Meine Querschnittlähmung und ich: Heterosexuelle, hellhäutige Menschen ohne Behinderung

Eine Gesellschaft besteht aus vielen verschiedenen Menschen in allen Größen, Farben, Formen und Ethnien mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Lebensstrategien. Das ist gut und richtig so, doch in den Medien sind einige Menschen deutlich unterrepräsentiert. „Der Prinz der Drachen“ geht da andere Wege.

Menschen mit Behinderung sind in den Medien nicht oft aber immer mal wieder vertreten. Die Darstellung ist nicht immer ganz geglückt, und mir fällt auf: Kindersendungen machen es am besten. Hier ist die Behinderung oft nicht Thema, sondern einfach Teil des Charakters, so wie seine Haarfarbe oder seine Lieblingseissorte. Hier mal ein Beispiel.

„Der Prinz der Drachen“ ist eine amerikanische Animationsserie, deren Plot schnell erzählt ist. Die Königreiche (fünf an der Zahl) der Menschen befinden sich im Krieg mit den Elfen und Drachen. Das Ei, aus dem der Prinz der Drachen schlüpfen soll, wurde entführt und die beiden Söhne des Menschenkönigs Harrow beschließen, es zu seinen Drachen-Eltern zurückzubringen, in der Hoffnung so eine Grundlage für einen dauerhaften Frieden zwischen den rivalisierenden Spezies schaffen zu können. Auf dem Weg erleben sie Abenteuer und begegnen Freunden und Feinden.

So weit ist die Geschichte eigentlich fast ein bisschen zum Gähnen, denn dass aus Gründen ein wichtiges Dingens von A nach B gebracht werden muss, ist ja quasi die Urmutter aller Fantasy-Tropen. Aber weil ich liebender Onkel zweier Kinder (Tilda und Johan) im Zielgruppenalter bin (und Netflix abonniert habe), sah ich mir „Der Prinz der Drachen“ an – und war dann doch überrascht. Und zwar wegen der Diversität der Figuren.

Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus heterosexuellen, hellhäutigen Menschen ohne Behinderung? Ernsthaft?

Als erstes fällt mir auf, dass Menschenkönig Harrow dunkelhäutig ist und Rastazöpfe hat, während die meisten (aber nicht alle) seiner Untertanen doch eher dem blässlichen Bild entsprechen, das man von einem europäischen Mittelalter-Setting erwartet. Dunkelhäutig ist in „Der Prinz der Drachen“ natürlich auch Harrows biologischer Sohn, der Kronprinz, während sein Adoptivsohn hellhäutig ist.

Stichwort Adoptivsohn: Kinder aus früheren Beziehungen kommen in Märchen ja nie so gut weg (fragen Sie mal Schneewittchen und Aschenputtel), aber hier haben Stiefsohn und Stiefvater tatsächlich ein herzliches Verhältnis. Ich schiele zu Tilda und Johan, aber sie regieren gelassen.

Als nächstes tritt die Tante der beiden Jungs auf den Plan, und was soll ich sagen, sie ist taubstumm und teilt sich mit Hilfe eines Dolmetschers mit. Außerdem ist sie die Chefin der Streitkräfte! Ein Blick zu Tilda und Johan zeigt mir, dass sie davon nicht halb so beeindruckt sind wie ich, weshalb ich eine Diskussion mit den beiden zum Thema Frau mit Behinderung als Kriegsministerin gar nicht erst anfange.

Wer hat Angst vorm behinderten Wolf?

Dann treffen wir Wölfin Ava, die als Welpe eine Pfote in einer Falle verloren hatte. Sie kam damit ganz gut zurecht, doch ihre Umwelt hatte ihr die Lebensfähigkeit abgesprochen und wollte sie „von ihrem Leid erlösen“, bis ihr auf magische Weise eine Pfote nachgewachsen war. Spoiler: Es stellt sich raus, dass diese neue Pfote nur eine Illusion war und Ava jahrelang mit nur drei Pfoten umher gerannt war. Sie hatte die Phantasiepfote nicht gebraucht, um klarzukommen – aber sie hatte sie gebraucht, um in den Augen der anderen als daseinsfähig zu gelten. Macht nachdenklich, oder?

Dann ist da noch ein Kapitän, der auf beiden Augen blind ist und mit Hilfe seines Gespürs und eines Assistenz-Papageien navigiert; und als ich erfahre, dass der Chef einer Elfen-Eliteeinheit schwul ist und das Nachbarreich von zwei (miteinander verheirateten) Königinnen regiert wird, bin ich bereit jeden Eid zu schwören, dass „Der Prinz der Drachen“ das Paradebeispiel für gut gemachte Diversität im Fernsehen ist.

Die Sache mit der Querschnittlähmung

Und dann kam die Folge, in der sich einer der Antagonisten den Hals bricht.

Soren, der den Auftrag hat die Prinzen (sowohl Menschen als auch mittlerweile geschlüpfte Drachen) um die Ecke zu bringen, wird bei einem Kampf durch die Luft geschleudert und landet auf dem Kopf. Statt in Superheldenmanier aufzuspringen und weiterzumachen als wäre nichts gewesen, bleibt er liegen, und weil ich der Serie ja inzwischen so einiges zutraue, werde ich ganz aufgeregt und rufe: „Der hat jetzt garantiert eine Querschnittlähmung!“ Das bringt mir jetzt doch endlich mal eine Reaktion von Tilda und Johan ein: Nämlich Ärger, weil ich dazwischen quatsche. Ich halte also den Mund, aber innerlich frohlocke ich. Wir werden sehen, wie Handlungen Konsequenzen nach sich ziehen! Wir werden Charakterentwicklung sehen! Wir werden einen magiebetriebenen Holzrollstuhl sehen!

Tatsächlich: Soren kann Arme und Beine weder bewegen noch spüren. Beim Arzt wird er mit einer Cervikalstütze erstversorgt. Ihm und seiner Schwester wird mitgeteilt, dass sein Zustand sich nie wieder ändern wird. Und Soren kommt damit klar! Er stellt erleichtert fest, dass seine Verletzung einen entscheidenden Vorteil habe, da er ja nun keinen moralisch verwerflichen Befehlen mehr nachkommen müsse. Er hat auch schon einen Plan, wie es für ihn weitergehen soll. Da es mit der Berufswahl „Schwertkämpfer“ ja jetzt Essig sei, wolle er Poet werden und fürderhin Haikus schreiben. Ich juble ihm zu, als er sein erstes Gedicht vorträgt, weil er zwar talentfrei ist und keine Silben zählen kann, aber eine beneidenswerte Resilienz an den Tag legt.

Die Diagnose Querschnittlähmung kann schwer zu akzeptieren sein.

Und dann macht ihm seine Schwester, die dumme Nuss, einen Strich durch die Rechnung, indem sie ihn mit schwarzer Magie heilt. Nicht weil eine Notwendigkeit bestünde sein Leben zu retten, oder weil er sie darum bäte. Sondern weil sie ihn als funktionstüchtigen Muskelmann auf zwei Beinen und Alliierten braucht. Sie ist es, die es nicht schafft, die Diagnose Querschnittlähmung anzunehmen, nicht er.

Mir ist schon klar, dass der Eintritt einer Querschnittlähmung nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für sein Umfeld ganz schön hart ist. Ich denke da an meine eigene Familie, für die es sehr schwer zu akzeptieren war, dass ich nicht mehr so war, wie vor meinem Unfall. Meine Eltern und Geschwister waren sehr stark damals, machten alle meine Launen mit, auch wenn ihnen bestimmt manchmal zum Davonlaufen gewesen wäre, und sie halfen mir in meinem neuen Leben anzukommen. Aber sie versorgten mich auch jahrelang mit Infos zu irgendwelchen neuartigen Therapien, die irgendwo in Weitweitweg an Ratten funktionierten. Ich hatte die Diagnose da schon lange verwunden…

Als Soren zwar geschwächt und mit Krücken aber aufrecht aus seinem Krankenzimmer läuft, bin ich nachdenklich und unglücklich. Nicht weil mir die Heilung nicht offensteht, die Soren erfahren hat. Sondern weil ich mich in ihm nicht mehr wiederfinden kann. Eine Sendung, die bis dahin so wunderbar divers war, und so konsequent vermittelte, dass eine Gesellschaft nicht nur aus heterosexuellen, hellhäutigen Menschen ohne Behinderung besteht, lässt mich bei der Darstellung eines Daseins mit Querschnittlähmung als unwiderruflich aber durchaus lebenswert, kläglich im Stich.

Tilda, die meinen traurigen Blick missversteht, umarmt mich. „Willst du auch wieder laufen können?“

„Nicht wenn du dafür deine Seele verkaufen müsstest“, grummle ich und erkläre den beiden den Grund für meinen Unmut. Meine Ausführungen lösen mildes Erstaunen darüber aus, dass das, was mich beeindruckt, überhaupt erwähnenswert ist. Dass Menschen nämlich in allen Größen, Farben, Formen und mit unterschiedlichen Lebensstrategien, Möglichkeiten und Eigenschaften daherkommen, ist für meine Nichte und meinen Neffen nicht wirklich was Neues. Das erleben sie in den Medien, die sie konsumieren, und das erleben sie in ihrem Alltag.

Hier wächst eine Generation mit ganz anderen Prägungen und Blick auf die Welt heran. Diversität ist für sie die Regel nicht die Ausnahme.

Wenn das mal kein Grund zu Freude ist!


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