Meine Querschnittlähmung und ich: Verwundert am Bahnhof

Ich hatte in der Schule einen echt schrägen Kunstlehrer. Er lief auch im Winter in Leinenkutten, Sandalen (und Socken) herum und hatte einen Bart, in dem man ein Hühnchen hätte verstecken können. Ich mochte ihn nicht sehr, weil ich in Kunst eher minusbegabt war und er mich das wissen ließ. Um so angenehmer war eine Begegnung mit einem Modezwilling von ihm, den ich neulich am Bahnhof traf.

Ich bin mit meiner Frau und unserem Sohn für ein paar Tage unterwegs in Süddeutschland und erfreue mich an dunklen Tannen, weiten Tälern und den Kochkünsten meiner Schwiegermutter. Als wir Sonntagnachmittag mit dem Zug gen Heimat fahren wollen, stehen wir an einem ziemlich leeren Bahnsteig und albern ein bisschen herum.

Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, aber ich muss zugeben, dass ich ziemlich fertig bin nach dem Besuch bei meiner angeheirateten Verwandtschaft. Mein Schweigervater ist ein Naturbursche und schleift mich nebst Rollstuhl (mit SmartWheel) gerne mal mit in den Wald. Und meine Schweigermutter kocht wie gesagt sehr gut, weshalb es mir beim Essen oft schwer fällt Vernunft walten zu lassen… Dies führt üblicherweise zu einer Situation, in der sich sowohl meine funktionierenden Muskeln als auch mein Magen anfühlen, als stünden sie in Flammen. H2-Blocker gegen das Sodbrennen habe ich bereits eingeworfen (und hoffe inständig, dass mir weitere Verdauungsbeschwerden erspart bleiben), und gegen den Muskelkater in Schultern und Oberarmen hilft eigentlich nur ein heißes Bad, weswegen ich gern schon zuhause wäre.

Plötzlich steht ein bärtiger, verlotterter Mann in einem langen Gewand und Sandalen hinter mir, tipp mich an und drückt mir dann einen relativ großen Bergkristall in die Hand. Er meint, ich könne ihn besser brauchen als er….

Vor Erstaunen bleibt mir erstmal der Mund offenstehen, und als ich mich umdrehen will, um mich zu bedanken, ist der Mann wie vom Erdboden verschluckt. Wir sehen uns um, entdecken ihn aber nicht mehr, und auch unser Sohn ist auffallend still und kaut nachdenklich am Ohr seines Lieblingsstofftiers Hasi. (Ja, ich weiß, dass das kein sehr kreativer Name für einen Hasen ist, aber was will man machen?)

Meine Frau und ich wechseln einen langen Blick.

„War das Jesus?“ fragt sie leise.

„Verschenkt der traditionell nicht eher Fisch und Brot?“ flüsterte ich zurück und betrachte den glitzernden Gegenstand in meinem Schoß. Ich habe schon viele nette Geschenke in meinem Leben gekriegt, aber die, mit denen man so gar nicht gerechnet hat, sind ja immer die schönsten.

Wozu so ein Bergkristall alles gut sein kann.

Im Zug zücke ich mein Handy und informiere mich über die Heilkraft des Bergkristalls. Und siehe da: Der Bergkristall hilft u. a. (angeblich) gegen Magen- und Darmprobleme, Kreislaufprobleme, Schwindel, Nervosität, Reizzustände, Verwirrtheit, Trauer, Wetterfühligkeit, Verspannungen, Gelenkbeschwerden, Kopfschmerzen, Lähmungen (!?) und Stottern. Außerdem soll er beruhigen, Klarheit schaffen und den Verstand schärfen. Na, und das sind doch alles Dinge, die man gut brauchen kann, oder? Woher der Sandalen-Mann allerdings wusste, dass ich überfressen und verspannt war, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

Natürlich ist es gut möglich, dass sich die Anbieter von sogenannten Heilsteinen mit diesen Versprechen ziemlich weit aus dem Fenster lehnen, und ich würde mich wirklich nicht darauf verlassen, dass ein Stein alleine bei den oben genannten oder sonstigen Beschwerden hilft. Was der Bergkristall auf jeden Fall geschafft hat, war mich glücklich zu machen. Einfach nur deshalb, weil er mir auf so unerwartete und großzügige Weise von einem völlig Fremden geschenkt wurde. Und weil er mich auch ein bisschen mit den traumatischen Erinnerungen an den Kunstunterricht versöhnte, denn ein Kunstwerk ist dieser schön geschliffene Kristall allemal und sein Überbringer war so viel netter als mein Ex-Lehrer in ähnlichem Outfit.

Ich werde den Bergkristall erstmal behalten aber eines Tages auch weitergeben… An jemanden, der ihn nötiger braucht als ich.


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