Inklusion im Sport: Klingt nach Parole, ist aber wichtig

Weshalb tauchen eigentlich bei den Paralympics so selten afrikanische Sportler im Medaillen-Spiegel auf? Diese Frage wurde mir aufgedrängt, als ich eigentlich darüber jammern wollte, dass in den Niederlanden Sportler mit Behinderung so viel besser gefördert werden als hierzulande.

Mein Gott, was waren die Paralympics anstrengend! Straffer Termindruck („Reicht die Zeit noch zum Einkaufen, oder muss ich mich direkt vorm Fernseher platzieren?“), außergewöhnliche Belastungen für das Cardio-System („Wenn der jetzt nicht endlich hinnemacht, bekomme ich gleich einen Herzkasper!“) und psychische Ausnahmezustände (Abschneiden der Deutschen in nahezu allen Team-Sportarten) haben ganz schön an mir gezehrt.

Eigentlich wäre jetzt die Zeit, wieder in den Normalmodus herunterzuschalten, vielleicht sogar selbst wieder ein bisschen sportlich tätig zu werden. Doch statt eines gemäßigten Krafttrainings habe ich mich dann doch lieber für eine theoretisch-politisch-gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderten-Sport entschieden.

Spiel. Platz. Sieg für die Niederlande

Denn da gibt es nach Tokio offenbar einiges zu sagen. Nach dem gegen die Niederlande verlorenen Halbfinale konstatierte die Topscorerin der deutschen Rollstuhl-Basketballerinnen, Katharina Lang, in der Frankfurter Allgemeine: „Die Niederländerinnen haben super gute Umgebungen, in denen sie trainieren können. Das merkt man in solchen Spielen.“ 

Ja, mein Gott – was können die schon großartig anderes machen als die Deutschen? Einiges offenbar. Deutschlandfunk Nova zum Beispiel macht dasselbe Fass auf und vergleicht die parasportlichen Erfolge der beiden Nachbarländer. So viel sei jetzt schon verraten: Deutschland gewinnt auch diesen Vergleich nicht.

Das Erfolgsgeheimnis der Oranjes: Sie fördern alle Alltags- und Spitzensportler auf ähnliche Weise, ganz egal ob der Sportler nun eine Behinderung hat oder nicht. Ein quasi post-inklusiver Ansatz, der schon an der Basis anfängt: Wenn alle Trainingshallen selbstverständlich barrierefrei sind, können eben auch alle miteinander trainieren. Und wenn es für alle Spitzensportler finanzielle Unterstützungen und vielleicht eine kleine Ausbildungshilfe gibt, können nicht nur alle miteinander trainieren, sondern haben auch Gewinn-Chancen. Und so kommt es laut Deutschlandfunk Nova, dass der Kader eines vergleichsweise kleinen Landes wie den Niederlanden mit 59 Medaillen von den Paralympics heimfährt – und ein großes, großes bevölkerungsreiches Land wie Deutschland nur mit 43 Medaillen.

Skandinavien? Wo bleibt Skandinavien?

Ich bin jetzt zu faul, auszurechnen, auf welchen Platz die Niederlande im Medaillenspiegel wäre, wenn dieser in Relation zur Bevölkerungszahl ausgewiesen würde (in der gebräuchlichen Darstellung stehen China, Großbritannien, die USA und Russland ganz vorne), aber ich glaube, was ich meine, wird auch so klar.

Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob die Förderung allein alles ist. Denn dann müssten die skandinavischen Inklusions-Musterländer ja ganz weit oben stehen. Tun sie aber nicht. Dänemark landete auf Platz 40, Schweden habe ich erst beim zweiten Durcharbeiten der Liste eingeklemmt zwischen Österreich und Griechenland auf Platz 50 gefunden, dicht gefolgt von Finnland auf Platz 52.

Mir gefällt aber die These von der selbstverständlichen Inklusion als Erfolgsfaktor – und darum will ich dabei bleiben. Immerhin stehen auf den vier ersten Plätzen ja Länder, die nicht nur viele Einwohner haben, sondern es sich auch leisten können, ihre Sportler zu fördern und mit High-Tech auszustatten. Denn natürlich kostet so etwas Geld. Erstmal. Aber die Rendite ist dafür ja auch riesig: Sportliche Erfolge – und jede Menge Menschen, die in der Freizeit Sport machen können, wenn sie denn wollen. Gerade wohlhabende Länder wie Deutschland könnten da gerne noch ein paar Geldkoffer drauflegen, denn es gibt – siehe Niederlande – ja offenbar noch jede Menge Luft nach oben in Sachen Sportförderung für wirklich alle.

Aua! … Meine Frau hat mir über die Schulter geguckt und mir danach mit einer zusammengerollten Tageszeitung eins auf den Hinterkopf gegeben. „Und was ist mit den Ländern, denen es eventuell finanziell nicht so gut geht wie uns?“ Gute Frage. Im Medaillenspiegel finden sich die ersten afrikanischen Länder auf den Plätzen 28 (Tunesien), 29 (Algerien) und 30 (Marokko). Auf Platz 33 folgt Nigeria, direkt danach Südafrika.

Dieser Kontinent ist so riesig! Eigentlich müssten die afrikanischen Sportler doch allein schon zahlenmäßig eine Medaillen-Weltmacht sein! Immerhin leben dort rund 60 bis 80 Millionen Menschen mit Behinderung.

Beispiel: Das Bürgerkriegsland Ruanda

Weshalb dennoch viele afrikanische Staaten mangels Medaillen erst gar nicht im Medaillenspiegel auftauchen, hat die Süddeutsche Zeitung sehr eindrücklich am Beispiel der ruandischen Sitzvolleyball-Nationalmannschaft ausgearbeitet. Vertreterinnen eines Landes, über das ein Bürgerkrieg hinwegfegte.

Eine Spielerin wurde als Kind angefahren: „Ich bekam keine vernünftige medizinische Versorgung, deshalb heilte das Bein nicht richtig“, wird sie zitiert. Eine andere Spielerin verlor ein Bein wegen einer Infektion – es habe Monate gedauert, ehe sie ein Arzt im Krankenhaus untersuchte. Zwei weitere Spielerinnen verloren ihre Beine im Bürgerkrieg.

Eine der Spielerinnen ist in Ruanda die Frauenbeauftragte im Vorstand des Nationalen Paralympischen Komitees. Denn nicht nur die körperlichen Behinderungen allein würden in manchen Familien zur schier unüberwindbaren Barriere: „Da gehen die Frauen mit Behinderung nicht raus, weil die anderen sagen: Du kannst nichts machen, bleib zu Hause und warte, bis du stirbst.“ Ihre Mannschaft wolle zeigen, so die Süddeutsche Zeitung weiter, dass das falsch ist.

Ja. Hu. Da kommt mir sofort die Parole vom „Sichtbar werden und sichtbar bleiben“ in den Sinn. Vielleicht ist das ja eine der Hauptaufgaben der Paralympics: Dass sie Menschen mit Behinderung nicht nur weltweit, sondern auch in ihren Heimatländern sichtbar macht? Vielleicht sogar irgendwann überall völlig selbstverständlich sichtbar bleiben lässt?

Nur dafür müssten eben überall die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden (s.o.). Denn es geht eben nicht nur um die Rendite in Form von Medaillenrängen und Freizeitmöglichkeiten für alle, sondern auch um die eine, ganz große Rendite: Sichtbarkeit. Gleiche Rechte. Menschenwürde.