Leben mit Querschnittlähmung: Auf den Hund gekommen

Lisa Steffen, Jürgen Julius und Sima Suhrkamp stehen für drei Rollstuhlfahrer mit unterschiedlichen Hundegeschichten. Was sie alle eint: Ihre Hunde sind ein Glücksfall in ihrem Leben.

„Ein Tier an der Seite – unbeschreiblich schön!“ Lisa Steffen wollte einen Hund haben, solange sie sich erinnern kann. Als sie 1994 im Alter von sechs Jahren von einem Autofahrer auf der Dorfstraße in Mastershausen angefahren wurde, erfüllten ihre Eltern ihr diesen sehnlichsten Wunsch. Ein großer Trost für das schwer verletzte Mädchen.

Kleiner Hund – großer Chef

Ihr aktueller Hund, der Jack Russel Terrier Sammy, ist der erste vierbeinige Begleiter, der ihr allein gehört. Er kam als Welpe mit acht Wochen vom Züchter in ihren Haushalt. Parallel schafften sich Lisas Eltern zwei Dobermänner gleichen Alters an – Rocco und Carlo. „Sammy ist zwar der Kleinste, aber eindeutig der Chef des Trios“, erklärt Lisa.

Verschmuster Aufpasser

Eigentlich wollte die 33-Jährige vor sechs Jahren einen kleinen Hund, der sie auf ihrem Schoß sitzend bei ihren Rollstuhlfahrten begleitet. Das ist Sammy zwar nicht – aber: „Jack Russel Terrier sind so süß als Welpen, dass ich mich für ihn entscheiden musste“, schwärmt Lisa. Wenn Sammy Angst bekomme, etwa bei Gewitter oder zu Silvester, springe er trotz seiner Größe auf ihren Schoß. „Er ist immer an meiner Seite und passt auf mich auf“, so die gelernte Bürokauffrau. Dass er so verschmust sei und ständig ihre Nähe suche, schätze sie besonders an ihm.

Gemeinsam mit ihrer Familie und ihrem derzeit fünfköpfigen Pflegeteam hat Sammy sie bereits auf Autoreisen nach Mallorca oder Kroatien begleitet. Beide – Eltern und das Pflegeteam – kümmern sich ebenfalls um den Hund. „Mein Vater übernimmt die Morgenrunde mit Sammy, am Nachmittag führe ich ihn aus“, so Lisa.

Unvorstellbar: Ein Leben ohne Tier

Infolge des Unfalls hat Lisa Steffen eine Querschnittlähmung im Bereich der Halswirbelsäule (C 2). Einzig ihr Kopf ist beweglich. Streicheln kann sie Sammy deshalb nicht. Doch mit ihrer Stimme erzeugt sie die Nähe zum Tier – und hat ihm Tricks beigebracht. Neben den klassischen Kommandos „Sitz“ und „Platz“ könne er auf Befehl ihre Socken ausziehen oder aufheben. „Ein Leben ohne Tier kann ich mir gar nicht mehr vorstellen“, meint Lisa. „Es ist unbeschreiblich schön, wenn man etwas so Treues wie Sammy an der Seite hat!“  

Lisa Steffen engagiert sich seit der Gründung der ARGE Beatmung in diesem Jahr als FGQ-Peer in der Region Rheinland-Pfalz.

Ruhig und gelassen in Bewegung

Odin heißt der Berner Sennenhund von Jürgen Julius. Seit viereinhalb Jahren begleitet der Vierbeiner den 59-jährigen Sozialversicherungsangestellten bei einer Berufsgenossenschaft auf all seinen Wegen. Diese Hunderasse passe mit ihrer Ruhe und Gelassenheit bei gleichzeitig reduziertem Bewegungsdrang perfekt zu seinen Lebensumständen, betont Jürgen. Odin ist sein vierter Hund und der zweite Berner Sennenhund in Jürgens Haushalt. Odin liebe es, spazieren zu gehen und dabei spielerisch und neugierig zu schnüffeln. Mit 56 Kilogramm bei 73 Zentimetern Schulterhöhe habe er keinen Drang zum Toben, sondern stelle sich ganz auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder ein. Hierzu gehören auch die Eltern von Jürgen, mit denen er in einem Doppelhaus Tür an Tür lebt. Die 85-Jährigen übernehmen die tägliche Vormittagsrunde mit dem Berner Sennenhund und sind dabei am liebsten im Rheinvorland unterwegs.

Ein einwandfreier Charakter

„Odin ist ein ganz besonderer Hund mit einem einwandfreien Charakter“, lobt Jürgen Julius. „Unser gegenseitiges Vertrauensverhältnis ist einzigartig.“ So ziehe Odin beispielsweise mit seiner von ihm am Rollstuhl angebrachten Leine bei der gemeinsamen Abendrunde Herrchen und Gefährt. „Das hat schon zu manch einem netten Kommentar von Autofahrern geführt, dass ich mir so den Elektroantrieb sparen könne.“ Im Garten seines Hauses spielt Jürgen täglich am Nachmittag mit seinem Hund. Vor allem Spiele für den Kopf seien gefragt. Odin hebe alles auf, was sein Herrchen fallen ließe, selbst Schubladen könne er inzwischen öffnen. „Odins Anschaffung habe ich keine Sekunde bereut“, erklärt der Paraplegiker.

Besonderes Vertrauensverhältnis

Als Vertrauensbeweis sieht Jürgen die Reaktion von Odin beim ersten Bootsbesuch seines Lebens an. 2019 machten sie erstmals gemeinsam mit Schwester und Schwager Urlaub auf einem barrierefreien Hausboot in Brandenburg. „Odin hatte bis dato noch nicht einmal ein Boot gesehen, folgte mir aber ohne zu zögern“, so Jürgen. Diese Art Urlaub auf den ruhigen Gewässern rund um die Stadt Brandenburg könne er Rollstuhlfahrern nur empfehlen. Die auf Katamaranen befestigten Hausboote glichen komfortablen Gartenhäusern. Als Peer der FGQ in einer Duisburger Klinik gibt der 1979 bei einem Verkehrsunfall verletzte Paraplegiker (BWK 7) seit gut drei Jahren unter anderem seine Erfahrungen mit Rollstühlen, Hunden und seinen Hobbys Basketball und Lustspieltheater weiter. Bei Peer-Regionaltreffen in Essen nahm Odin als stiller Gasthörer ebenfalls teil und beeindruckte dort alle Teilnehmer mit seiner entspannten Art. „Er wäre sicher auch als Hunde-Peer gut geeignet“, sagt Jürgen augenzwinkernd.

Ungeheure Bereicherung

Bei Sima Suhrkamp, die von Geburt an aufgrund von Spina bifida eine inkomplette Querschnittlähmung L4/L5 hat, reifte im Alter von 35 Jahren der Wunsch nach einem eigenen Hund, am besten aus einem Tierheim. In drei Tierheimen trug sie ihren Wunsch vor. Alle drei lehnten es jedoch ab, ihr ein Tier anzuvertrauen. Begründung: Wie sie als Rollstuhlfahrerin denn mit einem Hund umgehen oder ihn finanzieren wolle? Wer sich denn um den Hund kümmere, wenn sie krank wäre? Die Kauffrau im Gesundheitswesen spiegelte die Vorbehalte zurück: Vor den gleichen Herausforderungen würden Menschen schließlich genauso stehen, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen seien.

Rettung aus Tötungsstation

Schließlich wandte sich die Paraplegikerin an eine Tierschutzorganisation, die Auslandsadoptionen von Tieren ermöglicht. Mit Erfolg: Ein Jahr nach ihren ersten Bemühungen kam die spanische Jagdhündin Paula im Alter von sechs Monaten aus einer Tötungsstation zu ihr in den Süden Düsseldorfs. Wie Sima Suhrkamp erfuhr, hatte der Vorbesitzer die drei Monate alte Hündin eigenhändig kastriert. „Sie ist aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen schnell erregbar, verbellt Fremde, verteidigt sich permanent und ist sozial nicht immer verträglich“, erklärt die 42-Jährige.

Anhängliche Alleingängerin

Paula sei eher eine Alleingängerin, die nur nach langer Abwesenheit von Sima Suhrkamp zeige, dass sie ihr fehle. Das wurde bei einem Besuch in Berlin besonders deutlich: Sima und ihr Sohn übernachteten während des Städtetrips bei einer Freundin in einer Erdgeschosswohnung. Diese sollte sich um Paula kümmern, während Mutter und Sohn in ein Museum gehen wollten. Paula sprang aus einem offenen Fenster auf die Straße und folgte der Fährte bis zu einer Bushaltestelle, an der Mutter und Sohn eingestiegen war. Dort wartete die Hündin bis zur Rückkehr der beiden. „Das war so ergreifend!“, erinnert sich Sima.

Hündin als Brückenbauerin

Trotz aller Schwierigkeiten sei Paula eine unglaubliche Brückenbauerin. „Bis zu Paulas Ankunft war ich in meinem Viertel als behinderter Mensch im Rollstuhl zwar bekannt. Angesprochen hat mich aber niemand“, berichtet Sima. Seither sprechen die Nachbarn über die „Umleitung“ Hündin mit ihr. „Der Mehrwert von Paula ist riesig – bei allen Herausforderungen“, meint die Peer-Beraterin der FGQ, die sich gemeinsam mit ihrem inzwischen erwachsenen Sohn und ihren Assistenten um die Hündin kümmert. „Ich wünschte, dass alle Menschen mit Behinderung und Sehnsucht nach einem Hund sich diesen Wunsch erfüllen könnten“, betont Sima Suhrkamp. Sie bedaure sehr, dass Assistenzhunde, die immerhin um die 25.000 Euro kosten würden, nicht als Hilfsmittel für Rollstuhlfahrer gelten würden. „Ein Hund ist eine ungeheure Bereicherung und kann Menschen auf der psychosomatischen Ebene so viel geben!“


Der Text von Ruth Justen wurde in Ausgabe 4/2021 der Zeitschrift „Paraplegiker“ erstveröffentlicht. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.