Leben mit Querschnittlähmung: „Es sind die kleinen Muskeln in den Schultern, die einen großen Unterschied machen können.“

Nina Wortmann ist seit einem Unfall 2003 querschnittgelähmt. Die Tetraplegikerin trainiert ihre Selbstständigkeit mit einer notwendigen Hartnäckigkeit – und ungewöhnlichen Hilfsmitteln…

„Meine Lähmungshöhe liegt bei C5/6 motorisch komplett, sensorisch inkomplett. Das heißt, ich kann zwar wahrnehmen, wenn ich z. B. auf einer Falte im Rock sitze, was mich vor Druckstellen bewahrt, aber was meine Bewegungsmöglichkeiten angeht, bin ich sehr eingeschränkt. Allerdings nicht so eingeschränkt, wie ich es wäre, wenn ich nicht ständig trainieren würde.“

Ohne regelmäßiges Training geht es nicht.

Die 41-Jährige erinnert sich lachend an eine Situation, die sich in der Rehabilitation wenige Wochen nach ihrem Unfall zutrug. „Meine Mutter ist Physiotherapeutin und forderte mich schon früh, als alle anderen mich noch in Watte packen wollten. Ich konnte meine Arme nicht heben, keinen Zentimeter, trotzdem warf meine Mutter mir ständig einen Ball in den Schoß. Ich hatte sie mehrfach gebeten, damit aufzuhören und war irgendwann so wütend, dass ich das Ding packte und ihr an den Kopf warf. Ab da war klar, dass „nicht können“ kein Dauerzustand sein musste. Und dass, nur weil ich etwas gestern nicht konnte, ich es nicht unbedingt heute auch nicht können würde.“

Auch 18 Jahre nach dem Eintritt ihrer Querschnittlähmung findet Wortmann immer wieder Mut zu Neuem: „Während des ersten Lockdowns haben wir uns eine kleine Tischtennisplatte organisiert. Wenn man den Schläger nicht festhalten kann, dann gibt es da spezielle Handschuhe, oder man bindet sich den Schläger an die Hand. Und dann spielt man los! Das hat natürlich nicht von jetzt auf gleich super funktioniert. Aber jetzt fliegen bei uns 50 kleine Bälle durch die Gegend und die heb ich auch immer mal wieder auf. Das alleine ist schon wie Leistungssport.“

„Viele funktionierende Muskeln habe ich ja nicht übrig. Aber die, die noch vorhanden sind, fordere ich soweit ich kann. Es sind die kleinen Muskeln in den Schultern, die den Unterschied zwischen „kann“ und „kann nicht“ machen können. Hätte ich nicht angefangen zu Malen und meinen Haushalt zu machen, hätte ich die niemals so trainieren können und das würde einen riesigen Unterschied in meiner Selbständigkeit machen.“  

Mit kleinen Dingen anfangen.

Die Verbesserungen in Wortmanns Mobilität ergaben sich nicht über Nacht. Sie gibt anderen Betroffenen den Tipp mit kleinen Dingen anzufangen: „Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte ich keine Wäsche aufhängen. Dann hab ich damit begonnen Waschlappen über die Leine zu hängen. Und jetzt schaffe ich es sogar die Bettwäsche aufzuhängen.“

Ihre Selbstständigkeit bei der Körperpflege ist dem Model wichtig. Sie schminkt sich selbst und stylt ihre Haare. Und auch zur Maniküre und zur Fußpflege geht sie nicht. „Ich habe eine dicke Nagelfeile – so eine, mit der man die Nägel auch anrauen und polieren kann – und greife die mit der Funktionshand. Das Feilen funktioniert dann, indem ich mit der Feile über die Nägel gehe, oder indem ich die Feile festhalte und mit dem Nagel daran entlang reibe. Ich brauche dafür schon eine Stunde oder länger und bin danach hundemüde. Aber ich schaffe es alleine; ich brauche niemanden, der mir dabei hilft. Und auch damit trainiere ich wieder die noch aktiven Muskeln, was meine Kraft und Beweglichkeit unterstützt.“

Eine Frage der Einstellung

Für Menschen mit Querschnittlähmung hat Wortmann eine klare Botschaft: „Natürlich ist es Scheiße nach einem Unfall oder sonst was querschnittgelähmt zu sein! Da wird das ganze Leben auf den Kopf gestellt und dann darf man weinen und diese Gefühle von Angst, Schmerz und Verlust zulassen und annehmen. Aber irgendwann muss einem dann klar werden: Vom Rumsitzen und traurig sein ist noch nie etwas besser geworden.“

„Körper und Kopf müssen neu trainiert werden, und auch wie man auf andere Leute wirkt, kann Einstellungssache sein. Ich erlebe nie Mitleid oder Abneigung. Wenn mir jemand Hilfe anbietet, dann lächle ich und bedanke mich aus vollem Herzen, denn ich interpretiere da keine Herablassung hinein. Die Leute meinen das nicht böse, die meinen das nett. Also sage ich „Danke!‘“. Manchmal sage ich „Ja, danke!“ und manchmal „Nein, danke!“. Aber ich freue mich immer, dass ich den Menschen nicht völlig egal bin.“


Über ihren Beruf als Model berichtet Wortmann hier: DIVERSITY PEOPLE ART – Bodypainting mit querschnittgelähmtem Model

Und auch hier teilt sie ihre Erfahrungen: Wie schließt man den BH bei eingeschränkter Handfunktion?


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