Noch immer Seltenheitswert: Neue gynäkologische Sprechstunde für mobilitätseingeschränkte Frauen

„Frauen und Mädchen mit Behinderung sind im Bereich der Gynäkologie in Deutschland und Bayern stark unterversorgt“, so bringt es der „Club Behinderter und Ihrer Freunde e.V.“ (cbf) auf den Punkt. Zumindest in München ändert sich dies nun: Dort wurde eine gynäkologische Sprechstunde für mobilitätseingeschränkte Mädchen und Frauen an den Start gebracht. Zumindest für die nächsten 30 Monate.

Für Frauen im Rollstuhl optimiert und mit jeder Menge Platz zum Manövrieren: Die neuen Räume der gynäkologischen Sprechstunde.

Für Frauen und Mädchen, die eine Mobilitätseinschränkung haben, bietet das Gesundheitsreferat seit Oktober 2021 eine gynäkologische Sprechstunde an. Das neue Angebot richtet sich an Münchnerinnen, die mobil eingeschränkt sind – also zum Beispiel im Rollstuhl sitzen oder eine Mehrfachbehinderung haben. Die Sprechstunde bietet Vorsorge-Untersuchungen, Diagnostik und Therapie in puncto gynäkologische Beschwerden und Erkrankungen, Schwangerschaftsbegleitung, Beratung zu Sexualität, Kinderwunsch und Verhütung sowie eine Begleitung in den Wechseljahren an.

Betreut wird die Sprechstunde von Gynäkologinnen und Gynäkologen, die in München eine eigene Praxis haben und abwechselnd in das Gesundheitsreferat kommen. Sie sind also bei Notfällen auch an anderen Tagen telefonisch erreichbar. Die Patientinnen können auf Wunsch eine Begleit- oder Vertrauensperson mitnehmen. Außerdem werden die Gynäkologen von einer erfahrenen Pflegefachkraft und einer Medizinischen Fachangestellten unterstützt, so das Koordinierungsbüro zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in München.

„Bedarf wird nicht in 30 Monaten verschwinden“

Der cbf weist auf seiner Internet-Seite zusätzlich darauf hin, dass die Projektlaufzeit im Moment auf 30 Monate festgelegt ist. Lieve Leirs, Vorsitzende des Facharbeitskreises Frauen im Behindertenbeirat, merkte laut cbf bei der Eröffnung der Sprechstundenräume in ihrem Redebeitrag an, dass der Bedarf an gynäkologischer Versorgung von Frauen und Mädchen mit Behinderung „in 30 Monaten nicht verschwinden“ werde. Sie sehe eher einen Bedarf, diese Versorgung auf Mädchen und Frauen mit Sinnesbehinderung oder/und Lernschwierigkeiten zu erweitern: „Es geht hier nicht um Luxus, sondern um ein Menschenrecht.“

Zitiert wird an selber Stelle auch Bürgermeisterin Verena Dietl: „Frauen mit Behinderung haben genauso wie Frauen ohne Beeinträchtigung Anspruch auf gynäkologische Versorgung. In München leben ca. 4750 Frauen und Mädchen mit einer sogenannten außergewöhnlichen Gehbehinderung. Die Zahl macht deutlich, dass der Bedarf gegeben ist, auch weil Praxen oft nicht vollumfänglich barrierefrei sind. Mit der Eröffnung dieser gynäkologischen Sprechstunde schließen wir eine Lücke der ärztlichen Versorgung in München.“  

Endlich geschafft! Auch München hat nun – zumindest für einige Jahre – eine gynäkologische Sprechstunde für Frauen mit Mobilitätseinschränkungen.

Dass es gar nicht so einfach ist, eine derartige medizinische Versorgungslücke zu schließen, macht ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Sprechstunde deutlich. Auf den Seiten des cbf ist nachzulesen, dass es mehr als zehn Jahre dauerte, entsprechende Forderungen in die Tat umzusetzen, konkret als „Maßnahme 13“ im 1. Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention – den der Münchener Stadtrat bereits 2013 genehmigt hatte. „Der Weg zur Einrichtung dieser Sprechstunde war harte Arbeit und mit Hürden besät. Rechtliche Fragen mussten geklärt werden, ein wichtiger Kooperationspartner fiel kurz vor der angedachten Eröffnung 2019 weg. Alternativen mussten gesucht und gefunden werden. Herausforderung und Zitterpartie für alle Beteiligten“, so der cbf weiter

Wenige vergleichbare Angebote

Tatsächlich gibt es in Deutschland nur wenige reguläre gynäkologische Sprechstunden für Frauen mit Mobilitätseinschränkungen. Die Frankfurter Ärztin Hannelore Sonnleitner-Doll zum Beispiel bietet in Zusammenarbeit mit dem dortigen Club Behinderter und ihrer Freunde e. V. seit Jahren eine gynäkologische Sprechstunde für Frauen mit Behinderung und im Rollstuhl an. Einige Querschnitt-Zentren haben für Frauen mit Rückenmarksverletzungen spezielle Sprechzeiten, oder zumindest Angebote (siehe Beitrag Erfüllte Sexualität: Spezialsprechstunden für Menschen mit Querschnittlähmung). Doch flächendeckend – so der Wissenstand von Der-Querschnitt.de – sieht es mit gynäkologischen Fachsprechstunden mit entsprechenden Räumlichkeiten und Hilfsmitteln im Moment noch eher mau aus.

Umso schöner, dass nun eine weitere Großstadt eine derartige Sprechstunde zu bieten hat. Das Angebot des Gesundheitsreferats erfolgt in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Die Sprechstunde findet jeden Mittwochnachmittag im Gesundheitsreferat in der Bayerstraße 28 a statt. Die barrierefreien Praxisräume befinden sich im Erdgeschoss und verfügen über einen Hebelifter. Der Zugang ist barrierefrei. Vor Ort gibt es barrierefreie Toiletten, eine Toilette für Alle ist geplant.

Kontaktdaten

Termine können unter der Service-Nummer 0921 / 880 99 – 550 29 (montags und freitags von 8 bis 12 Uhr, donnerstags von 12 bis 18 Uhr) vereinbart werden – oder per E-Mail (externer Link): gyn-praxis.gsr@muenchen.de. Allgemeine Frage zur Sprechstunde (Ausstattung, Parkmöglichkeiten, Anreise, was ist mitzubringen….) sind über die Tel. Nr. 089 233 478 36 erhältlich.