„Das mutigste Sportteam der Welt“: Das Refugee Paralympic Team – mit Parakanute Anas Al Khalifa

Sie repräsentieren 12 Millionen Menschen mit Behinderung, die vor Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen fliehen mussten: Die Athleten im Refugee Paralympic Team. In Tokio mit dabei: Anas Al Khalifa. Der syrische Flüchtling lebt seit vier Jahren in Deutschland. Erst nachdem er sich hier bei einem Arbeitsunfall eine schwere Rückenmarksverletzung zuzog, entdeckte er Parakanu für sich – vorher wusste er nicht, was Paddeln ist.

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Al Kahlifa bekam Ende Juni vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) die Bestätigung, dass er einer von sechs Athleteninnen und Athleten sein wird, die im Refugee Paralympic Team an den Paralympischen Spielen in Tokio teilnehmen werden (siehe auch Vorstellungs-Video der Paralympic Games). „Ich bin überglücklich, dass es geklappt hat“, sagt der querschnittgelähmte Sportler in einem Interview mit dem deutschen Kanu-Verband. „Das ist wirklich unglaublich. Auch weil ich in den letzten Monaten wegen einer Schulterluxation nicht richtig trainieren konnte. Die letzten Wochen waren nicht einfach, aber ich habe eine große Unterstützung von meiner Heimtrainerin, von meinem Verein und seitens des Verbandes bekommen.“

Al Khalifa war vor vier Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen, so die Pressemeldung des Deutschen Kanu-Verband (DKV). Er fand Arbeit als Handwerker und montierte Solar-Anlagen . Dabei hatte er einen Arbeitsunfall, stürzte von einer Leiter aus dem zweiten Stockwerk und zog sich dabei eine schwere Wirbelsäulenverletzung zu. Seitdem sitzt der 28-jährige Syrer im Rollstuhl. 

Keine Ahnung, was Paddeln ist

„Eine Freundin von mir hatte Anas bereits im Krankenhaus im September 2019 angesprochen, ob er nicht Lust hätte Kanusport auszuprobieren“, wird seine heutige Heimtrainerin Ognayana Dusheva zitiert. Sie trainiert in Halle an der Saale auch mit Top-Kanutinnen und Kanuten wie Anja Adler.

„Kurze Zeit später kam Anas zu uns in den Verein. Ich sah, dass er starke Arme und großes Interesse hatte, sodass wir den Versuch gewagt haben. Allerdings hat er zu Beginn nicht mal gewusst, was Paddeln ist. Daraufhin haben wir zunächst in der Gymnastikhalle und im Kraftraum trainiert. Im Februar 2020 habe ich ihn mit meiner Tochter das erste Mal in ein Kajak gesetzt. In unserem Swimming-Pool ist er zwar mehrfach umgefallen, aber er hatte keine Angst. Das waren gute Voraussetzungen. Später im April paddelte er das erste Mal auf einem Fluss. Dann kam zwar die Corona-Zeit und wir mussten online trainieren, aber Anas entwickelte sich stetig weiter“, erzählt sie in der Veröffentlichung des DKV.

„Im Oktober 2020 habe ich Anas das erste Mal zu einem Lehrgang eingeladen“, führt Parakanu-Bundestrainer Andre Brendel die Geschichte fort. „Er hat insgesamt schon eine super Entwicklung gemacht, die immer noch weiter geht. Inzwischen fährt er vollkommen sicher im Boot und kann sich voll auf das Techniktraining konzentrieren. Bis Tokio werden wir ihn auch weiterhin unterstützen.“

Zunächst lief es aber bei den nationalen Qualifikationen im April nicht optimal für Al Khalifa, da er nicht den Sprung ins deutsche Team schaffte. Auf Wunsch der Internationalen Kanu-Föderation (ICF) nahm das deutsche Parakanu-Team ihn mit zum Weltcup nach Szeged. Dort verbesserte er seine Zeit und schaffte den internationalen Leistungsnachweis. Bei den Europameisterschaften gelang ihm eine weitere Verbesserung seiner Bestzeit um fünf Sekunden, schildert der Verband seine Erfolgsgeschichte. 

Entsprechend groß sind die Hoffnungen bei Anas Al Khalifa für Tokio: „Ich möchte mit einer gesunden Schulter ins Rennen gehen. Ich weiß, dass ich dann noch schneller als bei den Europameisterschaften fahren kann. Vielleicht ist dann ja sogar eine Medaille drin.“

Das Refugee-Team der IPC


Das Team mit Mitgliedern aus mehreren Ländern repräsentiert die mehr als 82 Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die vor Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen fliehen mussten, 12 Millionen davon leben mit einer Behinderung, so die Veröffentlichung des DKV. Chef de Mission des Teams ist Ileana Rodriguez, ein Flüchtling aus Kuba, der bei den Paralympischen Spielen 2012 in London im Schwimmen für die USA antrat.

Das IPC arbeitet laut DKV mit dem UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, zusammen, um diesen bemerkenswerten Para-Athleten die Möglichkeit zu geben, ihre Geschichte bei den Spielen zu erzählen und eine starke Botschaft der Hoffnung und Inspiration an andere Menschen auf der ganzen Welt zu senden, die zur Flucht gezwungen wurden. Während alle Flüchtlinge mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert sind, sind diejenigen mit Behinderungen häufig einem erhöhten Risiko ausgesetzt und sehen sich zusätzlichen Barrieren beim Zugang zu Hilfe, Dienstleistungen und Möglichkeiten gegenüber. 

Dazu Andrew Parsons, IPC-Präsident: „Ich möchte die Menschen überall dazu aufrufen, das mutigste Sportteam der Welt zu unterstützen, das Refugee Paralympic Team. Diese Athleten sind ein Beispiel dafür, wie Veränderung mit Sport beginnt: Sie haben lebensverändernde Verletzungen erlitten, sind um ihre Sicherheit geflohen und haben gefährliche Reisen unternommen, aber trotz der vielen Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt wurden, sind sie zu Elitesportlern geworden, die bereit sind, bei den Paralympischen Spielen in Tokio  anzutreten“, so der DKV-Text weiter. „Sport ist ein mächtiges Werkzeug, um Flüchtlinge mit Behinderungen in die Gesellschaft einzubinden, und die Ankündigung des Refugee Paralympic Teams ist ein ergreifender Moment für das IPC – wir erfüllen damit eine Verpflichtung, die wir beim UNHCR  Global Refugee Forum 2019 eingegangen sind, um die gleichberechtigte Teilnahme von Flüchtlingen an Sportveranstaltungen zu fördern.“