenwind plus AG ist eine neue gegründete Einrichtung zur passgenauen Versorgung von Menschen mit erhöhtem Pflegebedarf. Organisation Rückenwind will mit der Eröffnung der schweizweit ersten Spitalabteilung in einem Pflegezentrum eine Versorgungslücke im schweizerischen Gesundheitswesen schließen. Spezialisierte Pflege, beschränkt auf wenige Wochen oder Monate, zu adäquaten Kosten und punktgenau angepasst.

Das Problem

Wenn ein Mensch mit Querschnittlähmung sich z. B. von einer Schulteroperation erholt, ist er auf Hilfe angewiesen, die er im Normalfall wahrscheinlich nicht braucht. In solchen Fällen können sich Betroffen an Querschnittzentren wenden, die sich mit der Pflege von Rückenmarksgeschädigte auskennen und den erhöhten Zeitaufwand leisten können. Ein stationärer Aufenthalt ist möglich, solange dies notwendig ist. Laut den Initiatoren von Rückenwind plus ist von einem solchen kurzzeitigen Aufenthalt in einem nicht-spezialisierten Krankenhaus oder einem Pflegeheim abzuraten, da das Personal dort nicht querschnittspezifisch geschult sei und man den Zeitaufwand – vier bis fünf Stunden am Tag – nicht stemmen können. Die Alternative allerdings, die schweizerischen Querschnittzentren, seien sehr teuer. Laut dem selbst querschnittgelähmten Mitbegründer Fachpsychologe Peter Lude (siehe auch: Gelesen: Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung) werden am Tag bis zu 1.800 Franken (ca. 1.650 Euro) fällig, da dort Spitzenmedizin und eine komplette Klinikinfrastruktur geboten würden. Beides bräuchte der Patient mit Schulterproblematik jedoch nicht. Er bräuchte nur die Pflege.

Die Lösung

Eine Übergangspflege sei die Lösung, meinen Lude und seine Kollegin, Pflegefachfrau Sabine Felber, aber die gäbe es bisher nicht. Das will das Team nun ändern. Ab Sommer 2021 sollen im Generationshaus Pfauen im schweizerischen Bad Zurzach bis zu zwölf Übergangspflegeplätze zur Verfügung gestellt werden. „Unser Angebot von Rückenwind plus will spezialisierte Pflege bieten und Menschen mit erhöhtem und hohem Pflegeaufwand zugutekommen: Menschen mit neurologischen Verletzungen, Para- oder Tetraplegikern also, oder Menschen mit neurologischen Krankheiten, wie z. B. Multiple Sklerose.“

Bis zu 23 Vollzeitpflegekräfte werden hierfür benötig, doch die Macher von Rückenwind plus sind überzeugt, dass ihr Engagement für Betroffene eine große Hilfe darstellen und zusätzlich auch das Gesundheitssystem entlasten wird. Und dabei geht es nicht nur darum, dass ein Pflegeplatz bei Rückenwind plus gerade mal halb so teuer, wie ein Pflegeplatz in einer Spezialklinik wäre. Felber und Lude berufen sich dabei auch auf die Zahlen des Schweizer Paraplegiker-Zentrums Nottwil laut dessen Jahresbericht dort 2017 über 770 Patienten mit Querschnittlähmung behandelt wurden, die nicht akut verunfallt waren, sondern in Zusammenhang mit Komplikationen aufgenommen wurden worden. „Es ist davon auszugehen, dass spezialisierte Pflege etlichen dieser Patienten die zu behandelnden Komplikationen erspart hätte“, sagt Felber. Die Vermeidung von Kosten (und Leiden) durch Prävention: eine gute Idee!

Von internationalen Beispielen lernen

Das Konzept von Rückenwind plus könnte auch für Deutschland ein gangbarer Weg sein. Hier gibt es zwar die Unterstützungspflege (siehe: Unterstützungspflege bei Querschnittlähmung), bei der z. B. nach einer Operation ein Pflegedienst ins Haus kommt und Menschen mit Querschnittlähmung bei den wichtigsten Aspekten unterstützt. Allerdings ist diese Art der Hilfe auf vier Wochen beschränkt und sie kann auch nur dann in Anspruch genommen werden, wenn ein Pflegedienst in räumlicher Nähe Kapazitäten für einen Kurzzeiteinsatz hat. Falls dies nicht der Fall ist, muss der Patient die Betreuung im privaten Umfeld organisieren, dabei schlimmstenfalls Komplikationen riskieren, oder wie in der Schweiz einen Platz in einer Spezialklinik, z. B. einem Querschnittzentrum, belegen.

Wie das Angebot in der Schweiz angenommen wird, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Siehe auch: Rückenwind Plus (externer Link)