Sieben Faktoren, die das Auftreten von Spastik bei Querschnittlähmung begünstigen können und wie man sie vermeidet

Über zwölf Millionen Menschen weltweit sind von Spastik (auch: Spastizität) betroffen (sunrisemedical, 2021). Gründe sind z. B. Zerebralparese, Multiple Sklerose (MS) oder Querschnittlähmung. Bestimmte Faktoren können das Auftreten von Spastik beeinflussen.

Spastik wird häufig durch Schäden oder Störungen in den Bereichen des Gehirns und des Rückenmarks hervorgerufen, die die Muskel- und Dehnungsreflexe steuern. Diese verursachen unwillkürliche Muskelkrämpfe und -kontraktionen (sowie Gelenksteifheit), die von Betroffenen als sehr unangenehm empfunden werden können. U. U. können sie so stark sein, dass sie zu Stürzen führen können, weshalb es Sinn machen kann, sich im Rollstuhl anzuschnallen. Allerdings kann die Spastik bei Menschen mit Querschnittlähmung auch gewisse Vorteile mit sich bringen, da sie z. B. die Durchblutung und den Energieverbrauch verbessern kann.

Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören z. B. Physio- und ‚Ergotherapie, orale Medikamente, Botulinumtoxin-Injektionen, um die Kontraktionskraft bestimmter Muskeln zu begrenzen (siehe: Spastik als Folge einer Querschnittlähmung).

Spastik: Auslösende Faktoren

Wenn die Spastik als störend empfunden wird, sollte man im Idealfall dafür sorgen, dass es gar nicht erst zum Auftreten der Spastik kommt. Dabei kann es hilfreich sein, die verschiedenen möglichen Auslöser zu kennen und diesen vorzubeugen oder sie, wenn möglich, zu meiden.

  • Extreme Temperaturen und/oder Temperaturschwankungen

Vor allem große Kälte aber auch Hitze können extreme Reize darstellen, die das Auftreten von Spastik begünstigen. Die bei Querschnittlähmung beeinträchtigte Reizleitung zwischen Nerven und Muskeln wird bei extremen Temperaturen schnell überfordert.

In einer kleinen Studie mit 29 Personen mit Spastik (allerdings nicht aufgrund einer Querschnittlähmung, sondern aufgrund von Schlaganfall oder von Multipler Sklerose) wurde festgestellt, dass sich die Symptome bei fast 70 % der Befragten verschlimmerten, wenn sie Kälte ausgesetzt waren (Cheung, 2021). Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob es sich um einen Kältereiz durch geringe Außentemperaturen oder durch eine Klimaanlage in Innenräumen (auch im Auto) handelt. Auch Wechselduschen oder Saunieren (siehe: Mit Querschnittlähmung in Sauna, Dampfbad und Co.) können Spastik auslösen.

Menschen mit Querschnittlähmung haben oft mit einer Temperaturregulationsstörung zu kämpfen (siehe: Temperaturdysregulation bei Querschnittlähmung), weshalb ihnen Temperaturextreme besonders zusetzen können. Wenn eine Spastik durch plötzliche Kälte, z. B. beim Aufenthalt im winterlichen Freien, auftritt, sollten Betroffene schnellstmöglich wärmere Orte aufsuchen und ein Wärmekissen auf die überreizten Muskeln legen. Da auch übermäßige Wärme Spastik verschlimmern kann, sollte dies nur bis zu zehn Minuten und nicht auf höchster Wärmestufe geschehen. Vorbeugend kann warme Kleidung helfen (siehe: Wärmend Kleidung für kalte Wintertage und Meine Querschnittlähmung und ich: Ich bin ein Mann, verdammt nochmal).

  • Müdigkeit und Fatigue

Es besteht die Möglichkeit, dass Menschen, die von Spastik betroffen sind, in einem wachen, ausgeruhten Zustand Einfluss auf den Muskeltonus nehmen können, indem sie sich auf die Entspannung des betreffenden Muskels oder der Muskelgruppen konzentrieren. Diese Konzentration ist beeinträchtigt, wenn der Betroffene müde oder erschöpft ist. In der oben genannten Studie wurde beobachtet, dass sich die Spastiksymptome bei bis zu 80 % der Patienten bei Müdigkeit verschlimmern. Die Kontrolle der Spastik erfordert eine erhebliche kognitive Anstrengung, die bei Müdigkeit und Erschöpfung nicht aufgebracht werden kann.

Die Lösung des Problems scheint nahezuliegen: Mehr Schlaf hilft bei Müdigkeit. Doch so einfach ist es nicht, denn der Schlaf wird bei Menschen mit Spastik häufig von eben dieser gestört (siehe hierzu: Schlafstörungen bei Querschnittlähmung).  Ähnliches gilt für Fatigue, da Spastik eine sehr kräftezehrende Symptomatik sein kann (siehe: Fatigue – Chronische Erschöpfung bei Querschnittlähmung). Wer in diesem Teufelskreis Spastik-Schlafstörungen-Müdigkeit-Spastik gefangen ist, sollte sich mit einem Therapeuten beraten, wie die Behandlung der Spastik evtl. ergänzt werden kann.

  • Stress und starke Gefühlsausbrüche

Stress (siehe: Stress – Nur eine beiläufige Komponente bei Querschnittlähmung?) und intensive Gefühlsregungen (ob nun positiver oder negativer Natur) können Spastik ebenfalls verschlimmern. Auch hier richtet sich die Konzentration des Betroffenen weg von der Entspannung der spastischen Muskeln; die Aufmerksamkeit ist auf den auslösenden Faktor von Stress oder Gefühl gerichtet. Der-Querschnitt.de Leser Bernd Jost sagt hierzu: „Wenn es regnet, will ich natürlich immer besonders schnell ins Auto einsteigen. Erfahrungsgemäß dauert es gerade dann aber immer länger als sonst, weil mich die Situation stresst und die Spastik in meinen Beinen sich verschlimmert. Mir bleibt dann oft nichts anderes übrig als ruhig abzuwarten, bis die Spastik wieder weggeht. Bis dahin werde ich halt nass…“

Eine Studie, in der die Lebensgewohnheiten von Menschen mit Spastik untersucht wurden, ergab, dass Schlafstörungen und Stress bei Menschen mit Spastik oft eng miteinander verbunden sind, und dass beide das Auftreten von Spastik wahrscheinlicher machen können (Miller, 2021). Daher sollte man sich als Betroffener mit der Schlafproblematik beschäftigen (s. o.).

Wenn Betroffene vermuten, dass ihr Stress andere Ursachen hat, sollte man Möglichkeiten zur Stressbewältigung suchen (siehe: Stressbewältigung – Wie kann ich Stress entgegenwirken?). Auch ein regelmäßiger Trainingsplan, bei dem man sich körperlich auspowern kann, Gesprächstherapien oder Entspannungsübungen (siehe: Kategorie: Entspannungsmethoden) können hilfreich sein.

  • Infektionen

„Es wurde beobachtet, dass es bei Menschen mit Spastik zu einer Verschlimmerung der Symptome kommt, wenn eine Infektion vorliegt“, so Dr. Tirisham Gyang, Neurologin am Ohio State University Wexner Medical Center (Miller, 2021). Das kann jede Art von Infektion sein, aber Harnwegsinfektionen und Infektionen der Atemwege sind die häufigsten Auslöser. Der-Querschnitt-Leserin Bettina Meschieve kennt dies aus eigener Erfahrung. „Wann immer mein linker Oberschenkel anfängt zu zucken, weiß ich, dass ich die Blase auf einen Harnwegsinfekt checken lassen muss. Ist das Problem behoben, verbessert sich auch die Spastik.“

Um in einem akuten Fall Abhilfe zu schaffen, muss sofort die Infektion erkannt und behandelt werden. Ein behandelnder Arzt muss diese diagnostizieren, im Fall einer Harnwegsinfektion eine Bakterienkultur mit Antibiogramm anlegen, und die Entzündung gezielt behandeln. Da Menschen mit Querschnittlähmung in Abhängigkeit von der Lähmungshöhe aus verschiedenen Gründen vermehrt angreifbar sein können (siehe: Das Immunsystem), sollten sie ihr Immunsystem besonders pfleglich behandeln (siehe: Acht Maßnahmen, die das Immunsystem stärken).

  • Blasen- und Darmsituation

Nicht nur eine Blasenentzündung, auch eine volle Blase oder sogar ein Dauerkatheter, können Spastik verstärken. Dies gilt auch für eine Volumenzunahme im Darm. Blähungen, Verstopfung und auch Durchfälle können Ursache für eine Zunahme an Spastik sein, weshalb auch in Bezug auf die Spastik auf ein gut funktionierendes Darm- und Blasenmanagement zu achten ist (Veit/Quigley, 2001).

Das Zentrum für Ernährung und Verdauung Querschnittgelähmter kann Betroffenen helfen die Verdauungssituation zu verbessern und das Darmmanagement zu vereinfachen. Blähungen (siehe: Sechs Wege zur Vermeidung von Blähungen bei Querschnittlähmung), Verstopfungen (siehe: Sieben Lebensmittel, die man bei der Tendenz zu Verstopfung meiden sollte) und Durchfälle können so im Optimalfall vermieden werden, was – falls diese Auslöser für verstärke Muskelspannung ist – Spastik mindern kann.

  • Körperhaltung

Eine dauerhaft schlechte Körperhaltung kann Spastik verstärken. Im Laufe der Jahre kann sich die körperliche Situation so verändern, dass ein ursprünglich gut angepasster Rollstuhl (siehe: Aspekte der Rollstuhlanpassung) nicht mehr angemessen ist. Sollte es aus unerklärlichen Gründen zu einer Vermehrung der Spastik kommen, sollte von einer Fachperson eine Einschätzung der Rollstuhlanpassung vorgenommen werden. Häufig kann schon ein anderes Sitzkissen (siehe: Sitzkissen für Rollstühle) Abhilfe schaffen.

Auch eine plötzliche veränderte Körperhaltung bzw. ein Positionswechsel können Einfluss auf die Spastik haben, vor allem dann, wenn man zuvor lange in einer bestimmten Stellung verharrt hat. Betroffene berichten auch, dass Auslöser für Spastik z. B. Transfers, Niesen oder ganz einfach Erschrecken sein können.

  • Reize unterhalb der Lähmungshöhe wie Berührung oder Dehnen der Muskeln sowie Verletzungen

Ein weiterer Auslöser für Spastik können die Berührung von besonders empfindlichen Körperpartien wie Kniekehlen, Bauchdecke oder Fußsohlen (Zäch/ Koch, 2006) sowie Verletzungen oder deplatzierte Gegenstände unterhalb der Läsionshöhe sein. Während erstere unfallbedingt und daher kaum planbar sein, können letztere konsequent vermieden werden. Sollten Berührungen unvermeidbar sein, wie z. B. bei der Fußpflege, können durch Ausprobieren Griffe gefunden werden, die die geringste Wirkung auf die Spastik hat.

Auch hier spricht Jost aus Erfahrung: „Das ist definitiv ein Problem, z. B. wenn man sich auf etwas setzt und nicht merkt, dass das eigentlich stört… Ich hatte auch mal eine Socke vorne im Schuh stecken. Meine Zehen wurden eingequetscht, weshalb mein Fuß zu zucken begann. Erst als ich der Sache nachging und die Socke entfernte, hat das wieder aufgehört.“

Spastik kann den gesamten Bereich unterhalb der Lähmungshöhe betreffen oder bestimmte Muskeln oder bestimmte Muskelgruppen, deren fortschreitende Verkürzung bei ausbleibender oder erfolgloser Behandlung zu Kontrakturen führen kann (siehe: Kontrakturen bei Querschnittlähmung). Kontrakturen können evtl. operativ behandelt werden (Haas, 2021), allerdings ist es oft unsicher, ob chirurgische Eingriffe die gewünschten Ergebnisse erzielen können.

Die Spastik bei Querschnittlähmung ist nicht ausschließlich negativ zu beurteilen. Sie kann auch einige Vorteile, wie z. B. Muskulaturerhalt, verbesserte Durchblutung und damit verbesserte Kreislaufsituation, Thromboseprophylaxe und Mobilität, die durch die Spastik erst ermöglicht wird (z. B. Stehen mit Hilfe der Spastik) mit sich bringen.


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch Fachspezialisten wie z. B. Ärzte oder Apotheker.