Die Geschichte der Paralympics: Zeitzeugen berichten

Die Paralympics oder Paralympischen Spiele entstanden 1948 unter dem Namen Stoke Mandeville Games und waren zunächst nur für Sportler im Rollstuhl gedacht. Seit 1960 finden die Paralympics wenige Wochen nach den Olympischen Spielen im jeweiligen Gastgeberland statt.

Endspiel Seoul 1988 Deutschland – USA

Im Jahr 1944 eröffnete der Neurologe Dr. Ludwig Guttmann (siehe: Sir Ludwig Guttmann: Förderer und Begründer) auf Ersuchen der britischen Regierung ein Zentrum für Wirbelsäulenverletzungen im Stoke Mandeville Hospital in Großbritannien. Vor allem auf körperliche Aktivitäten legte Guttmann während des Rehabilitationsaufenthalts großen Wert. Muskelaufbau diente für Rollstuhlfahrer nicht nur der körperlichen Situation, sondern auch dem psychischen Zustand. Und so wurde der Sport oder wie es früher hieß die körperliche Ertüchtigung in die Rehabilitation mit eingebunden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Rehabilitationssport zum Freizeitsport und schließlich zum Leistungssport.

Der Vorläufer der Paralympics: Die Stoke Mandeville Spiele

Am 29. Juli 1948, dem Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1948 in London, organisierte Guttmann den ersten Wettkampf für Rollstuhlsportler, den er Stoke Mandeville Games nannte. An diesem Meilenstein in der paralympischen Geschichte traten 16 Teilnehmer im Bogenschießen gegeneinander an. Als die Olympischen Spiele vier Jahre später in Finnland stattfanden, schlossen sich niederländische Teilnehmer der Initiative Guttmanns an und die Internationalen Stoke Mandeville Spiele wurden gegründet. 1956 nahmen bereits 18 Nationen an den Spielen teil. Sie waren immer noch auf die Teilnahme von Rollstuhlfahrern beschränkt, doch gab es neben dem Bogenschießen nun auch die Disziplinen Rollstuhlbasketball, Leichtathletik, Snooker und Tischtennis. 

Die Weltspiele der Gelähmten

1960 fanden die ersten „Weltspiele der Gelähmten“ in Rom statt, aber nicht mehr parallel zu den Olympischen Sommerspielen, sondern wenige Wochen später. 400 Rollstuhlsportler aus 21 Nationen, nahmen an den Spielen teil. Seitdem finden die Paralympics alle vier Jahre statt, immer im selben Jahr und Land wie die Olympischen Spiele, aus finanziellen oder baulichen Gründen allerdings nicht immer am selben Ort.

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Als 1972 die Olympischen Spiele in München ausgetragen wurden, standen keine rollstuhlgerechten Unterkünfte für die Teilnehmer „Weltspiele der Gelähmten“ zur Verfügung, weshalb diese in Heidelberg stattfanden. Heidelberg bot mit den vorhandenen Einrichtungen des damaligen Berufsförderungswerks, der Universität, der Orthopädischen Klinik sowie dem im Aufbau begriffenen Bundesleistungszentrum (dem heutigen Olympiastützpunkt) eine hervorragende Infrastruktur. Dennoch bedeutete eine Veranstaltung dieser Größe und Internationalität für die vergleichsweise kleine Stadt in Nordbaden eine erhebliche Herausforderung: Rund 1.000 Athleten aus 41 Ländern, 400 Betreuer und Begleiter, 220 Wettkampfrichter und etwa 400 Mitwirkende allein in der ärztlichen Notfallversorgung mussten koordiniert werden.

Die paralympischen Disziplinen, in denen sich die Athleten 1972 maßen, waren Bogenschießen, Diskuswerfen, Kugelstoßen, Speerwerfen, Speerzielwurf, Rollstuhlslalom, Rollstuhlzeitfahren, Schwimmen, Tischtennis, Fechten, Gewichtheben, Boule, Snooker und Rollstuhlbasketball.

1976 wurden die ersten Winterspiele in der Geschichte der Paralympics in Schweden abgehalten. Disziplinen gab es zwei: Ski Langlauf und Ski Alpin in sieben Startklassen.

Die Paralympischen Spiele bzw. die Paralympics

Seit den Sommerspielen 1988 in Seoul, Korea, und den Winterspielen 1992 in Albertville, Frankreich, finden die Paralympics aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in denselben Städten und an denselben Orten wie die Olympischen Spiele statt.

Die Paralympischen Spiele gelten nach den Olympischen Spielen und der Fußballweltmeisterschaft als drittwichtigste und -größte internationale Sportveranstaltung.

2014 wurde Ludwig Guttmann für seine Verdienste um die Etablierung des Parasports in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Begriffserklärung


Anlässlich der Sommerspielen 1988 in Seoul wurde erstmals der Begriff „Paralympics“ verwendet.

Das Substantiv Paralympics geht auf das englische Substantiv Paralympics‎ zurück. Dieses stellte zunächst eine Zusammenziehung aus dem Englischen „paraplegic“ (querschnittgelähmt bzw. Paraplegiker) und der Bezeichnung der Olympischen Spiele „Olympics“ dar. Später erfolgte eine Umdeutung, weil nicht nur Querschnittgelähmte oder Rollstuhlfahrer an den Wettkämpfen teilnehmen, sondern auch Menschen mit anderen körperlichen Beeinträchtigungen, z. B. blinde oder taube Menschen. Der Begriff wird seitdem auf die griechische Präposition παρά‎ (pará)‎ ‚neben‘ zurückgeführt. Dadurch werden die Parallelität von Olympischen Spielen der Nichtbehinderten und von Paralympics und darüber hinaus das enge Nebeneinander beider Bewegungen illustriert.

Zeitzeugen der Paralympischen Spiele in den vergangenen 50 Jahren

Die Redaktion sprach mit Veteranen der Paralympischen Spiele, mit Menschen, die antraten, als die Paralympics noch „Weltspiele der Gelähmten“ hießen, als sie noch kaum mediales Echo hervorriefen und Parasportler kaum Sponsoren fanden.

Tetraplegiker Hennes Lübbering (siehe: Von der Bravo zur Apothekenumschau: Altern mit Querschnittlähmung) nahm 1972 an den Weltspielen der Gelähmten in Heidelberg teil, sowie 1984, 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona an den Paralympics teil. Er erinnert sich:

Hennes Lübbering beim Rollstuhlschnellfahren…

„1972 waren die Paralympics ja noch die Weltspiele der Gelähmten und es nahmen überwiegend Rollstuhlfahrer teil – nur hatte München damals das Problem, dass sie nicht so viele Rollstuhlfahrer unterbringen konnten. Also sprang Heidelberg ein. Die Leute wurden in den brandneuen Gebäuden des Berufsförderungswerks untergebracht und das amerikanische Militär, das noch in Heidelberg stationiert war, übernahm die Transfers von den Unterkünften zu den Austragungsstätten. Eine schöne Atmosphäre war das damals.“ Auf die Frage nach seinen paralympischen Erfolgen, lacht Lübbering. „Ich hab Bronze im Schwimmen geholt und Bronze im Tischtennis-Doppel. Und im Bogenschießen mit der Mannschaft Gold. Letzteres muss man aber nicht ganz so laut sagen, weil wir nämlich die einzige Mannschaft waren, die teilnahm. “

… und beim Kugelstoßen.

„Der Grundgedanke war ja von Sir Ludwig Guttmann, immer in dem Olympischen Jahr auch die Weltspiele der Gelähmten zu organisieren. Ab 1980 wurden zum ersten Mal bei diesen Weltspielen auch alle anderen Behinderten, zum Beispiel Amputierte, Blinde usw. integriert. Dabei entstand der Begriff „Paralympics“. 1980 fanden die Olympischen Spiele in Russland statt. Da es aber im kommunistischen System keine Behinderten gibt – in diesem System sind alle Menschen gleich – fanden die Paralympics ersatzweise in den Niederlanden, in Arnheim statt.“

Ab 1984 tat Lübbering sich im Rennrollstuhlfahren hervor. „Die Spiele 1984 hießen, soweit ich mich erinnern kann, jetzt wirklich Paralympische Spiele, denn Weltspiele der Gelähmten konnte man nicht mehr sagen, weil auch mehr und mehr Menschen mit anderen Behinderungen vertreten waren und Behinderten-Olympiade durften sie nicht heißen, weil Olympiade ein geschützter Begriff war.

Die Olympischen Spiele waren damals in den USA, aber für die Paralympics mussten wir Rollstuhlfahrer nach England ausweichen, denn Los Angeles meinte, sie hätten nicht genug Platz für alle Teilnehmer im Rollstuhl. Für Leute mit andern Behinderungsarten, z. B. für Amputierte, fanden die Paralympics schon dort statt, nur für Rollstuhlfahrer eben nicht.

Ich war 1988 in Seoul dabei und gewann Gold sowohl im 100-Meter-Schnellfahren und als auch im 200-Meter-Schnellfahren. Und 1992 in Barcelona holte ich noch die Silbermedaille im 200-Meter-Schnellfahren. Ich muss sagen, dass diese beiden Spiele für mich sportlich gesehen die größten Erfolge waren. Ich war in Topform und setzte mich gegen eine Konkurrenz durch, die es ebenfalls war. Außerdem glaube ich, dass die Paralympics damals auch im Bewusstsein des Publikums angekommen und das Interesse einfach da war. In Barcelona fuhr ich mein 200-Meter-Rennen vor 70.000 jubelnden Zuschauern im Stadion. Das war ein bewegender Moment.“

Deutschland-Kanada bei den Paralympics 1984 (Nr. 7 Heidi Kirste beim Hochball)

Heidi Kirste errang paralympische Siege im Rollstuhlbasketball. Ihre Querschnittlähmung auf Höhe Th 8 zog sie sich 1981 bei einem Reitunfall zu. Schon 1984 reiste sie als junge 18-jährige Nationalspielerin zu den Paralympics in England. „Austragungsort für die Olympischen Spiele 1984 war Los Angeles, die Paralympics für Rollstuhlfahrer sollten in Illinois stattfinden. Das wurde kurzfristig wegen Finanzierungsproblemen abgesagt, aber zum Glück sprang Großbritannien ein: In Stoke Mandeville, der Geburtsstätte des Rollstuhlsports, fanden die Paralympics 1984 doch noch statt – auf historischem Boden! Die Stoke Mandeville Games waren Vorreiter der Paralympics. Besonders war es in Stoke aber auch aus einem ganz anderen Grund: Es war ja alles recht kurzfristig gewesen und für all die Athleten gab es einfach nicht genug Platz, ein olympisches Dorf gab es nicht, nur die Sportstätten und Unterkünfte der Stoke Mandeville Games. Wir waren in einem riesigen Schlafsaal untergebracht – und mit ‚wir‘ meine ich nicht nur das ganze Basketball-Team, sondern auch Frauen aus anderen Sportarten. Da stand Bett an Bett und für viel mehr war nicht groß Platz. Die Wand zum benachbarten Schlafsaal war nur dreiviertel hoch und auf der anderen Seite wohnten die Kanadierinnen, mit denen wir uns rufend unterhalten konnten.“ Kirste lacht. „Einmal sprang eine beinamputierte Kanadierin über die Wand und landete bei einer meiner Teamkolleginnen im Bett.“

Heidi Kirste als Fahnenträgerin…

In Stoke Mandeville holte Kirste mit ihrem Team Gold. „Ich war die jüngste deutsche Spielerin und sammelte meine ersten Erfahrungen auf internationalem Parkett. 1988 in Korea gehörte ich dann schon zu den Starting Five (den Topspielerinnen der Mannschaft mit der meisten Spielzeit) und auch dort feierten wir mit der Silbermedaille einen großen Erfolg. Damals war der Behindertensport in Deutschland bestenfalls ein Randthema und die großen Sender und Redaktionen hatten für die Paralympics kaum Reporter nach Seoul geschickt. Ich hatte den Eindruck, dass das in anderen Ländern anders war. Ich war im Anschluss an die Spiele noch eine Woche in Hongkong und da waren die Medien voll von einem Athleten, der im Fechten eine Medaille geholt hatte. Die Wahrnehmung seiner Leistung war dort eine ganz andere. Ich glaube aber auch, dass diese Spiele in Korea eine Art Weckruf für die deutsche Presse waren. Die erkannten ‚Oh, da ist ja richtig der Bär los – und wir sind nicht vor Ort…‘“. Das sollte sich vier Jahre später in Barcelona dann ändern.

und bei der Siegerehrung in Seoul 1988.

1992 nahm Kirste nicht an den Paralympics teil, doch 1996 in Atlanta war sie wieder dabei. „Diesmal hatten es die USA geschafft für die Rollstuhlfahrer Platz zu finden, doch organisatorisch waren diese Spiele ziemlich enttäuschend. Das olympische Dorf war zwar barrierefrei, aber in den Unterkünften konnte man sich im Rollstuhl kaum bewegen: Wir mussten die Kommoden aus den Zimmern wegräumen lassen, um überhaupt an die Betten zu kommen. Auch was die Verpflegung anging waren die Organisatoren wohl einfach nicht gut genug auf ein Event dieser Größenordnung vorbereitet. Es gab anfangs nur ein Essenszelt – mit gefühlt kilometerlangen Schlangen davor. Auf Bustransporte warteten wir Stunden.“

„Vier Jahre später in Sydney sah es dann wieder ganz anders aus“, sagt die Fahnenträgerin von 2000. „Vor allem vom Publikum fühlten wir uns hier richtig willkommen geheißen und wertgeschätzt. Die Stadt war voller Werbung für die Wettkämpfe und wir spielten in vollen Stadien. Eine Medaille gewannen wir leider nicht, trotzdem waren die Paralympics in Sydney ein absolutes Highlight meiner Karriere.“ Nach den Paralympics in Athen 2004 beendete Kirste ihre internationale Karriere.

Heute ist Kirste aktiv als Klassifiziererin im Rollstuhlbasketball und hält sich selbst mit Handbiken und Schwimmen fit. Über den Stellenwert des Parasports in Deutschland resümiert sie: „Da hat sich einiges getan seit den 80ern. Sporthilfe und Sponsoren sind in der Finanzierung viel relevanter, in Hamburg z.B.  erhalten die Teilnehmer der Olympischen und der Paralympischen Spiele die selbe Förderung. Und auch die Medienpräsenz der Paralympics hat sich enorm gesteigert.“


Zu einem englischsprachigen Video zur Geschichte der Paralympics geht es hier:

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