Überflüssiger Verwaltungskram? Wie Normen das Leben von Menschen mit Querschnittlähmung besser und sicherer machen

Normen! Nichts als Normen! Und das ist auch gut so! In Deutschland und in Europa gibt es viele Vorgaben, die direkt oder indirekt auch Einfluss auf das Leben von Menschen mit Querschnittlähmung nehmen. Eine der wichtigsten: Die DIN-Norm 18040, die sich dem barrierefreien Bauen widmet. Aber es gibt noch zahlreiche andere relevante Normen – einige werden hier vorgestellt.

Was auf den ersten Blick nach Verordnungs-Wirrwarr aussehen mag, dient vor allem auch einem Zweck: Der Sicherheit und Inklusion zum Beispiel von Menschen im Rollstuhl.

Die drei Buchstaben DIN stehen für das Deutsche Institut für Normung e.V. Der Verein legt in Zusammenarbeit mit Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Verbrauchervertretern Standards fest für Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren. Klarer Vorteil fürs gemeine Volk: Sind Rahmenbedingungen und Qualitätsmerkmale eines Produkts oder eines Bauvorhabens genau festgelegt, profitieren davon die späteren Anwender. Ein Beispiel: Rollstuhlrampen an öffentlichen Gebäuden. Diese dürfen nicht mehr als 6% Gefälle haben – dafür, dass sie nicht steil wie die Eiger-Nordwand geplant werden, sorgt DIN-Norm 18040.

Es mag wie eine Selbstverständlichkeit anmuten, dass in Kathetern keine gesundheitsgefährdenden Giftstoffe stecken oder für ihre Sterilisation nur unbedenkliche Methoden gewählt werden (siehe auch Beitrag Blick hinter die Kulissen: So werden Katheter keimfrei gemacht), aber erst freiwillige Selbstverpflichtungen der Hersteller und gesetzliche Regelungen machen daraus eine Sicherheit, auf die Anwender sich verlassen können.

Normen gibt es nicht nur für Produkte oder Verfahren, sondern auch für Hersteller. Beispiel: Erst nach einer Zertifizierung nach DIN EN ISO 13485:2021 ist sichergestellt, dass das jeweilige Unternehmen „die Erfordernisse für ein umfassendes Qualitätsmanagementsystem für das Design und die Herstellung von Medizinprodukten“ erfüllt.

Den Impuls für eine Norm kann übrigens jeder geben: Auf der (externer Link) Internetpräsenz des DIN findet man unter „Mitwirken/Normungsantrag“ ein entsprechendes Formular, mit dem man seine Idee oder den Wunsch nach einer einheitlichen Regelung für ein bestimmtes Produkt oder einen Bereich einreichen kann.

Den Weg von der Idee zur Norm zeigt eine Infografik des DIN:

DIN-Normen an sich sind keine Gesetze, ihre Anwendung/Einhaltung geschieht auf freiwilliger Basis. Außer (und das ist ein großes „außer“), ihre Einhaltung wird vertraglich festgelegt oder der Gesetzgeber schreibt ihre Einhaltung zwingend vor. Um bei den Rampen, bzw. der DIN-Norm 18040 zu bleiben: Deren Einhaltung wird in nahezu allen deutschen Landesbauordnungen gefordert – und ist damit für entsprechende Bauvorhaben Pflicht.

Übrigens: Eine DIN-Norm ist in den meisten Fällen keine innerdeutsche Angelegenheit: das DIN vertritt die deutschen Interessen beim Europäischen Komitee für Normung (CEN) und bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO).  Etwa 85 Prozent aller Norm-Projekte haben inzwischen einen internationalen Hintergrund. Und sie sind nicht für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Spätestens alle fünf Jahre wird in Deutschland jede DIN-Norm auf Aktualität überprüft, aktualisiert oder gelöscht.

Normen, die für Menschen mit Querschnittlähmung relevant sind

Die Liste der DIN-Normen ist wirklich sehr, sehr lang. Derzeit (Stand: Januar 2022) endet sie mit DIN-Norm Nr. 96298 („Medizinische Instrumente – Begriffe, Messmethoden und Prüfungen“).

Deshalb seien hier schlaglichtartig nur einige Normen herausgegriffen, die für Menschen mit Querschnittlähmung relevant sein könnten.

1. Bauen und Planen

Ab DIN 18000 geht es um Standards beim Planen und Bauen. Hier besonders zu nennen: DIN 18040, in Deutschland die Grundlage für barrierefreies Planen und Bauen. Sie soll dafür sorgen, dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder anderen Behinderungen Gebäude in der allgemein üblichen Weise ohne fremde Hilfe nutzen können. Ältere Regelungen sollen komplett von diesem noch relativ jungen Regelwerk abgelöst werden.

Die Norm ist untergliedert in drei Teile:

  • Teil 1: Öffentlich zugängliche Gebäude (früher: DIN 18024.2)

Hier sind die einzelnen Bundesländer gefragt, die einzelne Punkte, beziehungsweise die gesamte Norm in die Baubestimmungen übernehmen sollen. Von dieser Norm betroffen sein können z.B. Bildungseinrichtungen, Sportstätten, Einrichtungen des Gesundheitswesens, Verwaltungsgebäude, Verkaufsstätten und Toilettenanlagen. Für Wohnheime und Arbeitsstätten gilt die Norm nicht, auch wenn sich deren Ausstattung an ihr orientiert.

  • Teil 2: Wohnungen (früher: ersetzt DIN 18025-1:1992-12 und DIN 18025-2:1992-12)

Ebenfalls Sache der Bundesländer. Hier wird geregelt, wie Wohnraum ausgestattet und gestaltet (z.B. Wege, Rampen, Treppen, Aufzüge, Bäder, Küche) werden muss, um als „barrierefrei“ oder „uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbar“ zu gelten. Hier geht es also ganz klar um die Nutzungserleichterung – beziehungsweise überhaupt erst einmal um die Möglichkeit, eine Wohnung überhaupt zu nutzen.

  • Teil 3: Öffentlicher Verkehrs- und Freiraum (DIN 18024-1:1998-01)

Thema ist hier die barrierefreie Gestaltung von Verkehrs- und Außenanlagen. Festgelegt wird z.B. die Größe von Verkehrsflächen, damit Menschen mit Mobilitäteinschränkungen sich frei bewegen können. Weitere Punkte: Bordsteinhöhen an Kreuzungen, Erschließung von Grünanlagen, Gestaltung von Rampen – und das große Thema Anlagen des öffentlichen Personenverkehrs, Haltestellen, Bahnhöfe und Bahnübergänge.

2. Hilfsmittel

Rollstühle sind das vielleicht wichtigste Hilfsmittel für Menschen mit Querschnittlähmung. Beim DIN ist für den Bereich Rollstühle der DIN-Normenausschuss Rettungsdienst und Krankenhaus (NARK) zuständig. Dieser Arbeitsausschuss legt laut (externer Link) DIN-Webseite seinen Schwerpunkt auf die Prüfung und Anforderungen sowie Zusatzeinrichtungen von Rollstühlen, die Fahrdynamik, statische und dynamische Stabilität, Festigkeit und Prüfpuppen.

Rollstühle tauchen in vielen Normen auf – z.B. in DIN EN ISO 9999 (Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen – Klassifikation und Terminologie). Oder in DIN EN 12183. In dieser europäischen (daher das „EN“) Norm geht es um muskelkraftbetriebene Rollstühle, ihre Anforderungen, Prüfverfahren – und um elektrische Zusatzantriebe. Die Norm gilt nicht für Sport-, Dusch- oder Toilettenrollstühle. Derzeit (Januar 2022) ist eine neue Fassung in Arbeit.

Wie groß? Wie schwer? Wieviel Platz braucht er zum Wenden? Solche Basisfragen werden in der Technischen Regel ISO/TR 13570-2 „Rollstühle – Teil 2: Typische Werte und empfohlene Bereiche für Maße, Gewichte und Wendebereich, bestimmt nach ISO 7176-5“ benannt. ISO/TS 16840-11 dagegen klärt, wie die Schweißabfuhr von Sitzkissen zur Gestaltung der Gewebeintegrität bestimmt wird.  

Elektrorollstühle haben übrigens eigene Normen, z.B. DIN EN 12184. Die aktuelle Version hat Elektrorollstühle und – mobile sowie zugehörige Ladegeräte zum Thema. Im Entwurf für die nächste Fassung werden auch E-Scooter aufgenommen. In diesem Zusammenhang interessant: Für die dynamische Stabilität von Elektrorollstühlen gibt es eigene separate Normen (NF S90-612-2; NF ISO 7176-2:2018-02-03), genauso wie für die Bestimmung der Höchstgeschwindigkeit, Beschleunigung und Bremsen von Elektrorollstühlen (ISO 7176-6) oder auch zum Thema „Energieverbrauch von Elektrorollstühlen und Elektromobilen zur Bestimmung der theoretischen Reichweite“ (ISO 7176-4). Ebenfalls wichtig: ISO 7176-10 (Bestimmung der Fähigkeit von Elektrorollstühlen, Hindernisse zu überwinden).

Was interessiert mich als Nutzer all dieser DIN-Kram? Das mag nun der ein oder andere Rollstuhlnutzer sich fragen. Darauf gäbe es viele Antworten – neben der bereits erwähnten Sicherheit z.B. den Aspekt der Vergleichbarkeit: Nur wenn alle Hersteller mit ähnlichen Methoden die Reichweite ihrer E-Rollstühle oder den Wendekreis ihres manuellen Rollis bestimmen, kann man einigermaßen sicher sagen, welche Rollstuhl für die eigenen Bedürfnisse der passendste ist.

3. Medizinprodukte, z.B. Katheter

Katheter, Produkte zur Injektion, Infusion oder Transfusion, humanmedizinische Instrumente, Software, Röntgenapparate, Kondome … zählen zur Kategorie „Medizinprodukte“. Sie haben einen medizinischen Zweck und sind zur Anwendung beim Menschen bestimmt. Was in dieser Kategorie erlaubt ist und was nicht, regeln u.a. die EU-Verordnung 2017-745 (Medizinprodukte (MDR), das (externe Links) Medizinproduktegesetz und die Medizinprodukte-Betreiberverordnung.

Parallel dazu zurren diverse Normen im Großen wie auch im Detail fest, wie ein Produkt auszusehen hat, welche Inhaltsstoffe es haben darf oder wie es zu sterilisieren ist.

Bei der Herstellung von Kathetern müssen u.a. folgende Normen beachtet werden:

Die DIN EN ISO 20696:2020 enthält Angaben zu den physikalischen Eigenschaften und Abmessungen von Kathetern, die Normenreihe DIN EN ISO 10993 schreibt fest, welche Anforderungen bzgl. der Biokompatibilität erfüllt werden müssen und die DIN EN ISO 11135: 2020 normiert den Sterilisationsprozess mit Ethylenoxid. Schlussendlich legt noch die DIN EN 15223:2022 fest, wie das Endprodukt zu kennzeichnen ist.

4. Kfz und Mobilität

Auch das ein weites Feld, das mit entsprechenden technischen Vorgaben ein gutes Stück sicherer für den Nutzer wird. Als Paradebeispiel sei der „Kraftknoten“ genannt, der natürlich in einer Norm definiert wird (aktuell gilt DIN 75078-2:2021-, 03). Diese DIN hat es in sich und startet quasi einen sicherheitsrelvanten Rundumschlag: Festgelegt werden die Anforderungen an Kraftfahrzeuge, mit denen Menschen im Rollstuhl befördert werden, die Anforderungen an die Insassen- und Rollstuhlrückhaltesysteme (IRS und RRS) und an die Rollstühle selbst. Weshalb dieser Triple sehr viel Sinn macht, schildert der Beitrag Sicherheit von Rollstuhlfahrern in Fahrzeugen  – auch unter Verweis auf die Ergebnisse entsprechender Crash-Tests.

Und selbstverständlich werden in diversen DIN-Normen auch nahezu alle technischen Ausstattungen rund ums Autofahren berücksichtigt, z.B. in DIN 32985 (Fahrzeuggebundene Rampen für Rollstuhlbenutzer und andere mobilitätsbehinderte Personen) – hier geht es auch um sicherheitstechnische Anforderungen und deren Prüfung. Oder in DIN 32983, deren Thema „zusätzliche sicherheitstechnische Anforderungen und die Prüfung von fahrzeuggebundenen Hubeinrichtungen für Rollstuhlbenutzer und andere mobilitätsbehinderte Personen“ ist.

In nahezu allen Bereichen, die für Menschen mit Querschnittlähmung wichtig sein können, geben Normen Standards vor – und damit Sicherheit. Als Beispiel sei abschließend die DIN EN ISO 16201 genannt, die Umgebungs-Steuersysteme für das Alltagsleben regelt.

Alle genannten Normen sind nur Beispiele, herausgegriffen aus Tausenden von Bestimmungen. Auf der Seite des (externer Link) Deutschen Institut für Normung e.V. kann man ohne Probleme Stunden damit verbringen, in der Suchmaschine Normen zu einzelnen Aspekten zu finden. Mehr als die Titel und kurzen Beschreibungen gibt es dort allerdings nicht zu lesen – die kompletten DIN-Normen können beim (externer Link) Beuth-Verlag, der zur DIN-Gruppe gehört, kostenpflichtig erworben werden. Hinweis: Der Verkauf der Normen-Papiere ist einer der Punkte, mit denen das DIN sich finanziert, entsprechend teuer sind die einzelnen Publikationen. Der interessierte Endverbraucher ist nicht die Zielgruppe.