Als Tetraplegikerin auf dem SUP unterwegs: „Man darf halt nicht aufhören, daran zu glauben“

„Auf dem Wasser zu gleiten ist ein krasser Gegensatz zu meinem durchgetakteten Alltag“, sagt Amke Baum. Die C5-Tetraplegikerin hat das Stand-up-Paddling (SUP) für sich entdeckt – und damit endlich eine Möglichkeit gefunden, gemeinsam mit Mann und Kindern die Natur vom Wasser aus zu erleben. Aufregung und Herzklopfen inklusive.

Amke Baum auf einer ihrer SUP-Touren. Scheint Spaß zu machen!

„Sport auf dem Wasser hat mir total gefehlt“, erzählt die Sozialpädagogin. „Mein Mann und meine Tochter gehen oft Kajak fahren, da konnte ich nie dabei sein. Dann habe ich zufällig bei uns im Ortsblättchen einen Bericht über Adrian Wachendorf, seine Nature Guides und die Möglichkeit, auch als Rollstuhlfahrerin mal auf einem SUP unterwegs zu sein, gelesen. Da stand: Wer Lust hat, kann kommen. Und dann bin ich da einfach hin.“

Für Amke Baum passt alles: Der (externer Link) SUP-Profi hat nicht nur rollstuhltaugliche SUPs für Einzelfahrer und Gruppen entwickelt, sondern auch ganz in der Nähe von Baums Zuhause eine rollstuhltaugliche Anlegestelle: „Der Steg ist barrierefrei, senkt sich allein durch das Gewicht meines Rollstuhls ab und wird so zur Rampe. So kann ich meinen Rollstuhl einfach auf dem SUP platzieren. Nur die elektrischen Räder tausche ich vorher aus, die könnten kaputt gehen, wenn sie nass werden.“

Völlig frei auf dem Wasser

Klingt easy, war aber nicht nur beim ersten Mal mit viel Herzklopfen verbunden: „Auf dem SUP wird mein Rollstuhl wie im Auto fixiert. Vorne zweifach, hinten zweifach. Aber ich selbst sitze völlig frei ohne Sicherung und ohne Gurte im Rolli – falls man wirklich ins Wasser fällt, sollte man keinen schweren Rollstuhl an sich hängen haben. Am Anfang hat mir das ein sehr unsicheres Gefühl gegeben, ich hatte Angst, ins Wasser zu fallen.“ Heute begegnet sie dieser Herausforderung mit Vertrauen: „Ich habe keine Angst vor dem Kippen, da ist höchstens ein ganz leichter Nervenkitzel. Ich verlasse mich darauf, dass einer der Mitfahrer mich retten wird.“*

Außerdem ist sie meistens auf der Ilmenau unterwegs, einem Nebenfluss der Elbe: „Da kann man den Grund sehen, das ist völlig okay.“  Nur einmal sollte es ein bisschen mehr Nervenkitzel sein, sie entschied sich für eine Fahrt auf der Elbe. „Da dachte ich mir dann schon: Was mache ich eigentlich hier? Danach habe ich erst einmal einen Schnaps gebraucht. Aber toll war es trotzdem! Ich hatte eine Herausforderung angenommen.“

Unter anderem auf der Ilmenau werden SUP-Trips auf rollstuhltauglichen Boards angeboten.

Aktiv paddeln kann die 41-Jährige – noch – nicht, „wir haben noch keine Möglichkeit gefunden, das Paddel ohne Handfunktion zu greifen. Sobald ich Kontakt zum Wasser habe, rutscht es mir weg.“ Aber auch so sind die Ausflüge anstrengend genug, weil „ich als Tetra die Wellen spüre und ständig ausgleichen muss“. Hinzu kommt, dass sie schnell anfängt zu frieren. Ihre Touren enden deshalb meist nach etwa eineinhalb Stunden. Dann wird es für sie Zeit, wieder ins Trockene zu kommen.

Höchstmögliches Maß an Selbstbestimmung

Nun ist es nicht so, dass Baum erst die Entdeckung des SUPs Baum aus ihrer Lethargie gerissen hätte – aktiv war sie schon immer. Vor fast 20 Jahren machte ein Unfall sie zur Tetraplegikerin, nach einem Jahr in der Klinik sorgte ihr „sehr stabiles soziales und familiäres Umfeld“ dafür, dass sie in Bewegung blieb: „Die hätten mich gar nicht in Ruhe gelassen.“ Sie fährt regelmäßig Handbike und durch ihre beiden Kinder muss sie „ohnehin aktiv sein.“

Als Sozialpädagogin arbeitet sie zehn Stunden die Woche bei der EUTB in Lüneburg (siehe auch Beitrag „Lotsen im Reha-System“: Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung). Dort kann sie auch ihre Erfahrungen mit dem SUP gut einbringen, wenn sie Ratsuchende im Bereich Teilhabe in der Freizeit berät. Außerdem engagiert sie sich als Peer  im Team Hamburg der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e. V. (siehe auch Peer Counseling mit der FGQ).

Dazu kommt ein strikter Zeitplan mit genügend Raum für Entlastungszeiten, Darmmanagement, Körperpflege, Transfers … „da ist alles streng getaktet.“ Ihre 24-Stunden-Assistenz organisiert sie als Arbeitgeberin mit all den dazugehörigen Pflichten und Verantwortlichkeiten, aber für sie muss das so sein, um „das höchstmögliche Maß an Selbstbestimmung“ zu haben.

Kombination aus Naturerlebnis und Gemeinschaftsgefühl wiegt alles auf

Zum Durchatmen braucht sie Pausen vom Alltag, Momente, in denen sie in die Natur entfliehen kann. „Vom SUP aus die Natur zu erleben, ist etwas völlig neues! Als Rollstuhlfahrerin siehst du da die Gegend aus einer ganz anderen Perspektive, das ist toll – und sonst kaum möglich.“ Mindestens genauso schätzt sie das Gemeinschaftsgefühl, das bei diesem Hobby entsteht: Zum einen kann sie nun endlich zusammen mit ihrem Mann und den Kindern Wassersport betreiben; häufig sind auch Freunde dabei, deren Sohn ebenfalls im Rollstuhl unterwegs ist. Zum anderen lernt sie bei jeder Tour neue Leute kennen, „mit denen ich sonst vielleicht gar nichts zu tun hätte“, erzählt sie im Telefon-Interview. (Für mehr Informationen zur Rollstuhl-Sportart SUP siehe Beitrag Stand-up-Paddling: Inklusion auf dem Wasser.)

Diese Kombination aus Naturerlebnis und Gemeinschaftsgefühl wiegt für sie alles andere auf: „Natürlich muss ich als Tetraplegikerin bei einem SUP-Ausflug viel vor – und nachbereiten. Aber das lohnt sich. Wer im Rollstuhl aktiv sein will, muss sich eben ganz anders organisieren und die ganze Hintergrundarbeit leisten, die man immer mitdenken muss. Man darf halt nicht aufhören, daran zu glauben und sich seine Wege zu suchen!“

*Baum ist Realistin und kennt ihre Grenzen: „Es gibt Barrieren, die einfach da sind … ich zum Beispiel kann mich nicht in ein Kanu setzen lassen, das wäre den Aufwand nicht wert. Und das Risiko, nach einer Kenterung nicht rechtzeitig gerettet werden zu können, ist mir da zu hoch.“


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