Inklusion am Arbeitsplatz: Die Schweiz ist Deutschland eine Meile voraus

Deutschland und die Schweiz sind zwei von ihrer Wirtschaftsstärke her vergleichbare Länder, die beide eine Erwerbsquote von rund 80 % aufweisen. Trotz der Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe von Personen mit Behinderung im Deutschen Sozialgesetzbuch (SGB IX) schneidet Deutschland bei der Arbeitsintegration von Personen mit Querschnittlähmung (QSL) mit einer Quote von 43% aber markant schlechter ab als die Schweiz mit 61 %.

Die Gründe dafür sind insbesondere auf der Ebene des Sozialsystems zu verorten. Eine der Hauptproblematiken in Deutschland bilden die mangelhaften Angebote zur beruflichen Integration nach der medizinischen Erstrehabilitation.

Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) fordert Staaten auf, gemäß ihrer Möglichkeiten eine gleichberechtigte Teilhabe von Personen mit Behinderung in den zentralen Lebensbereichen – inklusive des Arbeitslebens – zu gewährleisten. Ländervergleichende Studien zur Arbeitsintegration geben Einblick, inwieweit diese Forderung in einzelnen Staaten umgesetzt ist. Im Jahre 2017 wurde die erste Befragungswelle des Internationalen Surveys für Personen mit Querschnittlähmung (InSCI) durchgeführt. InSCI deckt 22 Länder aus sechs Weltregionen ab und ist damit die größte internationale Kohortenstudie im Querschnittlähmung-Kontext. Eines der zentralen Themenfelder der Studie bildet die berufliche Integration.

Die InSCI-Ergebnisse zeigen, dass über alle 22 Länder 38% der Teilnehmenden einer bezahlten Arbeit nachgehen, wobei die Schweiz mit 61% die höchste und Marokko mit 10% die tiefste Erwerbsquote für Personen mit Querschnittlähmung aufweist. In Europa bildet Griechenland mit 19% das Schlusslicht. Deutschland liegt mit 43% im Mittelfeld, etwa gleichauf mit Polen (39%) und Frankreich (44%), aber weit hinter den Niederlanden (54%) und Norwegen (52%).

Der „Employment Gap“

Ein Indikator dafür, wie gut ein Land mit seinen volkswirtschaftlichen Möglichkeiten die Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe von Menschen mit einer Behinderung im Arbeitsleben umsetzt, bildet der sogenannte „Employment Gap“. Dieser beschreibt die Differenz zwischen der Erwerbsquote in der Gesamtbevölkerung und jener für Personen mit einer bestimmten Gesundheitsproblematik, wie etwa einer Querschnittlähmung. Er trägt damit der Arbeitslosenquote in den einzelnen Staaten Rechnung, in der Annahme, dass in einem Land mit tiefer Arbeitslosenquote eine höhere Erwerbsquote von Personen mit Behinderung zu erwarten ist als in einem Land mit hoher Arbeitslosenquote.

Ein hoher Employment Gap in einem Land mit tiefer Arbeitslosenquote wäre dementsprechend ein Hinweis, dass das Land sein Potenzial bei der Arbeitsintegration von Personen mit Behinderung nicht ausreichend ausschöpft. Im europäischen Vergleich zeigt die Schweiz den kleinsten Employment Gap mit einer „nur“ knapp 19% tieferen Erwerbsquote bei Querschnittlähmung als in der Gesamtpopulation, während Rumänien mit einem Gap von 43% am schlechtesten abschneidet. Deutschland als eines der wirtschaftlich stärksten Länder Europas liegt mit einem Gap von 33% (76% Erwerbstätige in der Gesamtbevölkerung gegenüber 43% in der QSL-Bevölkerung) zwar vor den klar finanzschwächeren Ländern Spanien (41% Gap) und Griechenland (36 % Gap), aber bereits leicht hinter Italien (29% Gap), Polen und Litauen (je 28% Gap). Gegenüber wirtschaftlich vergleichbaren Staaten wie Norwegen (23% Gap), Frankreich (21% Gap) und der Schweiz liegt Deutschland klar im Rückstand.

Vergleich Deutschland – Schweiz

Der eklatante Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz als Nachbarländer mit vergleichbaren wirtschaftlichen Voraussetzungen und ähnlich hoher Arbeitslosenquote sticht ins Auge. Während in der Schweiz bei einer Erwerbsquote von 80% in der Gesamtbevölkerung immerhin 61% der Personen mit QSL einer bezahlten Arbeit nachgehen, sind es in Deutschland mit einer nur marginal tieferen Erwerbsquote bloß 43%. Dies impliziert, dass Deutschland bei der Arbeitsintegration von Personen mit Behinderung im Allgemeinen und mit Querschnittlähmung im Besonderen Aufholbedarf hat, um eine seiner Wirtschaftsstärke angemessene Umsetzung der Teilhabe-Forderung der UN-BRK und des SGB IX zu gewährleisten.

Wie lässt sich der große Unterschied erklären?

Man kann davon ausgehen, dass sich die Gesundheitsversorgungsqualität in den beiden Ländern nicht fundamental unterscheidet, sodass in beiden Staaten ein Großteil der Betroffenen medizinisch wieder für die Arbeit rehabilitiert werden könnten. Die Probleme in Deutschland scheinen daher viel mehr bei den Integrationsangeboten und/oder deren Finanzierung durch das Sozialversicherungssystem zu liegen.

Dazu gehören

  • ein inklusiver Arbeitsmarkt mit sinnhaften Tätigkeiten für Betroffene,
  • die Verfügbarkeit spezialisierter Integrationsangebote,
  • die Möglichkeit für Teilzeitarbeit und Teilrentenbezug oder
  • die gesellschaftliche Einstellung zur Arbeitsteilhabe von Personen mit Querschnittlähmung.

Diese Systemfaktoren bieten Anreize und beeinflussen die Motivation der Betroffenen, in den Arbeitsprozess einzusteigen und darin zu verbleiben

Studien aus der Schweiz zeigen, dass eine individualisierte Planung des Übergangs von der Erstrehabilitation in die Gesellschaft, die Eingliederung in individuell passende Tätigkeiten (Job Matching) und die Möglichkeit zur selbstständigen Gestaltung der Berufslaufbahn zentrale Faktoren für eine erfolgreiche Arbeitsintegration sind. Ebenso entscheidend ist die Bereitschaft der Sozialversicherungsträger, Modelle und Angebote zu unterstützen, die auf eine nachhaltige Eingliederung ausgerichtet sind.

Auch wenn die Schweiz hier ebenfalls noch Aufholbedarf hat, zeichnet sich ihr Querschnittlähmung-Erfolgsmodell primär durch drei Faktoren aus:

  1. Bei den Arbeitgebern besteht – auch dank des langjährigen Engagements der Schweizer Paraplegiker-Gesellschaft – grundsätzlich eine positive Einstellung zur Anstellung von Personen mit Querschnittlähmung.
  2. Der Übergang von der Erstrehabilitation ins Arbeitsleben wird durch die Integration beruflicher Themen in die medizinische Rehabilitation und durch nachstationäre berufliche Unterstützungsangebote systematisch geplant. Im Sinne eines integrierten Versorgungsansatzes erhalten die Betroffenen dabei während und nach ihrer stationären Rehabilitation spezialisierte Angebote, welche auf ihren individuellen Bedarf für eine nachhaltige berufliche Integration ausgerichtet sind.
  3. Die beruflichen Unterstützungsangebote für Personen mit Querschnittlähmung werden bezüglich ihrer Wirksamkeit auf eine nachhaltige Integration wissenschaftlich begleitend evaluiert. Gleichzeitig werden evidenz-basierte Instrumente zur Förderung einer nachhaltigen Integration entwickelt.

Dies ist nicht nur zur Überzeugung der Kostenträger zentral, sondern auch für die kontinuierliche Optimierung des beruflichen Unterstützungsangebots.

Take Home Message

In Anbetracht ihrer volkswirtschaftlichen Möglichkeiten steht die deutsche Regierung in der Pflicht, sich verstärkt mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sie eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben gewährleisten kann. Im Querschnittlähmung-Kontext liegt Deutschland dabei gegenüber vergleichbaren Staaten klar im Rückstand. Der Transfer von Best Practices aus einem erfolgreicheren Nachbarland wie der Schweiz ist ein möglicher Ansatz, die Arbeitsintegration der Betroffenen in Deutschland zu verbessern.

Ein zentraler Erfolgsfaktor in der Schweiz bildet das spezialisierte und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete berufliche Unterstützungsangebot für Personen mit Querschnittlähmung und die Synergien zwischen Forschung und Praxis im beruflichen Eingliederungskontext.


Der Text von Dr. Urban Schwegler und Stefan Staubli wurde in Ausgabe 4/2021 der Zeitschrift „Paraplegiker“ erstveröffentlicht. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.