Blase und Darm: Zwei Organe – eine Schicksalsgemeinschaft

Erster gemeinsamer Fachtag von Manfred-Sauer-Stiftung und FGQ für Peers, Menschen mit Querschnittlähmung und Angehörige. Thema: Prophylaxe und Therapie von neurogenen Störungen der Blase und/oder des Darms.

Organisatoren und Referenten der Fachtagung.

Probleme im Verdauungs- oder Harntrakt plagen viele Menschen mit Querschnittlähmung (QLS). Was können Peers den Gelähmten, die sie begleiten, zusätzlich zum Wissen aus eigenem Erleben mitgeben? Eine gemeinsame Fachtagung von FGQ und Manfred-Sauer-Stiftung vermittelte entsprechendes Grundlagenwissen.

Neurogene Störungen der Blase und/oder des Darms – zum Beispiel häufige Harnwegsinfekte, stundenlange Sitzungen auf der Toilette,  Inkontinenz, die Gefahr einer Autonomen Dysreflexie oder einer Schädigung der Nieren –   können das Leben vermiesen, manchmal auch lebensbedrohend werden. Einige dieser Auswirkungen mussten die meisten Peers der FGQ vermutlich schon am eigenen Leibe kennenlernen, häufig werden sie auch bei ihren Beratungen mit entsprechenden Fragen und Problemen konfrontiert. Um ihnen einen sicheren Umgang mit diesem Thema zu ermöglichen, boten die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten (FGQ) und Manfred-Sauer-Stiftung erstmals einen gemeinsamen Fachtag für Peers an. Teilnehmen konnten auch andere Betroffene und Angehörige.

Wie wichtig das Thema ist, zeigte bereits die Zahl der Anmeldungen: Mit rund 70 Menschen war die Veranstaltung in der Manfred-Sauer-Stiftung ausgebucht. Hauptziel war es, „den Peers Impulse zu geben für ihre Arbeit“, so FGQ-Vorstand und Mit-Veranstalter Kevin Schultes. „Wir wollen unsere Peers mit medizinischem und pflegerischem Basiswissen zum Thema Blase und Darm versorgen, damit sie frisch Gelähmten mit Rat zur Seite stehen können, aber auch, damit sie Situationen richtig bewerten und rechtzeitig sagen können, dass ihre Kompetenz hier aufhört und nun professionelle Expertise gefragt ist.“

Basiswissen gab es an diesem Samstag reichlich und aus allen für querschnittgelähmte Menschen relevanten Blickwinkeln.

Dr. med. Heiko Lienhard (Leitender Arzt der Abteilung für Viszeralmedizin, Oberarzt am Zentrum für Rückenmarkverletzte der Werner Wicker Klinik in Bad Wildungen) startete mit einem Vortrag, der mit dem schönen Slogan „Blase und Darm: Zwei Organe – eine Schicksalsgemeinschaft“ betitelt war. Danach folge – etwas wissenschaftlicher formuliert: „Physiologie, Pathophysiologie und Diagnostik des neurogenen Darms infolge Querschnittlähmung“. In Teil 2 beantwortete der Experte für die Chirurgie im Bauchraum die Frage „Was tun bei Komplikationen? Operative Therapien bei neurogenen Darmfunktionsstörungen infolge QSL?“ Einige Kernthesen: Durch eine Rückenmarkverletzung fehlen dem Gehirn Informationen, um die Darmentleerung adäquat zu steuern – es agiert wie ein Autofahrer, der nur bremsen oder nur Gas geben kann. Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen (spastischer oder schlaffer Beckenboden) spielt bei querschnittgelähmten Menschen das echte Leben, sprich: Die Fähigkeit, den Darm zu entleeren. Ziel müsse es für Menschen mit QLS sein, nur einmal am Tag, dafür aber ausreichend Stuhlgang zu haben. Alles andere sei „nicht alltagstauglich“, da Betroffene ansonsten täglich mehrere Stunden auf der Toilette verbringen müssten. Lienhard stellte die Möglichkeit der sakralen Nerven-Stimulation vor und beleuchtete Vor- und Nachteile eines Stomas – einer der wenigen viszeralchirurgischen Eingriffe, die rückgängig gemacht werden können. Eine weitere viszeralchirurgische Maßnahme: die Entfernung von Überlängen im Darm, die zu zusätzlichen Windungen im Bauchraum führen. Die dadurch erreichte Streckung könne mitunter dafür sorgen, dass „die Darmentleerung wieder in einem Schwupp“ möglich sei.

Dr. med. Johannes Kutzenberger (ehemaliger Chefarzt der Abteilung für Neuro-Urologie in Werner Wicker Klinik Bad Wildungen, aktuell „Senior Advisor“ an den Kliniken Hartenstein, Abteilung Neuro-Urologie) fokussierte seine Vorträge auf die Blasenproblematik: „Physiologie, Pathophysiologie und Diagnostik bei neurogener Funktionsstörung des unteren Harntrakts infolge QSL“ sowie „ Medikamentöse und operative Therapie bei neurogener Funktionsstörung des unteren Harntraktes“. Einige Kernthesen: Menschen mit Querschnittlähmung sollten sehr regelmäßig zur Nachsorge einen Neuro-Urologen aufsuchen, immerhin bestünde die Gefahr häufiger Harnwegsinfekte, in seltenen Extremfällen des kompletten Verlusts der Blasenfunktion oder sogar der „völligen Zerstörung“ der Harnröhre, einer kompletten Verhärtung der Blase und des Verlusts der Nierenfunktion. Kutzenberger stellte einige operative Methoden vor, u.a. die Möglichkeit der „Blasenerweiterungschirurgie“. Sei die Blase extrem geschädigt, könne ein Teil des Darms operativ zur Blasenerweiterung genutzt werden. Zudem behandelte er die Vor- und Nachteile eines Stomas – und worauf bei der Platzierung bei querschnittgelähmten Menschen besonders zu achten ist.

Im Fall des dauerhaften Gebrauchs von aufsaugenden Hilfsmitteln riet er zu Vorsicht, um Hautschädigungen und/oder chronische Infektionen zu vermeiden.  

Wobei der Experte häufige Blaseninfekte bei Menschen mit Querschnittlähmung nicht als Krankheit per se sieht – sondern als Symptom für eine schlecht gemanagte Blasenfunktionsstörung: „Der Neuro-Urologe muss immer klären, weshalb der Patient oder die Patientin immer wieder Harnwegsinfekte bekommt!“. Ist die Grunderkrankung geklärt, sollte unter Berücksichtigung der physischen Fähigkeiten, der sozialen Situation und des psychischen Zustands die weitere Therapie festgelegt werden. Wobei der Schutz der Nierenfunktion oberste Priorität genießt.

Andreas Wendl (Pflege-Bereichsleitung Querschnitt an der BG Klinik Tübingen) beleuchtete „Pflegerische Aspekte Blasenmanagement bei QSL“. Einige Kernthesen:  Die Selbstkatheterisierung sei der „Goldstandard“ – jedoch müssten gerade angesichts des steigenden Durchschnittsalters von Menschen mit Querschnittlähmung immer auch „Aspekte der Lebensqualität und der persönlichen Fähigkeiten berücksichtigt werden.“

Methoden wie die Dauerableitung mit ihrer Priorität auf der Entleerung hätten den Vorteil, dass die Trinkmenge nicht limitiert sei. Wichtig sei hier u.a., dass das System mit einer Rückflusssperre versehen sei. Die Reflexentleerung (Beklopfen des Bauches) in Kombination mit dem Urinalkondom sollte nur in Ausnahmefällen – und auf ausdrückliche Empfehlung des Neuro-Urologen durchgeführt werden. Die Einmal-Katheterisierung hingegen sei Dank Non-touch-Produkten inzwischen einfach durchzuführen. Für Männer gebe es verschiedene Spitzen auf dem Markt – „hier muss man mit ,try and error` die richtige finden“, bei Frauen sei vor allem „ein vernünftiger Spiegel“ wichtig, um die Katheterisierung problemlos durchzuführen.

Seine ganz konkrete Empfehlung zum Thema Harnwegsinfekte: Immer 7 bis 10 Tage Antibiose – wer über einen kürzeren Zeitraum Antibiotika nehme, riskiere, dass die Erreger resistent gegen das Antibiotikum würden.

Drei Tipps für Neulinge:

  • Die konkrete Anwendung immer mit Fachpersonen üben
  • Sich für die Desinfektion des Harnröhreneingangs tatsächlich 1 Minute Zeit lassen: „Das ist lang, drum am Anfang auf jeden Fall einen Timer stellen!“
  • Stoppt der Urinfluss beim Entfernen des Katheters, „Bloß nicht den Katheder auf einmal rausziehen, sondern Stück für Stück mit Pausen, damit die Blase die Chance hat, sich komplett zu entleeren.

Veronika Geng (Pflegefachperson und Pflegewissenschaftlerin, Leiterin Beratungszentrum Ernährung und Verdauung Querschnittgelähmter der Manfred-Sauer-Stiftung) sprach zunächst über „Harnwegsinfektionen vorbeugen, erkennen und behandeln (inkl. alternativen Methoden)“.  „Konservative Aspekte Darmmanagement bei QSL“ stellte sie in Teil 2 ihres Vortrags vor. Einige Kernthesen:  Laut einer deutschen Studie (2016) hatten48 Prozent aller querschnittgelähmten Menschen schon einmal einen Harnwegsinfekt. Die Pflegewissenschaftlerin stellte einige Möglichkeiten der Prophylaxe vor: Ausreichende Trinkmenge (1,5 bis 2 Liter am Tag) und penible Hygiene natürlich, aber auch die Einnahme von pflanzlichen Wirkstoffen, zum Beispiel von Cranberrys (getrocknet, als Saft oder in Dragees), deren Inhaltsstoffe an den haarähnlichen Auswüchsen von Kolibakterien andocken und so verhindern, dass diese Bakterien sich an die Blasenwände anheften. Eine vergleichbare Wirkung habe D-Mannose, ein natürlicher Bestandteil von Preiselbeeren, Johannisbeeren, Aprikosen, Äpfeln, Brokkoli oder Auberginen. Kernthese zum Thema Darmgesundheit und kontrollierte Entleerung: Ballaststoffe! Ballaststoffe! Ballaststoffe! Kombiniert mit ausreichender Trinkmenge. Um den Darm auf Trab zu bringen, sei auch Bewegung hilfreich: Sport könne hier einiges bewirken, aber auch schon eine Holperfahrt mit dem E-Rolli über Kopfsteinpflaster.

Maike Hahn (Leiterin Fitnessbereich im Gesundheitszentrum der Manfred-Sauer-Stiftung) verpasste Publikum und Referenten vor der Mittagspause einen „Bewegungskick“: Die leichte Oberkörpergymnastik sorgte für lockere Muskeln und gute Laune. Einige Kernthesen: „Ihr schafft das!“, „Tut doch gut, oder?“, „Einmal geht noch!“.

Der Tag im Odenwald war also nicht nur vollgepackt mit Theorie, sondern auch mit Praxis. Was sich auch bei der Verköstigung der Gruppe zeigte: Müsli und Obstsalat in der Frühstückspause, zum Mittagessen viel Gemüse und nachmittags Gemüsesticks und Dinkelkuchen. War lecker – und hält dank vieler Ballaststoffe den Darm auf Trab.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren am Ende des Tages denn auch vollauf zufrieden, manchmal auch ein bisschen geschafft und froh darüber, dass die Referentinnen und Referenten ihnen ihre Vorträge zum Nachlesen per E-Mail zur Verfügung stellten.

Was besonders gut gefiel? Neben der breitgefächerten und fundierten Information auch die Möglichkeit, nach den Vorträgen mit den Fachleuten ins Gespräch zu kommen. Zwei Beispiele: „Wenn ich eine Harnwegsinfektion habe, verschreibt mir mein Hausarzt immer ein Breitband-Antibiotikum, das ich nehmen soll, bis das Ergebnis des Resistenztests da ist“, erzählte ein Teilnehmer. „Ist das sinnvoll?“. Klare und knappe Antwort der Experten: „Nein! Immer warten, bis klar ist, welche Antibiose wirklich wirkt!“ Ein weiterer Teilnehmer wollte wissen, ob es sinnvoll sei, sich bei gesundheitlichen Problemen nach Möglichkeit immer an ein Rückenmark-Zentrum zu wenden? Die klare Antwort hier: „Ja!“. Denn dort gebe es Darm-Spezialisten und Experten aus dem Bereich der Neuro-Urologie, die die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Querschnittlähmung kennen. Weshalb sich – so ergänzte es einer der Referenten – Menschen mit QSL optimalerweise „bei jedem Eingriff an ein Rückenmark-Zentrum“ wenden sollten. Auch, weil dort der gesamte pflegerische Überbau auf Menschen mit QSL ausgerichtet sei, was bereits bei der Dekubitus-Prophylaxe im Aufwachraum beginne.

Einige Statements der Teilnehmer

Bianca Neubig: „Für mich gab es nicht viel Neues – irgendwie hatte ich alles schon vorher einmal gehört. Aber es war toll, dieses Wissen geballt an einem Tag vertiefen zu können. Ich hoffe, dass ich als Peer anderen Betroffenen damit Anstöße geben kann.“

Felix Esser: „Für mich als Tetra war das hier heute auch ein Blick über den Tellerrand: Ich kenne vor allem meine Probleme, jetzt weiß ich aber auch, wie es Paraplegikern ergeht, zum Beispiel bei der Blasenfunktion. Ernährung, Medikamente, dass es auch alternative Methoden gibt, fand ich spannend. Und außerdem konnte ich hier networken: Ich habe ein paar Leute in echt kennengelernt, mit denen ich schon seit Jahren auf Facebook befreundet bin. Das war toll!“

Oliver Jahnke: „Der Tag war sehr informativ, mehr als 1a. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Ärzte ein offenes Ohr hatten und am Ende der Veranstaltung gerne Fragen beantwortet haben.“

Diana Kolbe und Tina Huckestein: „Wir haben selbst mit Blase-Darm-Problemen zu kämpfen – und wollten und haben was dazu gelernt. Auch bei den Leuten, die wir als Peers begleiten, ist das ja das Top-Thema. Der Tag war sehr informativ!“