Meine Querschnittlähmung und ich: „Wenn ich Sie so sehe, dann darf ich mich nicht beschweren!“

Lobe ich ihn? Lobe ich ihn nicht? Um aus meinem Sohn einen „anständigen Kerl“ zu machen, wollte ich ihn eigentlich mit Lob überhäufen – auch, um sein Selbstbewusstsein zu stärken. Ein Video über „Inspiration Porn“ (siehe Link am Text-Ende) lässt mich das Projekt Mega-Lob aber noch einmal überdenken.

Geprägt hat den Ausdruck „Inspiration Porn“ (Deutsch: Inspirationspornografie) Stella Young, eine australische Journalistin, Comedian und Aktivistin. In einem Vortrag (siehe Link am Texte-ende) erzählt sie über den Hang mancher Leute, behinderte Menschen für nichts – sprich: für Selbstverständliches – zu loben.

Dahinter hat Young einen Mechanismus entdeckt, den sie „Inspiration Porn“ taufte: Wie bei der namensgebenden Pornografie auch, würden Menschen zu Objekten gemacht, um andere zu erfreuen. Im speziellen Falle bestehe die „Freude“ darin, dass Nicht-Behinderte beim Anblick eines Behinderten motiviert werden: Wie bescheiden das eigene Leben auch ist, es kann noch viel schlimmer sein. Zum Beispiel, wenn man mit einer Querschnittlähmung lebt: „Wenn ich Sie so sehe, dann darf ich mich nicht beschweren!“*

Das stinkt mir ganz gewaltig!

Häufig verkleidet sich dieser etwas verquere Ego-Kick als „Lob“. Womit ich bei meinem eigentlichen Thema bin: Dem Sinn und Unsinn des Lobens. Lob schafft Hierarchien, denn es beinhaltet, dass der Lobende sich überlegen fühlt. Jetzt finde ich es ja ganz okay, wenn ich als Erziehungsbeauftragter meinen kleinen Sohn lobe. Aber: Wenn ein Erwachsener mich Erwachsenen lobt, stinkt mir das ganz gewaltig. Damit macht er mich klein und tätschelt mir den Kopf. Uarhg! Aufhören!

Hartnäckig scheint sich die Überzeugung zu halten, dass man Menschen mit Behinderung für alles Mögliche loben muss/kann/darf, auch wenn der Grund dafür völlig pillepalle ist. Einkaufen, Autofahren, tanzen gehen, Sport treiben, Urlaub machen – alles ganz normale Dinge. Und dann der überflüssige Kommentar: „Boah, wie schaffst Du das alles?“ Die Denke dahinter: Ein behinderter Mensch muss ganz, ganz mutig, tapfer und stark sein.

Ein bisschen Selbstkritik darf sein

Hm, wenn ich das so schreibe, fällt mir auf: Es sind nicht immer nur „die anderen“, die so denken. Immer mal wieder beobachte ich, dass Menschen mit Behinderung Anerkennung oder besondere Rücksichtnahme erwarten, wenn sie in und mit ihrem Alltag gut zurechtkommen. Ein Aspekt, der meiner Meinung nach von vielen Betroffenen zu wenig selbstkritisch wahrgenommen wird.

Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn eine echte Leistung anerkannt und nicht von oben herab gelobt wird. Beim Kind könnte das ein sorgfältig gemaltes Bild sein, beim Erwachsenen ein Coup im Beruf oder die Qualifikation fürs Paralympics-Kader. Echte Leistungen eben.

Stella Young selbst hat als Aktivistin vermutlich einiges im Mindset der Allgemeinheit verändert. Dafür verdient sie Respekt – und nicht dafür, dass sie morgens wachgeworden ist und ihr Leben gewuppt hat. Sie starb 2014.

Ihr berühmter Vortrag während eines TED-Talks ist im Netz: „I´m not your inspiration, thank you very much“ (Nein danke: Ich bin nicht Ihre Inspiration!).

Achja, das Video, das mich inspirierte und aus dem das Zitat aus der Überschrift stammt, ist natürlich auch im Netz zu finden, auf den Seiten des öffentlich-rechtlichen Angebots funk.net: https://www.funk.net/channel/softie-11990/inspirationporn-1639621.

Diese Kolumne erschien auch in der Frühjahrsausgabe 2022 des „PARAplegiker. Das Magazin für den Querschnitt“, der Mitgliederzeitschrift der (externer Link) Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten Deutschland e.V. (FGQ).


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