Statt Ruhestand: Kontinuierliche Arbeit an sich selbst

Ein Rückenmarksinfarkt durchkreuzt Brigitte Loos‘ Traum vom aktiven Rentnerinnenleben. Die Querschnittlähmung raubt ihr nicht nur die Befehlsgewalt über ihre Beine, sondern anfangs auch den Lebensmut.

Mit ihren Freundinnen geht Brigitte Loos inzwischen wieder gerne auf Tour.

„Als ich realisierte, dass ich von jetzt an querschnittgelähmt sein werde, war für mich klar: So will ich nicht mehr nach Hause. 40 Jahre war ich dort aktiv: Rein, raus, treppauf, treppab, zwei wunderbare Mädchen darin großgezogen. Und da sollte ich jetzt wieder hin? In einem Haus leben, in dem ich mich nicht mehr so bewegen konnte, wie ich wollte? Nein! Niemals!“ Brigitte Loos ist 64 – und gibt sich auf. Dunkelste Gedanken kreisen in ihrem Kopf und lassen sich nicht verdrängen.* „Später habe ich mich selbst über solche Gedanken erschreckt, denn ich habe einen wunderbaren Mann, zwei Töchter, zwei Schwiegersöhne und vier allerliebste Enkelkinder“, sagt sie heute.

Erst vor eineinhalb Jahren hatten ihr Mann und sie die Heizungs- und Sanitärfirma verkauft. Bis dahin war ihr Leben „geprägt gewesen von Arbeit, die uns immer Spaß machte, von viel Sport und vielen Reisen. Jetzt endlich wollten wir richtig Zeit haben für Rad-, Ski- und Bergtouren.“

Nachts kam der Schmerz

Am 15. März 2015 wachte sie nachts auf, nur ein kleiner Schmerz war da zunächst: „Ich dachte an einen Krampf oder Bandscheibenvorfall. Ich bin aus dem Bett und meine Beine hielten mich nicht mehr und ich dachte: ‚Das war es dann wohl.‘“, erzählt Brigitte Loos. Nach der Diagnose Rückenmarksinfarkt kommt sie in ein Querschnittzentrum. Es folgen 14 Wochen, in denen es ihr psychisch sehr, sehr schlecht geht. Bevor sie endgültig entlassen wird, muss sie für ein Probewochenende nach Hause. Das Haus wird bereits rollstuhlgerecht umgebaut, aber der Treppenlift fehlt noch. „Die ganze Familie war da. Meine Schwiegersöhne trugen mich mit dem Rollstuhl auf die Terrasse. Da war es wieder! Mir wurde bewusst, wie hilflos ich in Zukunft sein würde, und dass ich das nicht wollte. Ich musste fürchterlich weinen, wo ich doch so stark sein wollte, um die Familie nicht zu beunruhigen!“

Rückenmarksinfarkt (Apoplexia spinalis)


Schädigung des Rückenmarks, hervorgerufen durch eine Minderversorgung mit Blut (Ischämie). Mögliche Ursachen: Verschluss versorgender Arterien, Traumata wie Bandscheibenvorfall oder Wirbelkörperfraktur, Eingriffe im Wirbelsäulenbereich. Der Rückenmarksinfarkt verursacht neurologische Ausfälle und kann zu einer Querschnittlähmung führen.

Der erste Wendepunkt

Als die Familie tags darauf zum Frühstück kommt und die  fünfjährige Enkelin Lina erfährt, dass ihre  Oma jetzt noch einmal zurück in die Klinik muss, sagt sie eindringlich: „Bitte, bitte, Oma, bleib bei mir! Ich hab´ dich so lieb und brauche dich!“ Brigitte Loos bezieht die Bitte auf ihr ganzes Leben: „Von diesem Moment an war der Gedanke, nicht mehr leben zu wollen, aus meinem Kopf“, sagt die heute 71-Jährige.

„Ich gebe meine Erfahrungen und meine Poser als Peer weiter.“

Der zweite Wendepunkt

Danach stellt das Schicksal, der Zufall, eine höhere Macht oder einfach das Leben noch ein paar Weichen. Enkel Yoshi quatscht in einer Eisdiele eine querschnittgelähmte Frau an: „Meine Oma hat auch einen Rollstuhl!“. Loos´ Tochter will einen Kontakt zwischen der Dame und ihrer Mutter herstellen und bekommt auch eine Telefonnummer. „ Ich habe aber nicht angerufen, war immer noch in mir eingeschlossen, wollte keine Kontakte.“

Der dritte Wendepunkt

Also muss das Schicksal noch eine Schippe an positiver Weichenstellung drauflegen. Bei einer Anschluss-Reha plaudert Loos mit einer anderen Frau – später stellt sich heraus: Sie ist die Rollstuhlfahrerin aus der Eisdiele. Die Chemie stimmt, man wohnt in derselben Stadt, kann sich also öfter treffen … der Beginn einer tiefen Freundschaft. Und für Brigitte Loos der endgültige Wendepunkt.

Denn anders als sie selbst hat ihre neue Freundin Eva Freude am Leben. In langen Gesprächen steckt sie auch Brigitte Loos mit ihrer positiven Grundeinstellung und ihrer Art, mit den körperlichen Einschränkungen zu leben, an: „Ich wiederholte ständig nur, dass ich wieder laufen will! Eva war pragmatisch – ,der Rollstuhl ersetzt erst mal deine Beine` – und sie hat ehrlich von ihren Problemen erzählt. Das half mir. Nach dieser Reha wollte ich heim und leben!“

Loos ist endlich wieder zuhause. Inklusive üppigem Sportprogramm, jetzt eben auf dem Handbike und nicht mehr auf dem Fahrrad. Ihre wiedererwachte Lebensfreude und der Aktivitätsdrang überraschen weder ihre Familie noch ihren Mann: „Er hatte von Anfang an überhaupt keine Probleme damit, dass ich mich jetzt im Rollstuhl bewege. Wenn ich jammerte, meinte er immer nur: ‚Ja und? Aber ansonsten bist du doch immer noch die Gleiche!‘“

Mit dem neuen Leben arrangiert

Trotz aller mentalen Arbeit, die sie an sich geleistet hat: Im zuckerigen „Alles-ist-gut-so-wie-es-ist-Zustand“ lebt die 71-Jährige nicht. „Ich habe mich mit meiner Erkrankung und ihren Folgen arrangiert. Das auf jeden Fall. Und lebe wirklich sehr gut damit. Aber völlig akzeptieren kann ich das Ganze nicht.“

Für sie bedeutet das: Dranbleiben! Vielleicht kommen ja doch noch Körperfunktionen zurück: „Ich habe mein Leben lang im Betrieb viel gearbeitet – und jetzt arbeite ich viel an mir.“ So oft wie möglich treibt sie Sport und trainiert – draußen in der Natur oder an Geräten abends bei sich zu Hause. Dreimal die Woche besucht sie ein ambulantes Rehazentrum und lässt sich nach der Bobath-Methode behandeln.

Sie macht große Fortschritte und ist inzwischen sogar in der Lage, einzelne Beinmuskeln wieder anzusteuern. Dank ihrer sehr guten Rumpfstabilität – die Lähmung sitzt relativ weit unten zwischen dem 6. und 7. Brustwirbel – kann Brigitte Loos frei auf einem Pezziball oder einem Hocker ohne Lehne sitzen und am Barren aufstehen.

Power abzugeben

Und sie kann noch etwas anderes, das ihr ebenfalls sehr wichtig ist: Sie gibt ihre Erfahrungen und ihre Power als Peer der FGQ an Menschen weiter, die in derselben Situation sind wie sie noch vor ein paar Jahren. Schließlich weiß sie nur zu gut, in welches psychische Tief man fallen kann. Sie weiß, wie wichtig der Austausch mit anderen Betroffenen, das Gehört- und Verstandenwerden für den seelischen Heilungsprozess sind. Und sie weiß, dass man nicht hilflos ist, sondern im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv werden kann und sollte.


* Wenn Sie sich in einer schweren psychischen Ausnahmesituation befinden, sprechen Sie bitte mit Freunden und Familie oder wenden sie sich an einen Psychologen oder eine Klinik. Hilfe bietet auch die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar – unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention findet sich eine Liste mit weiteren Hilfsstellen.


Dieser Text wurde in der Herbst 2021-Ausgabe des PARAplegikers, dem Mitgliedermagazin der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ) erstveröffentlicht.

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