Peer-Beratung bei Querschnittlähmung in Indien: „Wir werden ständig gebraucht.“

Vor über 40 Jahren erlitt der Inder Shivjeet Singh Raghav eine traumatische Querschnittlähmung. Das hielt ihn nicht davon ab, seinen weiteren Lebensweg erfolgreich zu beschreiten. Als Peer ist er Seminarleiter im Krankenhaus. Mit der Beratung von Frischverletzten und deren Angehörigen hat er aus der Not eine Tugend gemacht.

Shivjeet Singh Raghav hatte 1980 gerade das College absolviert, als er sich die Verletzung am fünften und sechsten Halswirbel zuzog. Der damalige Kapitän der Hochschulbasketballmannschaft befand sich früh am Morgen auf seiner täglichem Jogging-Runde. „Eine Gruppe junger Männer kam auf mich zu“, erzählt er. „Sie schlugen mit Stöcken auf mich ein und brachten mich zu Boden. Einer erwischte mich am Hals. Ich weiß bis heute nicht, warum das passiert ist.“ Diese „längst vergessene Geschichte“ brachte Shivjeet zuerst in ein ziviles Krankenhaus ins nordindische Allahabad und einige Tage später auf die Rückenmarkstation des Militärkrankenhauses Command-Hospital in Lucknow. Sein Vater, der im medizinischen Korps der Armee war, hatte dafür gesorgt. „Das war mein Glück, denn weil mein Vater Regierungsangestellter war, kam der Staat für meine Behandlungskosten auf.“

Neubeginn mit Hürden

Zwei Jahre später konnte der damals 23-jährige Shivjeet das Krankenhaus verlassen. Zunächst kam er im Cheshire-Heim in Delhi unter – einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung, die außer der Pflege die wichtigsten Therapien sicherstellen konnte. Befreundete Ärzte versorgten ihn mit Informationen über Querschnittlähmung und mögliche Komplikationen. Trotzdem hatte er zu Beginn Probleme mit der Blase und mit Druckstellen. „Schlechte Erfahrungen erhöhen den Erfahrungsschatz!“, sagt Shivjeet. „So lernst du, auf dich Acht zu geben.“ Heute hat er damit nicht mehr so zu kämpfen, denn „der Körper gewöhnt sich an die neuen Belastungen“. Nur die Hitze macht ihm manchmal zu schaffen. „Wenn man Probleme mit autonomer Dysreflexie hat, kann es gefährlich werden!“ warnt er die „Frischverletzten“ im Querschnittzentrum immer wieder. „Ich halte mich mit einer Sprühflasche und nassen Handtüchern kühl. Und ich meide die offene Sonne!“

„Das Wissen um den eigenen Zustand ist der Schlüssel.“

Shivjeet Singh Raghav

Die Seele atmet durch den Geist

Dieses Wissen um seinen Körper hat sich Shivjeet über viele Jahre hinweg angeeignet. Das Privileg von Bildung und Information genießt in Indien nicht jeder. Deswegen arbeitet Shivjeet seit der Gründung des Indian Spinal Injuries Center (ISIC) im Jahr 1995 dort als Peer-Berater. Er ist Patient-Education-Coordinator und schult die Frischverletzten. „Das Wissen um den eigenen Zustand ist der Schlüssel“, sagt Shivjeet und fügt hinzu: „Darum ist die Peer-Beratung zu Beginn so wichtig. Wir werden ständig gebraucht.“ Der Tetraplegiker ist im ISIC in Vollzeit angestellt und wird für seine Arbeit bezahlt.

Er ist Teil des interdisziplinären Teams und schließt die Lücke zwischen den Ärzten, der Pflege und den Patienten – eine Begegnung, die oft hierarchisch geprägt ist und nicht auf Augenhöhe stattfindet. Shivjeet gibt Seminare für pflegende Mitarbeiter und medizinisches Personal zum Umgang mit Querschnittgelähmten. Hierfür hat er sich weitergebildet und neue Kompetenzen erlernt. Dieser inklusive Ansatz mit „Experten in eigener Sache“ zieht sich quer durch die Klinik. Neben einer anderen Peer-Beraterin gibt es einen Yoga- und Sportlehrer im Rollstuhl.

Den Alltag gemeistert

Bei der Frage, wie er seine Pflege und den Arbeitstag bewältigt, verweist er auf seinen modernen Elektrorollstuhl und die Familie. „Normalerweise hilft mir mein Neffe“, erzählt er. „Grundsätzlich kann ich mir aber von jedem helfen lassen. Denn ich kann gut anleiten.“ So war es Shivjeet möglich, in den letzten Jahren an einigen nationalen und internationalen Kongressen als Sprecher teilzunehmen. Aus seiner Situation heraus hat sich Shivjeet mit der Beratung anderer eine neue Existenzgrundlage geschaffen. Damit ist er ein Vorbild für alle Querschnittgelähmten.

Siehe auch:

Querschnittlähmung in Indien: „Der Rollstuhl muss in der Fahrradwerkstatt repariert werden können.“

Warum Inder mit Querschnittlähmung keine Verdauungsprobleme haben


Der Text von Felix Esser wurde in Ausgabe 2/2021 der Zeitschrift „Paraplegiker“ erstveröffentlicht.