Leben mit Querschnittlähmung: Dylan Alcott – in seiner Heimat Australien ein Superstar

Als Jugendlicher vermisste Dylan Alcott in den Medien richtige Vorbilder. Menschen im Rollstuhl, mit denen er sich hätte identifizieren können. Zumindest dieses Problem haben australische Jugendliche heute nicht mehr: Der 31-jährige Tetraplegiker hat in seiner Heimat Kultstatus. Sicherlich wegen seiner sensationellen Erfolge im Sport, aber auch, weil er eine coole Socke ist.

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Wer Alcotts Namen in die Fotosuche einer Internet-Suchmaschine eingibt, sieht vor allem: Lächeln, Strahlen, Optimismus. Der Australier scheint ein natural born Sunnyboy zu sein. Sein witziges, selbstbewusstes, mitunter auch einen Hauch derbes Auftreten haben Alcott bekannt gemacht. Dabei kann er mehr, als nur gute Laune verbreiten.

Der einzige Mann, der bisher einen Golden Slam gewann

Mit bewundernswerter Ausdauer und Zielstrebigkeit hat er sich an die Spitze des Profisports und in die Herzen der Menschen hochgearbeitet. Olympisches Gold im Rollstuhl-Basketball, diverse Erfolge im Rollstuhl-Tennis bis hin zum Golden Slam – dem Sieg bei allen vier Grand Slam-Turnieren plus paralympischem Gold in einem Jahr. Außer ihm haben nur Steffi Graf und Rollstuhl-Tennisspielerin Diede de Groot bisher dieses Meisterstück geschafft. Alcott tritt in der Tennis-Klasse Quad an, in der Spieler aufeinandertreffen, bei denen mindestens drei Extremitäten eingeschränkt sind (siehe auch Rollstuhltennis: Spiel, Satz – Sieg!). Bis zu seinem Abschied im Januar 2022 dominierte er seine Klasse – und prägte auf seine Art die Wahrnehmung des Sports.

„Rollstuhl-Tennisprofi Dylan Alcott hat die Sichtweise des Para-Sports auf ein anderes Level gehievt“, konstatiert zum Beispiel die „Sportschau“. Bei seinem Abschiedsspiel bei den Australien Open im Januar 2022 fieberten über 3.000 Zuschauer mit ihm mit – eine „für Behindertensportverhältnisse tolle Kulisse“, so die Sportschau.

„Der glücklichste Kerl auf der Welt“

Bei diesem Quad-Wettbewerb musste Alcott zum Ende seiner Karriere eine seiner wenigen Niederlagen hinnehmen. Seinem Spaß am Leben tat das jedoch keinen Abbruch: „Ich bin wirklich der glücklichste Kerl auf der Welt, und ich musste heute nicht gewinnen, um das zu realisieren“, wird der 31-Jährige zitiert. „Dank euch allen, die bei uns zuschauen, bekommen Menschen wie ich mit Behinderung Beachtung und Wertschätzung in unserer Gesellschaft.“

Wer ist dieser charismatische Superstar, der noch vor sieben Jahren Invalidenrente bezog, wie sein Management in seinem Portrait betont? Alcott ist seit einer Tumor-Operation in seiner Kindheit Tetraplegiker. Für ihn war der Sport die Eintrittskarte in ein Leben jenseits von Behinderten-Stereotypen hinein mitten ins Leben, so wie er es sich schon als Jugendlicher erträumt hatte. Das war die Zeit, in der er erstmals anfing, mit seiner Behinderung zu hadern („That really sucked“ – wohlwollend übersetzbar mit „Das hat mir große Probleme bereitet“).

Mit sich selbst Pakt geschlossen

Auf seine erste Teenager-Party kam er nur, weil er einfach in die Feier platzte. Einladung hatte er keine bekommen. Nicht, weil seine Kumpel ihn nicht mochten, sondern weil sie zu wenig über seine Behinderung wussten und deshalb nicht einschätzen konnten, ob er überhaupt kommen wollte/konnte. Als er das verstanden hatte, so erzählt er es in einem TED-Talk (siehe Video oben), nahm er sein Leben in die Hand: „I made a pact with myself to never, ever let my disability get in the way of what I wanted to do. I made a pact with myself to not be scared of my disability, but rather to embrace it in everything that I do. (Ich habe mit mir selbst einen Pakt geschlossen, niemals zuzulassen, dass meine Behinderung dem, was ich tun wollte, im Wege steht. Keine Angst vor meiner Behinderung zu haben, sondern sie in allem, was ich tue, anzunehmen.)“

Und das hat offensichtlich prima funktioniert. 2008 gewann Alcott mit dem australischen Rollstuhl-Basketball-Team paralympisches Gold. Mit 17!  Nach dem Basketball folgte seine beispiellose – oder vielleicht besser gesagt: beispielhafte – Karriere im Rollstuhltennis. Nebenher erlangte er eine gewisse Bekanntheit als der Typ, der auf Festivals im Rollstuhl Crowdsurfing macht. Sein Weg, auf Konzerten mehr zu sehen zu bekommen als die Hinterteile seiner Vordermänner (da ist er übrigens nicht der einzige, einfach mal im Netz nach Fotos suchen: Crowdsurfing wheelchair).

Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung „komplett verändert“

Alcott hat sich ganz selbstverständlich sichtbar gemacht. Auch in seiner Karriere als Sportler auf dem Tennis-Court. „Der 15-malige Grand Slam-Sieger im Einzel hat die Wahrnehmung für Rollstuhltennis und Menschen mit Handicap in Australien im Allgemeinen komplett verändert – indem er selbstbewusster und größer als alle anderen Behindertensportler dachte“, würdigt die Sportschau das Außergewöhnliche an seiner Karriere auch außerhalb des Sportplatzes.

Der 31-Jährige ist präsent und auf eine etwas derbe Art auch sehr, sehr witzig, was ihm in seinem Heimatland Kultstatus eingebracht hat. 2022 wurde er zum Australier des Jahres gewählt, eine Auszeichnung, mit der außergewöhnliche Menschen geehrt werden, die „Diskussionen und Veränderungen zu Themen von nationaler Bedeutung anregen“.

Das Leben anderer bereichern

Alcott hat eine Autobiografie geschrieben („Able“), die ein Bestseller wurde. Er ist präsent in den Medien und macht auch auf diesem Wege Menschen mit Behinderung sichtbar und sorgt für ein positives Rollen-Modell. Er hat eine eigene Stiftung gegründet, die Dylan Alcott Foundation, die dazu beitragen will, „das Leben junger Menschen mit Behinderungen zu bereichern, indem durch Mentoring und Stipendien die Eintrittsbarrieren für Sport und Studium beseitigt werden.“

Achja, und weil der Mensch ja auch ein bisschen Spaß braucht, hat der ehemalige Crowdsurfer auch gleich ein eigenes Festival ins Leben gerufen: Das AbilityFest, Australiens erstes und laut Eigenbeschreibung auch einziges vollständig inklusives und für alle zugängliches Musikfestival, dessen Besuch ihm vermutlich jedes Mal wieder sein Markenzeichen – das Dauergrinsen – aufs Gesicht zaubert.