Biografie: Freude über das, was möglich ist – statt Trauer über das, was die Querschnittlähmung unmöglich macht

„Ein zerstörtes Rückgrat heiß noch lange nicht, keines zu haben …!“. Dieses Zitat auf den letzten Seiten seiner Biografie sagt einiges über den Menschen Heinz Frei aus. Und über seine – mentalen – Fähigkeiten, die ihn zum Ausnahmesportler machten. Vor kurzem ist die Biografie über den Pionier des Rollstuhlsports erschienen, geschrieben hat es der Schweizer Sportjournalist Martin Born.

Jede Menge Edelmetall, Pokale, Urkunden und Trophäen: In 40 Jahren an der Weltspitze hat Frei etliche Siege errungen.

Born nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Freis Leben. Dabei bleibt er als Autor im Hintergrund, schnell vergisst man, dass man keine Auto-Biografie in Händen hält – auch aufgrund der Ich-Form, die der Autor für seinen Text wählt.

Am Anfang des Buches steht Freis lebensverändernder Unfall bei einem Berglauf. Gelähmt lag der damals 20-Jährige am Fuß einer Felswand, abgeschnitten von der Welt, nicht fähig, um Hilfe zu rufen:  die Rückenmarksverletzung hatte auch die dafür notwendige Bauchmuskulatur lahmgelegt. Frei war damals auf den Sprung in eine Sportlerkarriere. Mit diesen Plänen war es nun, so empfindet er es in der Klinik, vorbei: „Da lag ich also im Bett. Niedergeschlagen. Zerstört.“

Den Pflegenden ausgeliefert

Die ersten Wochen in der Rehabilitation in Basel erlebt der junge Mann „im Delirium. Der Schock war nicht überwunden, die Depression greifbar nahe.“ Ihn plagen düsterste Gedanken. Hilflos zieht er Bilanz, stellt Listen auf und hakt Dinge ab, die er wohl nie mehr würde tun können. Die Hoffnung auf eine Beziehung steht damals auf dieser Liste der verlorenen Möglichkeiten, aber auch der Sport und seine Selbstständigkeit, zum Beispiel in Sachen Körperhygiene: „Ich lag da und war dem ausgeliefert, was die Pflegerinnen und Pfleger mit mir machten.“

Nach zwölf Wochen (Anmerkung der Redaktion: 3 Monate Bettruhe waren damals üblich, bevor eine sitzende Position eingekommen werden durfte. Heute ist ca. 1 Woche üblich) kann er erstmals das Bett verlassen und in den Rollstuhl wechseln. Anders als befürchtet bedeutet er für ihn sofort ein Stück Freiheit. Dem Drang, sich abzuschotten, gibt er nicht nach. Stattdessen trifft er sich mit seinen Sportkameraden, die ihn auch in der Reha mehr als regelmäßig besucht hatten, geht sogar mit ihnen in den Winterurlaub.

Sein Sport war noch nicht erfunden

Nur bei seinen Eltern erlaubt er sich, seine Schwäche und seine Angst zu zeigen. Sie ermuntern ihn zu diversen Therapien-Versuchen – vielleicht kommt ja doch wieder ein bisschen Gefühl zurück in seine Gliedmaßen? Frei machte alles mit. Auch in der Hoffnung, dass er eine Therapie findet, die ihn zurück in die Welt der Bewegung bringt: „Es war die Sehnsucht nach dem Sport, den ich so sehr vermisste, weil es ihn zu dieser Zeit noch gar nicht gab. Er war noch nicht erfunden.“

Frei und seine Freunde sollten das ändern.

Den Sport in der Reha empfand er eher als Training für Alltagssituationen, nicht als das Auspowern und Gewinnen, das ihm so wichtig gewesen war. Also machte er sich auf die Suche nach einem Rollstuhlsportclub und schloss sich einem Verein an, der auch seine Lieblingsdisziplin Leichtathletik im Angebot hatte. Dort traf er einen Tüftler, der in seiner Garage an Rennrollstühlen schraubte, die sich sogar leicht im Auto transportieren ließen. Damals ein Novum: „Es gab außer seinen Plänen und Ideen nichts, das bereits vorhanden war, nichts, das fertig gekauft werden konnte. Wir mussten vieles selber erfinden.“

„In diese Richtung muss es auch bei uns gehen!“

Zu Beginn der 80er-Jahre waren die ersten Modelle fertig. Mit ihnen konnte Frei bis zu 25 km/h fahren (statt der 10 km/h, mit denen er vorher im Alltagsrollstuhl unterwegs war). Er war wieder bereit für den Wettkampf und trat bei Laufveranstaltungen an, sofern diese einigermaßen rollstuhlgängige Strecken hatten.

Eines seiner Schlüsselerlebnisse hatte er jedoch als passiver Zuschauer in Montreal. Eher zufällig besucht er während eines Urlaubs den dortigen Marathon: „Ich staunte nicht schlecht: In der Masse der Läufer gab es auch Fahrer im Rennrollstuhl. Sie waren im Rennen integriert und verfügten über Geräte, die um einiges spannender waren als meines der Marke Eigenbau. Da wusste ich: In diese Richtung muss es bei uns auch gehen.“

Und das tat es dann auch, nicht zuletzt befeuert Freis Engagement und seine Erfolge.  

Nicht immer glorreich: Paralympische Geschichte

Nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Geschichte der Paralympics: Autor Martin Born.

In ihrem Buch nehmen Born und Frei die Leser mit auf eine Tour de Force durch die paralympische Geschichte. Aus heutiger Sicht unglaublich, unter welchen Bedingungen behinderte Spitzensportler damals trainierten, auf welchen Geräten sie ihre Höchstleistungen erbrachten – und wie lieblos manche Paralympics als bloße Pflichtanhängsel der Olympiade stattfanden oder gleich an einen anderen Ort ausgelagert wurden, weil´s da billiger war. Heinz Freis Biografie ist nicht nur eine Lebensgeschichte, sondern auch ein Geschichtsbuch, eine Chronik des Behindertensports und gesellschaftlicher Veränderungen.

Natürlich hält Frei immer wieder Plädoyers für den Sport. Was sollte man von einem derartigen Ausnahmeathleten auch anderes erwarten? „Sport hilft den Behinderten auch, Energie zu verbrennen und damit ihr Gewicht unter Kontrolle zu halten. Übergewicht im Rollstuhl kann ein ernsthaftes Problem sein. Wenn ich zu schwer bin, werde ich im Alltag unbeweglich. Ich brauche Hilfe, wenn ich vom Rollstuhl ins Auto umsteigen will, ich schaffe es nicht, allein ins Bad zu steigen, und schon gar nicht, dieses wieder zu verlassen. Das verschlechtert nicht nur mein Leben, sondern beeinträchtigt auch jenes meiner Liebsten, die bei jeder Gelegenheit für mich da sein müssen.“

Viel Disziplin, viele Erfolge, viel Freude

Ein sehr schöner, altruistischer Gedanke, der hier formuliert wird. Der bei Frei aber ganz offensichtlich gepaart ist mit einem eisernen Willen, enormer Disziplin, Ehrgeiz und Spaß am Siegen. Wer wissen will, wie sportliche Disziplin bei einem Menschen aussieht, der kein Profisportler ist, sondern sein Geld mit einer 50%-Stelle verdient, sollte sich einfach mal seinen Trainingsplan auf Seite 216 und 217 des Buches anschauen. In einer normalen Woche kommt die Schweizer Sportlegende  auf 400 bis 500 Trainingskilometer (noch einmal zum Mitschreiben: pro Woche!), im Trainingslager werden es schon mal 800 Kilometer, als lange Ausdauerstrecke oder eher kurze Intensivstrecke. Plus Krafttraining und Sonstiges.

Für ihn geht diese Rechnung auf: an unglaublichen 8 Sommer-Paralympics hat Frei teilgenommen, 15-mal Gold geholt, dazu 8 silberne und 11 bronzene Medaillen. Zusätzlich startete er bei 6 Winter-Paralympics, war 14-mal Weltmeister, gewann 112 Marathon, hält immer noch einen Weltrekord, und, und, und.. (siehe: Leben mit Querschnittlähmung: Parasport-Legende Heinz Frei über die Kunst, das Bestmögliche zu erreichen). Heute hat er die Kunst der Motivation auch zu seinem Beruf gemacht und agiert als Speaker. Zudem ist er als Stiftungsratsmitglied der Schweizer Paraplegiker-Stiftung und Präsident der Gönnervereinigung der Stiftung tätig.    

Das Leben an der Seite eines querschnittgelähmten Mannes

Zu Wort kommen aber auch Weggefährten Freis, zum Beispiel sein Arzt Guido A. Zäch: „Es braucht die Überzeugung, dass der Mensch nicht in Armen und Beinen, sondern im Kopf und im Herzen stattfindet, das Entscheidende, nämlich die einzigartige Persönlichkeit, ist noch da.“ (Siehe auch: Guido A. Zäch: Mensch. Visionär. Pionier. )

Auch Freis zweiter Ehefrau, die selbst sportbegeistert ist und daher den zeitintensiven Bewegungsdrang ihres Gatten offenbar gut versteht, steuert ein Kapitel bei („Will ich das? Verheiratet mit einem Paraplegiker – wie Rita Frei die Partnerschaft sieht“). Sehr reflektiert schreibt sie z.B. über die Herausforderungen, die die Partnerschaft mit einem Prominenten mit sich bringt: „Schwieriger zu ertragen ist, wenn sich Leute uns nähern, Heinz begrüßen und mich einfach übersehen“. Ein Reaktionsmodus, den vermutlich viele querschnittgelähmte Menschen kennen, jedoch eher aus der Perspektive des Menschen, über dessen Kopf hinweg gesprochen wird (siehe auch: Meine Querschnittlähmung und ich: Zu schön für diese Welt. Oder zumindest für den Rollstuhl).

Eines ihrer Themen ist aber auch die Alltagsorganisation im Zusammenleben mit einem querschnittgelähmten Menschen: „Das Schwierigste ist für mich dabei, dass mir im Alltag die freie Wahl genommen wurde, wie wir die gemeinsamen Aufgaben und Arbeiten aufteilen. Wenn ich in einer gewöhnlichen Beziehung lebe und Glück habe, übernehme ich die Aufgaben, die ich auch am liebsten mache. Logischerweise gibt es bei uns Dinge, die Heinz mit bestem Willen nicht erledigen kann, selbst wenn er es gerne tun würde … So übernimmt er das, war für ihn möglich ist, der Rest bleibt bei mir. Nicht, dass es mir deswegen schlecht gehen würde, aber es ist eine Aufgabenteilung, die vorgegeben ist und nicht ausdiskutiert werden kann.“

Akzeptieren und das Beste daraus machen, scheint das Credo des Buches zu sein So resümiert auch Frei: „Ich freue mich über das, was mir möglich gemacht wird, und trauere nicht dem nach, was ich wegen der Behinderung verpasse. Ich hatte die Wahl zwischen der Depression, die nach dem Unfall drohte, und der Entdeckungsreise, die ich, wenn ich den Mut dazu fand, machen konnte. Ich entschied mit für die Reise und auch wenn ich dabei immer wieder Umwege machen musste, fand ich die Freude am Leben.“ (siehe auch: Leben mit Querschnittlähmung: „Nachhaltig glücklich macht uns das, wofür wir Energie einsetzen mussten“)


Heinz Frei. Biografie von Martin Born.

224 Seiten, 16 × 23 cm, gebunden, Hardcover
Mit 62 Abbildungen
ISBN 978-3-03922-120-2,

CHF 39.– | EUR 35.–

Weitere Informationen auf der Seite des Verlages: Martin Born: Heinz Frei – WEBER VERLAG