Leben mit Querschnittlähmung: „Ein extralanger Reißverschluss in der Hose hilft.“

Wenn es um das Blasenmanagement geht, müssen Frauen mit Querschnittlähmung trickreicher vorgehen als Männer. Um den Einmal-Katheterismus selbständig vornehmen zu können, bedient sich Barbara T. eines Spiegels, einer Stirnlampe und eines extralangen Reißverschlusses.

Barbara T.* war 17 Jahre alt, als sie sich 1984 bei einem Unfall den dritten und den fünften Brustwirbel brach. Zusätzlich führte ein Schlüsselbeinbruch zu einer Nervenverletzung, weshalb ihre Hand- und Armfunktion rechtseitig eingeschränkt sind und eine Funktionshand ausgebildet wurde.

Das Anziehtraining (Teil der Ergotherapie) wird nach Eintritt einer Querschnittlähmung im Besten Fall während der Rehabilitation im Querschnittszentrum vermittelt. Voraussetzung dafür ist die völlige Stabilisierung des Wirbelkörperbruchs, ausreichende Sitzbalance, die Fähigkeit sich im Bett zu drehen und das Beherrschen des Kurz- oder Langsitzes. Bei Menschen mit Tetraplegie ist das Anziehtraining erst nach etwa drei Monaten möglich (Zäch/Koch, 2006).

Barbara erzählt: „Ich weiß, wie es den Leuten geht, die heute mit frischer Querschnittlähmung in den Kliniken liegen. Man wacht auf und ist von jetzt auf gleich komplett unselbständig. Für alles braucht man Hilfe: fürs Essen, Haare kämmen, Zähneputzen, Waschen, Abführen. Man denkt: ‚Boa, was’n Scheiß!‘. Die Intimsphäre geht erstmal vollständig verloren. So ging mir das jedenfalls.“

„Aber mit der Zeit lernt man die Dinge wieder alleine zu regeln“, so Barbara weiter. „Ich lernte relativ schnell, wie man Jogginghosen hochzieht und Schuhe mit Klettverschluss zumacht. Aber andere Dinge, die einen wieder ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, das dauerte schon ein paar Jahre.“

Die Transfers führt Barbara mit Hilfe eines Rutschbretts aus, da ihr die Kraft im rechten Arm fehlt. Das funktioniert sehr gut, wenn man Kleidung trägt. Aber entkleidet auf den Duschrollstuhl zu transferieren, konnte sie lange Jahre nicht. „Denn Haut auf Rutschbrett funktioniert nicht,“ sagt Barbara „Geholfen hat mir das Erlernen von Transfers nach kinesiologischen Grundlagen, d. h. man lernt zum bestmöglichen Ergebnis mit dem geringstmöglichen Kraftaufwand zu erlangen. Dort habe ich z. B. ein Gleittuch kennen gelernt, das man über das Rutschbrett legt und dadurch mit nackter Haut über das Brett gleiten kann. Wenn man dann auf den Duschrolli sitzt zieht man es vorsichtig unter sich weg. Dieses Gleittuch hat mich endlich im Punkto Duschen/Abführen unabhängig von Hilfe gemacht, was ich großartig fand.“

Leichter Transferieren mit Rutschbrett und Gleittuch.

Lange war es auch so, dass sie Hosen zwar selbständig anziehen konnte, allerdings nur, wenn sie im Bett lag. Und dies stellte für sie eine große Einschränkung dar, denn ein selbständiges Kathetern, wenn sie unterwegs war, war so nicht möglich. „Ich empfand diese Einschränkung als mein größtes Problem als Rollstuhlfahrerin,“ sagt Barbara. „Ich versuchte die Tipps anderer Rollstuhlfahrerinnen umzusetzen, und hatte es schließlich geschafft mit einem Spiegel und mit auf den Halterungsstange meines Rollstuhlzuggeräts aufgestellten Füßen im Rollstuhl zu Kathetern. Aber ich bekam es nicht hin, die Hose auszuziehen,“ so Barbara.

Das Ziel: Unabhängigkeit und Freiheit

Doch dann hatte die findige Frau eine gute Idee. „Ich bat meine Mutter in einer Hose den Reisverschluss gegen einen längeren von mindestens 30 Zentimetern auszutauschen. So kann ich nach vorne rutschen, die Füße auf den Zehenspitzen aufstellen (damit die Knie höher kommen), die Hose weit aufmachen, ohne sie herunterziehen zu müssen, die Unterhose beiseiteschieben und schon kann ich den Katheter verwenden! Überall, jederzeit. Sogar in meinem VW-Bus, in dem ich getönte Scheiben habe.“

„Das war endlich die Freiheit und Unabhängigkeit, die ich wollte. Und leider viel zu Nähen für meine Mutter,“ so Barbara.

Für Barbara die ideale Sitzposition zum Kathetern.

Wer keine im Schneiderhandwerk versierten Familienmitglieder oder Freunde hat, kann die Reisverschlüsse auch in Änderungsschneidereien einsetzen lassen. Auch auf die Frage, ob dieses System denn nicht die Gefahr berge Druckstellen zu begünstigen, hat Barbara eine Antwort: „Ich verwende jeden Tag eine extralange Slipeinlage. So ist die Sitzfläche genug gepolstert.“

Zum Katheterisieren verwendet Barbara außerdem einen Kosmetikspiegel mit 10-facher Vergrößerung (aus dem Onlinehandel), den sie mit einem Klettband an ihrem Bein befestigt. Auf den Spiegel hat sie zusätzlich eine Stirnlampe mit doppelseitigem Klebeband geklebt, die gewöhnlich Jogger verwenden, die im Dunkeln unterwegs sind. Diese Stirnlampe kann nach vorne geklappt werden als „Abblendfunktion“ weshalb sie, so Barbara, beim Katheterisieren nicht geblendet wird.

Spiegel mit Klettband und Beleuchtung für gute Sicht beim Kathetern.
Spiegel mit Klettband und Beleuchtung für gute Sicht beim Kathetern.

Barbara, die als Peer Counselor an einer Querschnittklinik tätig ist, findet es richtig und wichtig ihre Erfahrungen mit anderen Betroffenen zu teilen. „Wir wollen alle wieder so selbstständig wie möglich sein, um unabhängig unserer Leben zu gestalten. Ich habe viele Dinge im Austausch mit anderen Betroffenen erfahren, die mir geholfen haben Sachen selbstständig zu machen. Deshalb ist es, finde ich, wichtig von den Ideen anderer Querschnittgelähmter zu erfahren, damit man so voneinander lernen kann. Wieso sollte sich da jeder für sich alleine durchkämpfen müssen? Ich teile die Tricks, die ich in den letzten 37 Jahren gelernt habe, gerne, und hoffe, dass ich jemandem damit helfen kann.“

*Vollständiger Name der Redaktion bekannt.


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