Leben mit Querschnittlähmung: David Lebuser über Missgunst und die positive Seite des Neids als innerer Motivator

Wer auf den diversen Internet-Auftritten von David Lebuser stöbert, kann schnell das Gefühl bekommen: Der macht alles richtig! Erfolge im Sport, ausgedehnte Reisen (z.B. Florida, Tansania), eine glückliche Beziehung und ein Job, der nicht nur Geld bringt, sondern auch innere Befriedigung. Beneidenswert! Weshalb die Redaktion den Aktivisten und Spitzensportler um ein Gespräch über Neid (unter Menschen mit Behinderung und überhaupt) bat.

Nein, Sie halten Ihren Bildschirm nicht verkehrt herum: David Lebuser bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Wheelchair Skating.

Ausgelöst wurde der Gesprächswunsch durch einen IGEL-Podcast, in dem Sascha Lang über „Neid unter Behinderten“ spricht (hier geht´s zu diesem Podcast). Bei Lang geht es unter anderem um Menschen mit Behinderung, die auf ihn neidisch sind, weil er als Nachteilsausgleich „Blindengeld“ erhält. Beim Interview mit Lebuser, der häufig in der Öffentlichkeit steht und damit eine gut sichtbare Zielscheibe für Neid abgibt, geht es natürlich auch um das fast immer negative Gefühl des Neids, aber ebenso um die Frage, wie er mit negativen Reaktionen auf sein Tun und Lassen umgeht.

Der Mittdreißiger kennt Neid vor allem in einer Form: Als abqualifizierende Bemerkungen über seine Erfolge beim WCMX. „Das kannst du ja nur, weil du so tief gelähmt bist“, bekommt er zum Beispiel immer mal wieder von anderen querschnittgelähmten Menschen zu hören. Mag stimmen. Stimmt aber andererseits eben auch nicht: „Es gibt viele Menschen mit heftigeren Behinderungen, die Sachen machen, die ich mich gar nicht trauen würde und auch nicht könnte“.

Aufgeben. Oder das Beste draus machen.

Hinter solchen Bemerkungen, vermutet Lebuser, „können verschiedene Motivationen stecken. Vielleicht hadert derjenige mit sich selbst oder hat den Mut verloren, sich auf die Suche nach seinem eigenen Potenzial zu machen und versucht nun, sich selbst in dieser Das-kann-ich-nicht-Haltung (Du kannst das nur, weil du nicht so behindert bist wie ich!) zu bestärken“.

In solchen Situationen versucht der Wahl-Hamburger, der sich auch als Peer der FGQ engagiert, auf sein Gegenüber einzugehen. Indem er zum Beispiel daran erinnert, dass jeder Mensch so individuell ist wie die Herausforderungen, die ihm seine Querschnittlähmung beschert. Und dass jeder erkennen sollte, was er mit seinen Mitteln tun kann – und was davon er ausleben könnte/will. Auch für ihn habe es nach seinem Unfall nur zwei Möglichkeiten gegeben: Aufgeben oder „für sich das Beste machen, was eben noch möglich ist.“   

Neid


Neid gilt als eine der sieben Todsünden. Auch außerhalb des christlichen Kontextes hat Neid ein schlechtes Image. Das „Lexikon der Psychologie“ bezeichnet ihn als „destruktiven Triebimpuls“. Zentrales Motiv sei in der Regel der Verdacht, benachteiligt zu sein oder zu werden. Häufig gehe es dem Neider weniger darum, die beneideten Vorzüge zu erlangen, sondern darum, dass der vermeintlich Bevorzugte diese auch nicht besitzt oder sie wieder verliert. Aber es gibt auch eine „helle Seite“ der Macht. Sie könne Ansporn sein, auf die Erfüllung einiger Träume hinzuarbeiten, schreibt die Psychologin Corinna Hartmann. In diesem Sinne sei Neid auch als ein Signalgeber zu sehen, der zeige, dass man in einem persönlich bedeutsamen Bereich, noch zulegen könnte – und damit ein starker Motivator, das auch zu tun. (Zum Weiterlesen: Das macht Neid mit dir – quarks.de)

Barrierefreiheit: „Da muss sich was bewegen“

Für Lebuser gehört dazu auch politisches Engagement. Er ist Aktivist in Sachen Behindertenrechte. Das sehen aber nicht alle, die seine Postings im Web verfolgen. „Was ich öfter mal erlebt habe: Ich stelle von mir ein Video online, spring da zum Beispiel Treppen runter … und dann gibt es immer mal wieder Kommentare, die das kritisieren. Dadurch würde ich signalisieren, dass man keine Barrierefreiheit bräuchte. Denen kann ich nur antworten, dass ich nur meinen Sport repräsentiere und dass ich ganz im Gegenteil in den letzten Jahren meine Sichtbarkeit genutzt habe, um auf den Mangel an Barrierefreiheit hinzuweisen.“

Mit einem gewissen grolligem Grummeln im Aktivisten-Herz – nicht mit Missgunst oder Neid! Darauf legt er großen Wert – registriert Lebuser, zu welch beherzten und schnellen Schritten die Politik fähig ist, wenn es um Herausforderungen wie die Corona-Pandemie geht, die rasches Reagieren unumgänglich machen. „Neid auf die Unterstützung, die Menschen in dieser Situation bekommen, verbietet sich natürlich völlig. Solche Regungen fände ich total schlimm. Aber es ärgert mich schon, wenn ich sehe, dass in manchen Bereichen schnelle Lösungen möglich sind, behinderte Menschen aber seit Jahren einfordern müssen, dass die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention endlich eingehalten werden. Seit 14 Jahren kämpfen wir dafür, und da tut sich wenig. Bei uns muss sich generell in der Behindertenpolitik was bewegen!“ (Siehe auch Beitrag Elf Punkte, die das Leben von Menschen mit Behinderung verbessern könnten)

„Was kann ich tun, damit ich so etwas auch habe oder bekomme?“

Will Vorurteile zerstören: Das Projekt Sit´n´Skate

Etwas bewegen, erkennen, was möglich ist und es gegebenenfalls möglich machen. Lisa und David Lebuser versuchen, mit ihrem Sit´n´Skate-Projekt (s.u.) und auch auf Auslandsreisen Impulse zu geben, zum Beispiel bei ihrer Reise durch Tansania, über die sie auf ihrem Blog Lisa and David (lisa-and-david.net) ausführlich berichtet haben (über eines der dort vorgestellten Projekte berichtete auch Der-querschnitt.de: Haydom-Friends e. V. für querschnittgelähmte Kinder in Tansania: Unterstützung mit Kreativität und Pragmatismus).

Andere Fernreisen haben international besetzte Turniere zum Ziel – schließlich wheelchairskaten Lebusers an der Weltspitze mit. „In der Vergangenheit war es schon so, dass bei einigen das Bild entstanden ist, dass ich nur auf Reisen bin … und dann kamen durchaus Fragen danach, wie das geht, wie wir uns das leisten können. Natürlich muss ich für die Reisen arbeiten, denn trotz der Erfolge kann ich vom Sport allein nicht leben. Aber richtig bösartig war das nie. Und wenn, dann nur von Menschen, die ich eh nicht ernst nehme. Das sind Diskussionen, auf die ich mich gar erst nicht einlasse“.

Neid auf die Leistungen anderer: Ja! Aber bitte keine Missgunst.

Abperlen lassen, „nichts auf die Meinung von Leuten geben, die einem egal sein können“ – allmählich wird der Mann in seiner Abgeklärtheit uns ein bisschen unheimlich. Gottseidank gibt er im nächsten Satz zu, selbst auch nicht frei von Neid zu sein: „Bisschen neidisch auf andere zu sein, ist völlig normal. Ich bin das zum Beispiel, wenn ich etwas sehe, das ich gerne hätte. Wenn eine andere Sportlerin eine Einladung zu einem Event bekommt, oder ein anderer Sportler einen Sponsor-Vertrag, das macht mich neidisch, auch wenn ich es ihnen von Herzen gönne.“

Lebuser hat vor einiger Zeit seinen sicheren Job als Berater bei einem Sanitätshaus aufgegeben, um sich wieder stärker seinem Sport, aber auch seinem sozialen Engagement widmen zu können. Zum Beispiel in dem Projekt Sit´n´Skate: „Sitzen und Skaten – das muss kein Widerspruch sein! Wir stehen aber nicht nur für Tricks im Skatepark, wir wollen mehr! Vor allem wollen wir zeigen, dass ein Rollstuhl nicht nur ein staubiges graues Hilfsmittel sein muss, sondern ein cooles und stylisches Sportgerät sein kann. Mit Hilfe von Rollstuhl-, Skate- und Mobilitätskursen, coolen Filmen und Fotos, sowie Selbsterfahrungs- und Teambuildingkurse verfolgen wir ein Ziel: Destroying Stereotypes!“, wie auf der dazugehörigen Website sitnskate.de zu lesen ist.

Dann versucht er, dran zu bleiben. „Die Frage sollte immer sein: „Was kann ich tun, damit ich so etwas auch habe oder bekomme?“

„Probiere Sachen aus!“

David Lebuser ist Rehafachberater, Referent und Übungsleiter. Er gilt als Deutschlands WCMX-Pionier (Deutscher Meister 2018 und 2019, sehr gute Plätze bei internationalen Contests) – siehe auch Beitrag WCMX: Mit dem Sportrollstuhl in die Halfpipe.

Lebuser hat vor einiger Zeit seinen sicheren Job als Berater bei einem Sanitätshaus aufgegeben, um sich wieder stärker seinem Sport, aber auch seinem sozialen Engagement widmen zu können. Zum Beispiel in dem Projekt Sit´n´Skate: „Sitzen und Skaten – das muss kein Widerspruch sein! Wir stehen aber nicht nur für Tricks im Skatepark, wir wollen mehr! Vor allem wollen wir zeigen, dass ein Rollstuhl nicht nur ein staubiges graues Hilfsmittel sein muss, sondern ein cooles und stylisches Sportgerät sein kann. Mit Hilfe von Rollstuhl-, Skate- und Mobilitätskursen, coolen Filmen und Fotos, sowie Selbsterfahrungs- und Teambuildingkurse verfolgen wir ein Ziel: Destroying Stereotypes!“, wie auf der dazugehörigen Website sitnskate.de zu lesen ist.

Mit Ehefrau Lisa, die ebenfalls querschnittgelähmt ist, und einem engagierten Team sollen Stereotypen in der Wahrnehmung – vielleicht besser: (Selbst-)Darstellung – von Menschen mit Behinderungen zerstört werden. Und gleichzeitig Lebenslust geweckt werden. „Jeder muss für sich selbst gucken, was er tun kann. Wer nicht skaten oder Treppen runterfahren kann, findet vielleicht eine andere Bewegungsmöglichkeiten, die ihm gut gefällt Ich würde jedem nahelegen: Probiere Sachen aus! Komm doch mal vorbei, dann suchen wir was, an dem du arbeiten kannst, damit du demnächst auch mobiler bist.“

Dabei hilft es wenig, missgünstig auf das zu schielen, was andere können, findet Lebuser. „Man sollte lieber auf sich selbst schauen und entdecken, was man tun kann.“ Im allerpositivsten Sinne kann Neid dann auch ein starker Motivator sein: „Das will ich auch können!“


Die Beiträge, die in der Kategorie „Erfahrungen“ veröffentlicht werden, schildern ganz persönliche Strategien, Tipps und Erlebnisse unserer Leser. Sie stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider. Leser, die ihre Erfahrungen auch gerne teilen möchten, wenden sich bitte an die Redaktion. Siehe: Ihre Erfahrungen helfen anderen.