Sieben Komplikationen bei chronischer Querschnittlähmung und was man dagegen tun kann

Vor dem Alter kann man sich nicht verstecken. Wenn man als Mensch mit Querschnittlähmung in die Jahre kommt, gibt es einige Dinge, auf die man besonders achten sollte, denn es können querschnittspezifische Komplikationen auftreten – von denen sich viele jedoch vermeiden lassen.

Der Beitrag Alt werden ist nichts für Feiglinge – Über das Altern mit Querschnittlähmung beschreibt die Ursachen des Alterns und welche Körpersysteme und -funktionen betroffen sein können. In Folgenden geht es um Langzeitfolgen von Rückenmarksverletzungen und wie man mit ihnen umgeht.

  1. Blasensteine

    Zu Blasensteinen kann es bei Querschnittlähmung in Verbindung mit neurogener Blasenfunktionsstörung und der damit verbundenen Entleerungsstörung kommen. Vor allem Restharn kann dafür sorgen, dass sich Salze im Urin in der Blase ablagern und langfristig Steine bilden.

    Eine Methode, die man zur Prophylaxe von Harnsteinen anwenden kann, ist die regelmäßige Spülung der Blase mit einer Kochsalzlösung. Zudem kann es ratsam sein, die Blase regelmäßig auf Blasensteine untersuchen zu lassen, so dass schnellstmöglich reagiert werden kann, falls Blasensteine auftreten.

    Zu einem ausführlichen Beitrag geht es hier: Blasensteine als Komplikation bei neurogenen Blasenfunktionsstörungen
  2. Dekubitus

    Mit zunehmendem Alter wird die Haut dünner und weniger gut durchblutet. Zudem schwindet das subkutane Fettgewebe. Beides kann das Entstehen von Druckstellen (Dekubitus) begünstigen, die bei Querschnittlähmung aufgrund der eingeschränkten Sensibilität, fehlender Druckentlastung und Unterversorgung der Haut und des darunter liegenden Gewebes (auch bei jungen Menschen) ein großes Problem sein können.

    Eine angepasste Hilfsmittel, konsequente Druckentlastung, Hautkontrolle und -pflege, können dazu beitragen Druckstellen zu vermeiden. Risikofaktoren müssen erkannt und behandelt werden, und auch die Rolle der Ernährung sollte nicht unterschätzt werden.

    Wenn ein Dekubitus entstanden ist, darf auf der Stelle kein Druck mehr lasten, bis der Dekubitus abgeklungen ist. Für Druckstellen der höheren Grade, stehen operative Maßnahmen zur Verfügung.

    Für eine ausführliche Beitragssammlung siehe: Basiswissen Haut
  3. Kontrakturen

    Kontrakturen sind dauerhafte Verkürzungen von Muskeln, Sehnen und Bändern. Sie führen zu einer Einschränkungen der Beweglichkeit oder zur Versteifung von Gelenken, sodass eine normale Beweglichkeit nicht mehr gegeben ist. Häufig betroffen sind die Schulter-, Knie- und Ellbogengelenke.

    Die häufigste Kontraktur ist der Spitzfuß, bei dem das obere Sprunggelenk eine ständige Streckstellung einnimmt. Ein Spitzfuß entsteht durch Spasmen oder durch einen ständigen Druck auf den Vorderfuß, z. B. durch die Bettdecke. Auch ein ständiges nach unten Hängen der Füße beim Sitzen, kann diese Verkürzung von Muskeln im Waden- und Achillessehnenbereich hervorrufen.

    Prophylaktisch können physiotherapeutische Maßnahmen und Lagerungshilfsmittel gezielt eingesetzt werden. Operative Eingriffe bei bereits vorhandenen Kontrakturen führen oft nicht zum gewünschten Ergebnis.

    Zu einem ausführlichen Beitrag geht es hier: Kontrakturen bei Querschnittlähmung
  4. Heterotope Ossifikation (POA)

    Die heterotope Ossifikation – ein Verknöcherungsprozess von Weichteilen und Gelenken – ist eine relativ häufig (in ca. 20-30% der Fälle) auftretende Komplikation bei Querschnittlähmung – deren Ursache unklar ist, doch beginnt sie meist mit einem lokal ablaufenden entzündlichen Prozess. Am häufigsten betroffen sind Weichteile und Gelenken um die Hüftknochen, doch auch Schulter-, Knie- und Ellbogengelenke können betroffen sein. 

    Zur Prophylaxe stehen verschiedene Medikamente und physiotherapeutische Maßnahmen zur Verfügung.

    Zu einem ausführlichen Beitrag geht es hier: Heterotope Ossifikation (POA) bei Querschnittlähmung
  5. Skoliose

    Bei Skoliose handelt es sich um eine Deformation der Wirbelsäule, zu der es bei Querschnittlähmung aufgrundder jahrelang eingeschränkten muskulären Körperstabilität kommen kann. Prophylaktisch können u. U. Bandagen zu Stabilisierung des Rückens getragen werden. Wenn es zu einer Skoliose kommt, stehen zu Behandlung physiotherapeutische Anwendungen, Korsetts und Sitzschalen sowie operative Eingriffe zur Verfügung.

    Zu einem ausführlichen Beitrag geht es hier: Skoliose bei Querschnittlähmung
  6. Osteoporose

    Osteoporose ist eine häufige Langzeitfolge bei Querschnittlähmung und unterscheidet sich in einigen Punkten vom Erscheinungsbild der Osteoporose bei nicht querschnittgelähmten Menschen. Z. B. tritt der Knochenschwund hauptsächlich unterhalb der Läsionshöhe auf und nicht darüber. Hauptgrund ist der fehlende Belastungsdruck auf die Knochen.

    Es gibt verschiedene medikamentöse und therapeutische Methoden mit denen versucht wird, der Osteoporose entgegenzuwirken. Auch verschiedene Nahrungsergänzungsmittel können u. U. sinnvoll sein.

    Zu einem ausführlichen Beitrag geht es hier: Osteoporose bei Querschnittlähmung
  7. Verlust des Bewegungsumfangs und der Muskelkraft

    Mit dem Alter schwindet die Muskelkraft und die Elastizität der Bänder und Sehen. Geschmeidige, fließende Bewegung werden schwieriger und Transfers und andere Tätigkeiten werden anstrengender. Diesen Umstand müssen Betroffene nicht unbedingt als gegeben hinnehmen: Regelmäßige Körperliche Aktivität ergänzt durch Dehnen und Strecken der Muskeln (evtl. mit Hilfe eines Physiotherapeuten oder einer Pflegeperson), können dem Abbau des Bewegungsumfangs und der Muskulatur vorbeugen. Und auch wenn bereits ein Abbau stattgefunden hat, können beide durch ein angepasstes Trainingsprogramm wieder aufgebaut werden. Auch im fortgeschrittenen Alter.

    Siehe auch: Stefan Lange über Sport und Gesundheit bei Querschnittlähmung

Der kleine Unterschied bei Querschnittlähmung


Die oben genannten Langzeitfolgen können sowohl Männer als auch Frauen mit Querschnittlähmung treffen. Trotzdem ist anzumerken, dass beide Geschlechter vom Alterungsprozess und seinen Konsequenzen unterschiedlich betroffen zu sein scheinen. Eine britisch-amerikanische Studie ergab, dass Männer und Frauen zwar ihre Lebensqualität etwa gleich bewerten, Frauen ihre Erfahrungen mit dem Älterwerden aber eher als „beschleunigt“ charakterisieren, während Männer sie als „kompliziert“ bezeichneten. Frauen mit Querschnittlähmung berichteten mehr von Auswirkungen wie Schmerzen, Fatigue, Hautproblemen und Problemen mit der Mobilität. Bei Männern mit Querschnittlähmung traten eher Diabetes und andere Gesundheitsprobleme auf (McColl, 2019).

Für zwei Erfahrungsberichte siehe: Wie jetzt? Ich bin nicht unverwundbar? – Altern mit Querschnittlähmung und Hennes Lübbering über das Altern mit Querschnittlähmung


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