DIVERSITY PEOPLE ART – Bodypainting mit querschnittgelähmtem Model

Bei Bodypainting-Kunstwerken verschmelzen Model und Hintergrund zu einer kaum zu unterscheidenden Einheit. Tetraplegikerin und Rollstuhlfahrerin Nina Wortmann spricht über ihre Erfahrungen beim Projekt DIVERSITY PEOPLE ART und den Tendenzen in der Model-Szene hin zu mehr Diversität.

„Die Welt ist groß und Menschen in ihrer Art vielfältig“, sagt Künstler Jörg Düsterwald über sein Projekt DIVERSITY PEOPLE ART. „Mit diesen Performances soll einerseits ein kleiner Ausschnitt der Vielseitigkeit aller Menschen und andererseits doch auch die Verbindung miteinander durch die Zusammenführung in einem Kunstprojekt dargestellt sein.“

Über mehrere Monate hinweg und in mehreren Etappen entstanden unter Düsterwalds Hand Kunstwerke der besonderen Art – bewusst abseits von den vermeintlich üblichen Fotomodel-Typen. Die Menschen vor der Kamera sind kurvenreich, schwanger, schwarz, männlich und mit Handicap.  Das Ergebnis ist eine Serie von fünf einerseits unterschiedlicher, aber durch die verschiedenen Models sowie der vergleichbaren Machart eben doch miteinander verbundene Kunstwerke. Und das gleich in doppelter Weise: Zum einen gibt es die digitalen Fotoserien und darüber hinaus die realen, von den Aktionen verbliebenen Bodenbeläge vor denen die Fotos entstanden. Rollstuhlfahrerin Nina Wortmann berichtet über den Auftrag, der auch für sie nicht ganz alltäglich war.

Model Nina Wortmann

Eine Wandlung in den Köpfen der Menschen fängt gerade an stattzufinden.

„Ich bin sehr stolz, dass ich Teil dieser Aktion bin, denn solche Projekt helfen Diversität zu normalisieren“, sagt Wortmann, die auf über 15 Jahre im Model-Business zurückblicken kann. „Ich hatte 2003 meinen Unfall und schon 2004 habe ich beim deutschlandweit ersten Modelcontest für Rollstuhlfahrerinnen teilgenommen. Gar nicht mal so richtig freiwillig. Mein Mann hat mich quasi dazu gezwungen und gesagt er würde nicht mehr mit mir sprechen, wenn ich da jetzt nicht mitmache und ich hab mich ganz kurz vor knapp am letzten Tag der Anmeldefrist beworben. Über 200 bildschöne Frauen mit den verschiedensten Behinderungen hatten sich beworben und ich bin wirklich unter die ersten zehn gekommen und bin sozusagen von einem Fotografen „entdeckt“ worden. Da fing das alles an, auch wenn mein Mann erst gedacht hat, das wäre so ein Trend, der schnell wieder vorbei wäre… Aber als er das sagte, hab ich ihm tief in die Augen geguckt und gesagt ‚Und doch!‘. Auch wenn sich für den Wettbewerb dann keine Sponsoren mehr fanden…“

„Es ist nämlich so: Junge Menschen mit Querschnittlähmung sind ganz normale Menschen, die alles machen und alles werden können, was sie wollen. Die Behinderung spielt dabei überhaupt keine Rolle“, davon ist Wortmann überzeugt. „Und tatsächlich kommen jetzt junge Mädchen auf mich zu, die sich nicht mehr verstecken und verhüllen wollen. Diese Einstellung steckt an. Weltweit arbeiten Künstler und Designer mit diversen Models und ich glaube, dass das nicht nur Image-Geschichten sind. Eine Wandlung in den Köpfen der Menschen fängt gerade an stattzufinden, und ich freuen mich, wenn ich mit meiner Arbeit dazu beitragen kann.“

Das Bodypainting war eine besondere Erfahrung.

Das Projekt DIVERSITY PEOPLE ART war nicht Wortmanns erste Erfahrung mit der Kunstform Bodypainting – dennoch war es eine Herausforderung der besonderen Art. „Es war eine Mega-Erfahrung aber auch enorm anstrengend. Früh morgens ging es los im Atelier von Jörg, das Bemalen dauerte sehr lange – und das obwohl mein Rücken gar nicht erst angemalt wurde –, dann ging es zum Hersteller, der die Bodenbeläge zur Verfügung gestellt hatte. Da war ich nach dem ganzen Tag am Set sowieso schon total erschöpft und dann wurde ich für die Fotos noch mit kalter Farbe übergossen. Das ist für niemanden so super angenehm, aber bei mir triggert ein plötzlicher Kältereiz meine Spastik.“ Zum Glück kennt Wortmann eine Technik, die ihr – nicht immer aber oft genug – hilft damit umzugehen. „Wenn ich nicht gerade wütend oder ängstlich bin, kann ich den Muskeltonus oft mit meinen Gedanken unter Kontrolle halten. Ich kann eine Entspannung herbeiführen, indem ich mir sage ‚Ruhig, ruhig. Entspann dich, entspann dich.‘ Das ist in meinem Beruf total wichtig – und auch in anderen Situation kann das nützlich sein.“ 

Der Rollstuhl ist Teil von Nina Wortmann und damit auch Teil des Kunstwerks.

„Den Rollstuhl empfinde ich als Teil von mir und wurde in das Bild integriert“ erklärt Wortmann. „Dazu wurde er natürlich auch bemalt. Zuerst hatte ich da gewisse Bedenken, denn der Rollstuhl ist ja auch ein Aushängeschild für mich und der kann nicht schmuddelig aussehen. Ich dachte also ‚Was mach ich, wenn die Farbe nicht wieder abgeht…?‘ Der Fotograf schlug einen Rollstuhl aus der Requisite vor, so einen ollen Hobel aus der Pflege. Das ging natürlich gar nicht. Bei so einem Ding kann ich meine Persönlichkeit ja gleich abgeben – aber von der leben die Bilder ja auch. Ich hatte dann ein Gespräch mit meinem Rollstuhlversorger und die waren sofort dabei und boten an mir Teile vom Rollstuhl zu ersetzen, falls das nötig sein würde. Das Rückenpolster, war zum Beispiel nicht mehr zu retten. Diese Unterstützung ist so viel wert! Zum einen sind da natürlich die Kosten, die ich sonst selbst hätte tragen müssen, aber halt auch die Bestätigung, der Glaube an mich, meinen Beruf und die Botschaft, die die Aktion vermitteln solle. Ich bin da unendlich dankbar.“

Vielseitigkeit: Man muss weg von den Stereotypen!

Es hätte sich so viel verändert in der Model-Welt seit sie 2004 damit angefangen hatte, resümiert Wortmann, doch in Deutschland hinge man dem Puls der Zeit erstaunlich hinterher. „Es gibt Misswahlen für Frauen mit Handicap, die international gut laufen, für die man in Deutschland aber keine Sponsoren findet. Dabei gibt es jungen Frauen im Rollstuhl so viel, an so einem Wettbewerb teilzunehmen und als schön empfunden zu werden. Solche Aktionen wie die von Jörg (Düsterwald) helfen hoffentlich die Vielseitigkeit in der Gesellschaft zu normalisieren. Wir sehen nun mal nicht alle gleich aus. Wir sind nicht alle groß, dünn, hellhäutig, Fußgänger oder was auch immer… Aber schön kann, glaube ich, jeder Mensch sein. Wir müssen nur weg von den Stereotypen!“

Fotostrecken zum Projekt DIVERSITY PEOPLE ART und die dazugehörigen Kunstwerke werden in loser Folge medial vorgestellt und präsentiert. Zur Internetpräsenz des Künstlers geht es hier: www.duesterwald-art.de