Mangelernährung während der Erstrehabilitation – ein großes Problem mit Langzeitfolgen

Eine SwiSCI-Studie zeigt, dass viele Menschen mit Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko für eine Mangelernährung haben. Dies manifestiert sich häufig bereits in der Erstrehabilitation. Die Forscher nennen auch Empfehlungen für Betroffene zuhause.

Einige querschnittgelähmte Menschen, z.B. Tetraplegiker, sollten ganz besonders auf ihre Ernährung achten.

Oft steht eine unzureichende Nährstoffversorgung im Zusammenhang mit der Rückenmarksverletzung selbst, denn durch sie hat der Körper einen erhöhten Bedarf an bestimmten Nährstoffen. Häufig nehmen Betroffene nicht genügend auf, zum Beispiel aufgrund von Appetitlosigkeit, Schluckstörungen oder weil sie auf Hilfe bei der Essenseinnahme angewiesen sind. Dies führt zu einer Mangelernährung.

Eine SwiSCI-Studie (Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study/Schweizer Kohortenstudie für Menschen mit Rückenmarksverletzungen) zeigt, dass die Nährstoffversorgung von Patienten bereits während der Erstrehabilitation viel enger kontrolliert werden sollte: 40% verlassen die Klinik mit einem mangelhaften Ernährungsstatus (Flury, 2022).

Risikogruppen

Die Studienautoren identifizierten folgende Personengruppen, die ein besonders hohes Risiko für Mangelernährung während der Erstrehabilitation entwickeln: Personen mit künstlicher Beatmung, Lungenentzündung, Dekubitus, und Personen, die nicht selbstständig essen können. Generell haben Tetraplegiker aufgrund der höheren Rückenmarksläsion ein höheres Risiko für Mangelernährung als Paraplegiker.

Diese Situation ist problematisch, weil Menschen mit einer Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko für verschiedene Erkrankungen haben. Durchschnittlich leidet jede querschnittgelähmte Person an 6 bis 7 Begleiterkrankungen (Brinkhoff, 2016). Dazu gehören Störungen der Darmfunktion, Harnwegsinfektionen und Druckstellen. Genau diese Erkrankungen stehen aber in einem Zusammenhang mit dem Ernährungsstatus und treten bei mangelernährten Personen eher auf.

Ursache und Folge zugleich

Eine Mangelernährung kann aber auch als Folge einer Erkrankung – zum Beispiel eines Dekubitus – entstehen. Dies liegt zum einen am erhöhten Bedarf an Proteinen, zum anderen an der gleichzeitig geringeren Zufuhr von Nährstoffen, weil Patienten in der Bettruhe oftmals keinen Appetit haben.

Die Mangelernährung kann also sowohl eine Ursache als auch Folge eines medizinischen Problems sein, und sie kommt sowohl bei unter- als auch übergewichtigen Personen vor.

Empfehlungen für Kliniken

Die Studienautoren empfehlen deshalb, die Aufmerksamkeit für Mangelernährung im klinischen Alltag deutlich zu erhöhen und Ernährungsscreenings standardisiert einzusetzen. Diese sollten sowohl bei Eintritt, danach in regelmäßigen Abständen und kurz vor Austritt der Patienten wiederholt werden. So können Mangelzustände viel schneller erkannt und gezielt behandelt werden. Die Dokumentation des Ernährungszustandes in den Austrittsunterlagen würde auch bei den nachbetreuenden Ärzten mehr Aufmerksamkeit für das Thema generieren.

Empfehlungen für Betroffene zuhause

  • Regelmäßiges Wiegen hilft, einen plötzlichen Gewichtsverlust zu erkennen
  • Arzt kontaktieren bei: anhaltender Appetitlosigkeit, ungewolltem Gewichtsverlust, sehr einseitigen Essgewohnheiten
  • Individuell kritische Nährstoffe regelmäßig beim Hausarzt kontrollieren lassen, z.B. Vitamin D oder B12 im Falle einer veganen oder vegetarischen Ernährung
  • Auf die regelmäßige Einnahme von Supplementen achten, wenn diese vom Arzt verordnet werden
  • Bewusstsein schärfen für den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit; insbesondere mit steigendem Alter
  • Einseitige Diäten, Saftkuren oder längeres Fasten können sich nachteilig auf die Gesundheit auswirken; stattdessen lieber professionelle Ernährungsberatung konsultieren.

Dieser Text wurde von der Schweizer Paraplegiker-Forschung im Rahmen der Berichterstattung über die Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study/Schweizer Kohortenstudie für Menschen mit Rückenmarksverletzungen erstveröffentlicht. Herzlichen Dank für das Okay zur Zweitveröffentlichung auf Der-Querschnitt.de!


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch Fachspezialisten wie z. B. Ärzte oder Apotheker.